Die Paar Probleme (9) "Muss ich denn da mit?"

Er findet ihre Freunde langweilig und borniert, sie fühlt sich dadurch als Person abgelehnt. Ein Gespräch über die Kunst, den anderen miteinzubeziehen - erstmals mit Videos.

Von Violetta Simon und David Wilchfort

Manchmal braucht die Liebe Unterstützung, das gilt auch - oder gerade - für "alte Hasen". Der Paartherapeut David Wilchfort und die sueddeutsche.de-Redakteurin Violetta Simon suchen im gemeinsamen Gespräch Antworten auf Beziehungsfragen unserer Leser - und zwar immer für beide Partner.

Um die persönliche Situation von Adam und Eva zu verdeutlichen, haben wir deren Anliegen von zwei Schauspielern sprechen lassen. Eva wird gesprochen von Agnes Müller, Adam von Rüdiger W. Kunze. Klicken Sie auf die Videos, um sie abzuspielen.

Eva: Mein Mann mag meine Freunde nicht. Wenn ich Besuch bekomme, verschanzt er sich im Arbeitszimmer. Wenn wir eingeladen sind, muss ich mir jedes Mal eine Ausrede für ihn einfallen lassen. Dabei gehören diese Menschen zu meinem Leben. Wenn er meine Freunde ablehnt, lehnt er ein Stück weit auch mich ab. Sie sind wirklich nett, gebildet und kultiviert. Warum bemüht er sich nicht wenigstens, sie besser kennenzulernen? Ich würde das bei seinen Freunden auch tun. Aber er hat ja kaum welche. Nur ein paar Kumpels, mit denen er Fußball spielt.

Adam: Ich kann mir nicht helfen, aber die Freunde meiner Frau sind langweilig und borniert. Wenn sie zusammen sind, verhalten sie sich so eingeschworen, ich komme mir jedes Mal vor wie ein Außerirdischer. Dennoch verlangt sie immer wieder von mir, sie zu begleiten. Wenn ich das ablehne, fühlt sie sich persönlich angegriffen. Warum lässt sie mich nicht einfach in Frieden damit, muss sie daraus gleich eine Grundsatzdebatte machen?

Simon: Ich frage mich, warum Männer so oft ein Problem mit dem Freundeskreis ihrer Frauen haben. Eifersucht kann es ja nicht sein ...

Wilchfort: Wieso nicht?

Simon: Na ja, Eifersucht im herkömmlichen Sinne. Vielleicht eher Neid auf gemeinsame Geheimnisse und Erlebnisse.

Wilchfort: Hier unterscheide ich nicht. Adams Gefühl ist nur eine Variante der Eifersucht. Wenn Eva sagt: "Dabei gehören diese Menschen zu meinem Leben", stört sich Adam an dem Ausdruck "mein Leben".

Simon: Das finde ich anmaßend. Wenn ich so was höre, geht mir der Hut hoch! Ein Paar verschmilzt ja nicht automatisch zu einer biologischen Einheit.

Wilchfort: Es muss eben ein Leben sein, das Adam nicht verstößt. Wenn Eva "mein" betont, gibt es ihm einen Stich.

Simon: Adam ist also verstört, weil er Angst hat, etwas zu verlieren.

Wilchfort: Diese Angst hat Eva mit der Botschaft ausgelöst: "Wenn du meine Freunde ablehnst, lehnst du mich ab." Das zeigt ihm, dass auch sie sich mit diesen Leuten als Teil identifiziert, der nur ihr gehört.

Simon: Es ist ja auch so: Ihre Freunde sind ihre Vergangenheit, haben sie geprägt. Sie teilt mit ihnen Erlebnisse und Erfahrungen. Wenn er sie ablehnt, lehnt er alles ab, was sie mag und ihr wichtig ist.

Wilchfort: Aber wie weit vertraut sie ihm ihre Freunde an? Wie weit will sie das, was ihr "gehört", mit ihm teilen?

Simon: Bisher signalisiert sie nur: "Du kannst dabei sein, bestimmst aber nicht, wie es läuft." Er fühlt sich zum Mitläufer degradiert.

Wilchfort: Hier liegt die Krux: Sie muss sich entscheiden. Entweder hält sie ihn aus diesem Teil ihres Lebens heraus, dann muss sie aushalten, dass er sich zurückzieht. Oder sie ist bereit, diesen Teil ihres Lebens nicht vor ihm zu verschließen, dann muss sie sich bemühen, ihm den Weg dorthin zu ebnen.

Simon: Andererseits - will er denn überhaupt dabei sein? Ich glaube nicht, denn er schreibt: "Warum lässt sie mich nicht in Frieden?"

Wilchfort: Das ist die Taktik der "sauren Trauben" - der Fuchs kommt nicht an sie ran und redet daher dem Raben ein, die Trauben seien ungenießbar.

Simon: Sie glauben also, Adam wäre eigentlich gern einer von ihnen. Und weil sie ihn nicht mitmachen lassen, behauptet er, Evas Freunde seien langweilig und borniert. Mit Verlaub, selbst mein sechsjähriger Sohn würde so argumentieren.

Wilchfort: Aber das trifft es genau! Es steht in dem Satz: "Wenn sie zusammen sind, verhalten sie sich so eingeschworen, ich komme mir jedes Mal vor wie ein Außerirdischer." Dieses Ausgeschlossensein ist es, was weh tut. Und das IST Eifersucht!

Simon: Dann spielt sie aber ein perfides Spiel.

Wilchfort: Ich würde sagen: Die spielen beide ein Spiel. Wenn Sie Adam und Eva getrennt befragen, wird sie sagen: "Er schließt sich immer aus." Er hingegen würde sagen: "Sie schließt mich nie ein." Und beide haben recht.

Simon: Aber wenn er sich aus- und sie ihn nicht einschließt, haben wir eine ziemlich statische Situation. Da muss sich was bewegen.

Wilchfort: Das Stichwort lautet "Brückenbildung" - ein Spiel, das nur zu zweit funktioniert. Einer bildet die Brücke, die so beschaffen ist, dass der andere auch drübergehen kann.

Simon: Sie sprechen in Rätseln ...

Wilchfort: Es reicht nicht, ihn aufzufordern: "Komm halt mit". Sie muss dafür sorgen, dass er sich wohl fühlt. Sie muss sich bemühen um ihn.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Eva ihn auf die Brücke lockt.