Die Recherche:Warum Renate Schmidt und Bascha Mika sich aufregen

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Es gibt prominente Frauen, die sich über diese Entwicklung richtig aufregen. Renate Schmidt zum Beispiel, SPD-Politikerin, von 2002 bis 2005 Bundesfamilienministerin und Autorin des Buches: "Ein Mann ist keine Altersvorsorge". Im Interview mit dem SZ-Magazin klagt sie über Frauen, die besser ausgebildet sind als zu ihrer Zeit, aber nichts daraus machen. Wenn sie Gleichberechtigung wollen, sagt Schmidt, dann müssen Frauen in puncto Familie loslassen. Also akzeptieren, dass "mein Mann die Fenster so putzt, wie er sie putzen will" und sich bewusst werden, dass es okay ist, "eine etwas schlechtere Mutter zu sein", wenn der Mann gleichzeitig zu einem besseren Vater wird.

Bascha Mika, die Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, ging vor fünf Jahren noch weiter. Ihr Buch wurde damals als Frauenbeschimpfung gelesen. Sie schrieb von "Feigheit" und "Selbstbetrug". Frauen, behauptete Mika, wählten zu oft ein bequemes Leben und richteten sich gemütlich zu Hause ein. Sie lebten nach der Devise Kind statt Karriere, scheuten den harten Konkurrenzkampf in der Berufswelt und seien am Ende einfach nicht ehrgeizig genug.

Machos sind inzwischen so sehr in der Minderheit wie die SPD in Niederbayern

Man muss nicht jedes Wort davon richtig finden, aber Bascha Mika und Renate Schmidt haben einen Punkt. Es gibt eine selbstauferlegte Zurückhaltung von Frauen im Berufsleben und ein selbstauferlegtes Überengagement bei Kindererziehung und Haushalt. Dass Frauen unnötigerweise zurückstecken, finde ich ärgerlich - genau wie Renate Schmidt und Bascha Mika. Ich rege mich nicht auf, wenn eine einzelne Frau das tut, über deren konkrete Lebensentscheidung steht mir kein Urteil zu. Aber in der Summe finde ich es bedenklich, schädlich und dem gesellschaftlichen Fortschritt abträglich.

Klar gibt es Chefs, die Frauen absichtlich nicht fördern. Klar gibt es Machos, die sich alles hinterhertragen lassen. Klar gibt es noch immer das unsägliche Ehegatten-Splitting, das so gestaltet ist, dass große Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen steuerlich belohnt werden. Aber alle drei Konzepte stehen gewaltig unter Druck. Wenn sie nicht die besten Kräfte verlieren wollen, können Vorgesetzte kaum noch anders, als auf die Bedürfnisse von Frauen Rücksicht zu nehmen. Harte Machos sind inzwischen so sehr in der Minderheit wie die SPD in Niederbayern. Und das Steuerrecht steht zumindest massiv in der Kritik.

Natürlich gibt es Rollenbilder. Doch einer Rolle kann man sich verweigern

Überhaupt, so denke ich, könnt ihr, liebe Frauen, dem deutschen Staat kaum vorwerfen, zu wenig getan zu haben, für die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf", wie es immer heißt. Es gibt das Elterngeld, das Elterngeld Plus, das Recht auf einen Kita-Platz, das Recht auf einen Teilzeitjob, dazu inzwischen eine oft ausreichende Versorgung mit Ganztagsschulen und Kinderhorten und das alles innerhalb weniger Jahre. Mehr geht kaum in einer freiheitlichen Demokratie.

Es gibt natürlich Rollenbilder, die mit der Erziehung im Elternhaus und in der Schule quasi eingeimpft werden - der Mann als Ernährer, die Frau als Kümmererin. Das hält sich zäh und kann nicht per Gesetz abgeschafft werden. Rollenbilder, die seit ein paar Jahren mit vermeintlich neuen Inhalten sogar immer dominanter werden. Damit meine ich die gerade in großstädtischen Akademikerkreisen gelebte, völlig bekloppte Heroisierung der Mutterrolle, die vorsieht, dass vom Schreiben von Einladungen für den Kindergeburtstag bis zum mit der Laubsäge selbst Aussägen des aus nachhaltig gewachsenem Holz bestehenden Kinderspielzeugs alle Aufgaben stets mit gleicher Hingabe erfüllt werden müssen und die Frau dabei auch noch blendend auszusehen hat.

Aber einer Rolle muss man nicht entsprechen. Man kann sich ihr verweigern. Und wenn das genug Menschen tun, wird es irgendwann eine anderes Rollenbild geben. Deshalb solltet ihr genau das tun, liebe Frauen: Euch verweigern und rebellieren. So wie es in der Frauenbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre einmal angelegt war. "Das Private ist politisch", hieß es damals. Die Lösung, die ich für mich selbst erkämpfe, hat auch Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.

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