bedeckt München
vgwortpixel

Digitaltrend "Dog Shaming":Hundehalter üben sich in Selbstanklage

Doch nun hat das wahre schlechte Gewissen, das laut Darwin ja nur der Mensch empfinden kann, eine geeignete Bühne gefunden: Die Pranger-Plattform hat einige Tierliebhaber zu einer Gegenaktion inspiriert. Auf der Foto-Plattform theberry.com bezichtigen sich unter dem Schlagwort "Reverse Dogshaming" nun Hundebesitzer selbst der Gemeinheiten, die sie ihren Hunden angetan haben.

Durch die Bilder erfährt man, wozu Menschen in der Lage sind: Sie unterdrücken die Instinkte der Tiere, knuddeln sie gegen ihren Willen, missbrauchen sie als Mülleimer für Reste oder - und das ist wirklich der Gipfel an Perfidie - schieben ihre Flatulenz auf ihren Hund.

Dieser Hund war das Opfer der Trinksucht seines Herrchens.

(Foto: Quelle: theberry.com)

Aber auch unbeabsichtigte, aus Gedankenlosigkeit begangene Missetaten finden hier eine Plattform: der Hundehalter, der zu verkatert war, um den Hund auszuführen; die Mitarbeitern eines Tierheims, die den Geruch Millionen fremder Hunde nach Hause bringt - nach Hause, in sein Revier! Von ungefüllten Wasserschalen und Hundekeksdosen ganz zu schweigen.

Die personifizierte Reue

Im Gegensatz zu den ahnungslos bloßgestellten Hunden zeigen die Besitzer auf ihren Fotos in Körperhaltung und Mimik echte Reue, wirken geradezu zerknirscht von ihrer eigenen Gedankenlosigkeit oder Niedertracht.

Die Selbstanklage des Individuums, das die eigene Übertretung öffentlich gesteht, hat schon Peter Handke in den Sechziger Jahren in seinem Stück "Selbstbezichtigung" verarbeitet. Die Voraussetzung für diese Methode ist weitaus älter: Bereits in der Antike forderte das Orakel von Delphi in einer Inschrift an der Säule des Apollon-Tempels: "Erkenne Dich selbst."

Wie jeder weiß, ist Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung. Sollte es dennoch weiterhin Anlass zu Beanstandungen geben, wird sich die Kultur des "Reverse-Dogshaming" womöglich um eine weitere Stufe vervollständigen - zum Human Shaming. Demzufolge würde der Mensch, das personifizierte schlechte Gewissen, als Handelnder abgelöst. Die Entscheidung, ihn für seine Untaten bloßzustellen, läge beim Haustier.

Frauchen oder Herrchen hätten einen Schandbrief umhängen, vielleicht steckten Hals und Hände gar in einem groben Holzgestell. Denkbar wäre zum Beispiel eine Botschaft wie: "Ich habe meinen treuen Freund am Internetpranger bloßgestellt, nur weil er aus Einsamkeit mein iPhone zernagt hat." Der Hund selbst wäre dann natürlich überflüssig und daher nicht auf dem Bild zu sehen. Mal abgesehen davon: Einer muss ja das Foto machen.

Zeitgenössische Tierfotografie

Verehrt und verzehrt