Die Paar Probleme (5) Keine Sterne in Athen

Gemeinsam wohnen statt gemeinsam reisen: Seit sie zusammenleben, fährt er lieber mit Freunden in Urlaub. Ein Gespräch über Verzicht und Bedürfnisse.

Von Violetta Simon und David Wilchfort

Manchmal braucht die Liebe Unterstützung, das gilt auch - oder gerade - für "alte Hasen". Der Paartherapeut David Wilchfort und sueddeutsche.de-Redakteurin Violetta Simon suchen im gemeinsamen Gespräch Antworten auf Beziehungsfragen unserer Leser - und zwar immer für beide Partner.

Von wegen Romantik zu zweit: Wenn Paare zusammenleben, müssen sie sich mehr Raum geben, um sich nahe zu sein - manchmal bis in ferne Länder.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Diese Woche erreichte uns folgendes Schreiben:

Eva: Ich reise gerne, am liebsten mit meinem Freund. Früher haben wir tolle Urlaube gemacht, die uns eng zusammengeschweißt haben. Doch seit wir zusammenwohnen, scheinen ihm gemeinsame Reisen nicht mehr wichtig zu sein. Er fährt lieber mit seinen Freunden weg - schließlich sehe er sie im Alltag nicht so oft wie mich. Natürlich weiß ich das Zusammenleben mit ihm zu schätzen. Dennoch ist es mir wichtig, abseits des Alltagstrotts Zeit mit ihm zu verbringen.

Adam: Seit sechs Jahren sind wir zusammen, die Hälfte davon gemeinsam in einer Wohnung. Klar, dass da die Freunde oft hintanstehen. Umso schöner fände ich es, mit ihnen zu verreisen. Meine Freundin kann das nicht verstehen. Sie unterstellt mir, ich wolle mit ihr keinen Urlaub machen. Dabei stimmt das nicht, wir waren früher oft gemeinsam unterwegs. Aber meine Freunde sind mir eben auch wichtig. Die meiste Zeit verbringe ich mit ihr - warum können wir dann nicht getrennt verreisen?

sueddeutsche.de: Das erinnert mich an eine frühere Beziehung, dasselbe Thema. Er sagte: "Was willst du denn noch alles, wir wohnen doch schon zusammen!" Ich sagte: "Gemeinsam Zähneputzen und an einem Tisch essen ist doch kein Ersatz für gemeinsame Unternehmungen!"

David Wilchfort: Ich verstehe Ihre Argumentation, und ich denke, unser Paar argumentiert auch auf diese Weise. Ich finde aber, das ist die falsche Ebene.

sueddeutsche.de: Falsche Ebene? Ich sehe da keine Ebenen - nur zwei Standpunkte: Adam verreist gern mit seinen Freunden, Eva versteht das als Ablehnung.

Wilchfort: Der eigentliche Konflikt liegt aber in der Bedeutung, den die beiden ihrem Handeln geben. Adam sagt: "Wenn ich mit Freunden wegfahre, heißt es nicht, dass ich nicht auch mit dir gerne wegfahre." Eva sagt: "Das heißt es sehr wohl." Hier reicht es nicht zu sagen: "Es stimmt nicht." Eva muss das auch so empfinden.

sueddeutsche.de: Eva kann das aber nicht empfinden. Sie sieht nur, dass ihre gemeinsamen Urlaube durch das Zusammenwohnen ersetzt wurden. Und sie gegen die Freunde. Warum vereinbaren sie keinen Kompromiss - mal mit Freunden, mal zu zweit in den Urlaub?

Wilchfort: Ich könnte mir vorstellen, dass viele unserer Leser denken, die Lösung sei einfach. Einige werden sagen: "Eva soll ihm doch den Spaß gönnen, wenn er mit seinen Freunden wegfahren will!" Andere haben Verständnis, dass seine Freundin nicht auf einen gemeinsamen Urlaub verzichten will. Alles legitime Ansichten, nur nicht ziehlführend. Auf der Was-Ebene werden Adam und Eva nicht zurück ins Paradies finden. Hier ist die schwierigere Wie-Ebene angesagt.

sueddeutsche.de: Was? Wie? Sie sprechen wieder einmal in Rätseln.

Wilchfort: Wir müssen den beiden helfen, aus dem nutzlosen argumentativen Streit herauszukommen. Das wird möglich, wenn sie die Ebenen wechseln. Dass Adam allein verreist, liegt auf der Was-Ebene. Wie Eva diese Tatsache interpretiert, auf der Wie-Ebene. Der Unterschied liegt in der Bedeutung, die das Verreisen für die beiden hat.

sueddeutsche.de: Verstehe. Statt sich gegenseitig an die Wand zu reden, geht es erst einmal darum, die Perspektive und die Gefühle des anderen nachzuvollziehen. Also gut, ab auf die Wie-Ebene. Und dann?

Wilchfort: Eva muss verstehen, dass es nicht nur um Verzicht geht und dass Adam dennoch gerne Erlebnisse mit ihr teilt. Doch sollte Adam nicht nur beklagen, dass sie ihm nicht glaubt, sondern sich fragen, warum ihr das so schwer fällt. Dann versteht er auch besser, was sie befürchtet, zu verlieren. Je nach Kreativität kann er ihr verschiedene Angebote machen, die ihr helfen, dieses Verlustgefühl zu überwinden.

Fortsetzung: Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie man zueinanderfindet.

sueddeutsche.de: Aha. Und welche "Angebote" schweben Ihnen da so vor? Eva wird sich nicht mit Worten zufriedengeben - da müssen Taten folgen!

Wilchfort: Glauben Sie mir, sobald er sich dafür verantwortlich fühlt, dass es Eva gutgeht, und nicht mehr nur Argumente für seinen Urlaub sammelt, wird er von selbst auf Ideen kommen, die bei Eva Früchte tragen. Da hat jedes Paar seine eigene Sprache. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass nur das Paar selbst die Lösung finden kann.

sueddeutsche.de: Derzeit scheinen die Fronten recht verhärtet: Es ist nicht zu erkennen, dass Adam sich in Evas Lage hineinversetzt. Aber das gilt wohl für beide.

Wilchfort: Genau. Auch Eva muss in ihrer Sichtweise beweglicher werden und verstehen, dass Adams Reisewunsch nicht gegen sie gerichtet ist, auch wenn es sich für sie so anfühlt. Sie sollte Adams Worte neu "hören lernen" und erkennen, dass er Freiheit braucht, um sich zu Hause auch frei zu fühlen. Dass er sich ihr dann noch mehr verbunden fühlen kann. Die beiden müssen sich gegenseitig helfen, die Situation anders zu erleben. Nur so kommen sie aus dem Hickhack der Was-Diskussion heraus.

sueddeutsche.de: Mal abgesehen von Wie und Was: Könnte es nicht sein, dass sich der junge Mann einfach noch nicht reif fühlt für ein gemeinsames Leben mit allen Konsequenzen? Stefan Remmler hat diese Einstellung einmal sehr treffend in einem Song beschrieben:

Keine Sterne in Athen stattdessen Schnaps in Sankt Kathrein Ich hab den Urlaub nicht gewollt du hast gesagt es müsste sein ...

Die ganz Zeit sind wir zusammen Sogar zum Frühstück wird gelacht Doch wenn ich dich den ganzen Tag hab Dann bin ich fertig für die Nacht ...

Genau so argumentiert Adam. Wie soll Eva da seine guten Absichten erkennen?

Wilchfort: Indem sie erkennt, dass ein Verzicht den gemeinsamen Alltag auf lange Sicht absichert. Natürlich funktioniert das nur, wenn Adam in anderen Bereichen zu Evas Wohl zum Verzicht bereit ist. In diesem Fall geht es um Einfühlung in das Erleben des jeweiligen anderen. Es geht darum, einen Gewinn zu sehen, wo man bisher nur Verzicht erlebt hat.

sueddeutsche.de: Und wie sollen die beiden das anstellen - Verzicht als Gewinn sehen?

Wilchfort: Hier wäre mein Vorschlag: Die beiden beginnen ein neues Gespräch über das Thema, ohne sich die gleichen Argumente gegenseitig an den Kopf zu werfen. Sie versuchen vielmehr, auf der Basis ihres Empfindens miteinander zu sprechen.

sueddeutsche.de: Auf Basis ihres Empfindens ... geht es etwas konkreter?

Wilchfort: Folgende Übung könnten sie probieren: Jeder spricht so, wie er glaubt, dass der andere die Situation erlebt - das funktioniert am besten in der Ich-Form. Eva drückt sich so aus, als sei sie Adam und umgekehrt. Erst wenn Eva zustimmt, dass Adams Worte ihr Empfinden ausdrücken und Adam bestätigt, dass er es so meint, wie sie es gerade gesagt hat, sollten die beiden zum nächsten Stadium übergehen.

sueddeutsche.de: So werden erst einmal die gröbsten Missverständnisse beseitigt ...

Wilchfort: ... zum Beispiel, ob Adam grundsätzlich lieber mit seinen Freunden wegfährt oder etwa nur dieses Jahr.

sueddeutsche.de: Und das nächste Stadium?

Wilchfort: Wenn sie es geschafft haben, in diese neue Haltung zu kommen, wird ein Wir-Gefühl entstehen. Jetzt steht nicht mehr Adam gegen Eva, beide bringen ihre sich widersprechenden Gefühle in Einklang. In diesem Moment eröffnen sich neue Lösungswege, es entstehen Ideen, die vorher nicht sichtbar waren. Beide sind nun bereit, sich von den scheinbar einzigen zwei Alternativen zu lösen. Nun werden sie Möglichkeiten entdecken, wie der Wunsch der gemeinsamen Erholung und der Kontakt zu Freunden in Einklang zu bringen sind.

sueddeutsche.de: Wer weiß, vielleicht schwingen Adam und Eva derart in Einklang, dass sie sich sogar für eine gemeinsamen Reise begeistern können - zusammen mit seinen und ihren Freunden!

Wilchfort: Kann sein. Auf jeden Fall wünsche ich den beiden eine weitere gute Lebens-Reise, bei der sie weder ihre Freunde noch sich gegenseitig zurücklassen müssen.

sueddeutsche.de: Das wäre dann nämlich eindeutig ein Fall für die Was-Ebene - oder wie jetzt?