Diskos von Phaistos Das Geheimnis der Scheibe

Womöglich ist die jahrtausendealte Scheibe sogar das früheste Druckerzeugnis mit beweglichen Lettern.

(Foto: imago)

1908 entdeckten Forscher auf der griechischen Insel Kreta eine Scheibe aus gebranntem Ton. Zur Bedeutung der Zeichen auf dem berühmten Diskos von Phaistos gibt es schillernde Theorien.

Von Josef Schnelle

Als der Linguistikprofessor Gareth Owens 2014 bei der "TEDx-Konferenz Heraklion" vor einer Versammlung von Privatgelehrten und Fachwissenschaftlern ankündigte, er habe mit seinem Kollegen John Coleman von der Universität Oxford den "Diskos von Phaistos" endlich zu 90 Prozent entschlüsselt, erwartete die Zuschauer keineswegs ein Lesetext, sondern eine akustische Überraschung:

"I Qe Ku Rija" begann eine weibliche Stimme in feinem Singsang wie aus dem Jenseits den in einem komplizierten Verfahren in eine synthetische Lautsprache übertragenen Inhalt der rund 3600 Jahre alten rätselhaften Tonscheibe vorzutragen, als sei es ein dreiminütiger Popsong aus der Antike.

Eine Art Gebet sei das, behauptete Owens, an die Göttin, deren Name schon in den ersten vier Silben gebildet sei aus vier der 242 Bildzeichen, basierend auf den 45 wiederkehrenden Symbolen etwa mit Pfeil und Bogen, Schiff, Pflanzen, Säge, Helm, Handschuh, einer Taube, einem stilisierten Bienenstock, einem auf der Schwanzflosse stehenden Fisch und einem Kriegerbildnis mit Federschmuck.

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Phonetisch habe man die schon teilweise enträtselten kretischen Schriften Linear A und Linear B genommen und nach Entsprechungen in der Schrift des Phaistos-Diskos gesucht.

So gut das klang, so wenig überzeugend war auch dieser neue Versuch, mit Hilfe von computerlinguistischen Ansätzen endlich das Geheimnis der Scheibe zu lösen. Das haben auch rund 50 Versuche nicht geschafft, die seit 1911 unternommen wurden und abwechselnd eine Silben- oder Buchstabensprache, eine Hieroglyphensammlung vermuteten.

Oder eine astronomische Karte, einen Jahrtausendkalender, einen Aufruf zum Kampf, die trotzige Überwindung einer Erdbebenkatastrophe oder gar eine Anleitung zum Liebesspiel hineininterpretierten. Je nach Lösungsansatz sei der "Text" in der damaligen kleinasiatischen Generalsprache Luwisch, in Urgriechisch oder in Minoisch oder gar "Außerirdisch" verfasst worden.

Verschiedene Interpreten schlossen auch eine weitgehend sinnfreie literarische Spielerei nicht aus mit dem einzigen Zweck, keinesfalls enthüllbar zu sein. Auch eine Notenschrift für eine Komposition oder ein Lied wurde vermutet.

Vielleicht enthält der Diskos ja sogar die Urformel jeden Geheimnisses: Es könnte auch ein kecker Fälscherspaß sein. Klar ist: Der Entdecker war nicht einmal persönlich bei seiner Entdeckung anwesend, sein Team stieß auf den Diskos.

Luigi Pernier wollte in Phaistos solche spektakulären Erfolge feiern wie sein Kollege Arthur Evans, der mit dem zu fantasievollen Übertreibungen neigenden Zeichner Emile Gilliéron die ästhetischen Standards der Begeisterung für die minoischen Kultur gesetzt hatte.