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Die Wiedergeburt der Do-it-yourself-Welle:Wir basteln uns ein Leben

Seit einiger Zeit wird überall wieder gestrickt und gebacken, geschreinert und geschweißt und geschraubt. Do It Yourself ist das Gebot der Stunde: Hier manifestieren sich die Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit und die Angst vor der Masse.

Das auf den ersten Blick Erstaunliche ist, dass man die Zeit dafür findet. Die Zeit, die sonst immer knapp ist, die abgeht, die davonläuft, die rennt. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass diese Bewegung gerade dazu führt, dass man sie sich wiederholt, die Zeit. Und sonst noch einiges mehr. Aber davon später.

Stilkritik

Alles selbstgemacht!

Seit einiger Zeit wird überall wieder gestrickt und gebacken, geschreinert und geschweißt und geschraubt, dass es eine wahre Freude ist. Freiwillig. Voll Begeisterung. Und die Lust aufs Selbstgemachte hört noch längst nicht auf, wird immer noch stärker gerade bei denen, die es eigentlich nicht nötig haben, weil sie doch längst mit Geist und Verstand ihr Geld verdienen. Und die Anstrengung von Geist und Verstand, das hatten wir so gelernt, gilt in unserer Kultur als höchste, elitärste und ehrenvollste Form der menschlichen Betätigung überhaupt. Kopfarbeiter hatte über Handarbeiter geherrscht, so lange man denken kann.

Und doch. Gerade wenn man es sich so richtig gemütlich machen will zwischen Computerarbeit und den Hunderten Gadgets, die einem jede vorstellbare körperliche Tätigkeit abnehmen, schwappt die jüngste Wiedergeburt der Do-it-yourself-Welle über uns angeblich wohlstandsverhätschelte und konsumorientierte Mittelstandsnachkömmlinge. Und sie schwappte aus Amerika, wo man eigentlich noch viel wohlstandsverhätschelter und konsumorientierter ist als hier. War ihnen langweilig geworden?

Widerstandskämpfer gegen Globalisierung

Hier gab es dafür zunächst einmal Manufactum. Solche handgemachten und manufakturgemaßten Produkte zu erwerben, das verhieß die Entwöhnung vom Billigstkonsumrausch. Durch den Kauf eines liebevoll gefertigten Stücks in limitierter Auflage, bestenfalls aus heimischer Produktion, stieg man auf zum Widerstandskämpfer gegen Globalisierung und Turbokapitalismus, der die Massenware aus Billigstlohnländern über uns gebracht hatte. Aber irgendwie reichte das bald nicht mehr. Man kaufte noch, man machte nichts.

Kaum zu glauben: Der Marsch zurück ins einfache Leben und in die neue Autarkie hat gerade erst begonnen, und wie es sich gehört, erscheint gerade ein sehr lustiges und kluges Buch, "Hab ich selbst gemacht. 365 Tage, 2 Hände, 22 Projekte" (Kiepenheuer & Witsch), in dem Alphamädchen Susanne Klingner aufgeschrieben hat, was alles möglich ist im riesigen Betätigungsfeld des modernen DIY. Schuhe machen. Oder Weihnachtsgeschenke. Brot. Seife. Guerillagärtnern. Einmachen.

Und was dabei nervt und was nicht, was zufrieden macht und wo Enttäuschungen versteckt sind. "Ich käme", blickt Susanne Klingner nach einem Jahr zurück, "mit ausschließlich selbstgemachten Dingen durch den Tag, ohne frieren oder hungern zu müssen." Etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, erkennt sie, macht uns zufrieden. Und glücklich.