bedeckt München

Die Recherche:Stellt euch der Diskussion am Küchentisch

Lasst uns nicht auf die große Lösung warten. Darauf, dass der Staat alle Benachteiligungen aufhebt. Darauf, dass der Feminismus euch rettet. "Den Feminismus" als einheitliche Bewegung gibt es gar nicht, wie eine Kollegin hier klug begründet hat. Es gibt nur Millionen von Frauen (und Männern), die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Wie das aussehen kann, sieht jede und jeder anders. Alle zusammen können dafür sorgen, dass das Thema wichtig bleibt. Dass darüber in jeder Familie geredet, diskutiert und manchmal auch gestritten wird.

Etwa über Väter, die auf dem Kinderspielplatz von Frauen kritisch beäugt werden, auf dass sie ja nichts falsch machen. Und am Ende auch über die Frage, ob neben all den äußeren Faktoren und Rollenzuschreibungen möglicherweise doch ein kleiner, letztlich biologisch bedingter Unterschied besteht, in der Art, wie sich Mutter und Vater zu ihren Kindern hingezogen fühlen. Solche Unterschiede brauchen wir nicht komplett negieren. Aber wir brauchen sie auch nicht als Entschuldigung benutzen, dass alles auf ewig so bleiben muss wie es ist.

Stellt euch der Diskussion am Küchentisch. Lasst uns darum ringen, wer den Einkauf macht, ob wir zum Kita-Sommerfest einen selbstgebackenen Kuchen mitbringen müssen und wie oft das Klo geputzt werden muss. Ringt mit uns und stellt fest, dass die meisten Männer weiter sind als ihr denkt und ehrlich gesagt, selber darunter leiden, wie festgefügt die Geschlechterrollen sind und wie wenig dafür getan wird, sie neu zu definieren. Diese Männer, das solltet ihr begreifen, sind eure Mitstreiter.

Sie sind es, wenn ihr sie denn lasst. So wie einen anderen Mann aus dem Bekanntenkreis. Er ist freischaffender Autor, seine Frau Ingenieurin in einem Industriebetrieb, die zumindest brutto fast doppelt so viel verdient wie er. Er hätte kein Problem, nach der Elternzeit nur noch drei Tage die Woche zu arbeiten und ansonsten zu Hause zu sein. Er würde die kleine Tochter wickeln, füttern und mit ihr spielen, das alles genauso gut wie die Mutter. Er würde auch - ein klein bisschen weniger gut als sie - kochen, putzen und staubwischen. Aber: Sie möchte das nicht.

"Wie viel Gleichberechtigung brauchen wir noch?" Diese Frage hat unsere Leser in der elften Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alle Texte zur aktuellen Recherche finden Sie hier. Mehr zum Projekt finden Sie hier.

© SZ.de/bavo/ebri/cat
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema