Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“Entweder Eis kaufen oder für das Alter vorsorgen?

Lesezeit: 2 Min.

Kolumnist Patrick Bauer.
Kolumnist Patrick Bauer. Lorenz Mehrlich

Für das Geld, das unser Autor für Eis ausgibt, könnte er seinen Kindern auch einen soliden ETF-Sparplan finanzieren. Doch dann würde er die kostenfreien Dramen am Eiscafé verpassen.

Von Patrick Bauer

SZ bei Google bevorzugen

Früher, in den Sommerferien, schickte mein Opa mich jeden Tag zum Eisessen. Zum Gasthaus eine Landstraßenkurve weiter. Ich weiß noch genau, wie der schattige Vorraum roch, in dem die Kühltruhe stand; nach nassen Mauern, langen Nächten und gewischten Fliesen. Es war dort mindestens zwanzig Grad kälter, wenn ich die Ornamentglastür öffnete und aus der Asphaltglut eintrat. Mein Opa gab mir immer eine Mark mit, so viel kostete ein Nogger (warb man damals eigentlich wirklich mit „Nogger dir einen“ oder halluziniere ich das?) oder ein Bum-Bum, dessen Kaugummistiel mir anschließend den Kiefer verrenkte. Und dann drückte er mir immer noch ein Fünf-Mark-Stück in die Hand, damit ich ihm aus dem Vorraum Zigaretten mitbrachte, Camel, die gelben, 50 Pfennig gab es Rückgeld. Ich glaube, ich durfte nur so viel Eis essen, weil er so viel rauchte, aber vielleicht rauchte er auch so viel, weil ich so oft Eis holte.

Jedenfalls: 4 Mark 50, das sind 2 Euro 30, das ergibt in den Berliner Eisdielen, in denen ich jetzt mit meinen Kindern verkehre: höchstens eine Kugel. Eine Kugel Eis ist also heute so viel wert wie eine Schachtel Zigaretten in den Neunzigerjahren. Schon klar, Rauchen tötet effektiver als Zucker, dafür war leider Gottes mein Opa ein weiterer Beweis, aber dennoch: Zu Lebzeiten hatte er von den Kippen ein bisschen länger was als von einem Eis.

Die „Eisflation“ ist auch heuer (dieses Wort habe ich aus München mit zurück nach Berlin genommen) ein Thema, das zum Sommerbeginn die Gemüter erhitzt (ha!), weil an der Eisvitrine so offensichtlich wird, wie schnell unsere Kaufkraft schmilzt (haha!). Im Bundesdurchschnitt kostet eine Kugel dieses Jahr 1,92 Euro, auf Sylt sind es laut aktuellen Erhebungen durchschnittlich stolze 2,83 Euro.

Luxus hin oder her, meine beiden Töchter pochen natürlich seit Mai trotzdem auf ihr Recht auf ein tägliches Eis. Der Teenager interessiert sich zum Glück nicht mehr dafür, das entlastet den Geldbeutel, andererseits braucht er jetzt eine Fitnessstudio-Mitgliedschaft, das mag gesünder sein, billiger ist es nicht. Kürzlich rechnete ein Kollege in einem SZ-Podcast vor, durch den Verzicht auf ein tägliches Eis könnte man mithilfe eines ETF-Sparplans gut privat fürs Alter vorsorgen. Pro Tochter wären das monatlich bestimmt 69 Euro, über die Sommermonate also 345 Euro.

Statt sie damit zu behelligen, fuhr ich die beiden lieber im Lastenrad zum Lieblingseiscafé, und sie aßen Stracciatella mit Pistazienglasur (3,10 Euro). Ich mag nichts Süßes, ich sitze da nur gerne, weil eisflationsgeplagte Eltern und Kinder im Zuckerschock eine wirklich explosive Mischung sind und man da kostenfrei viele Dramen bestaunen kann.

Auf dem Rückweg öffnete meine kleine Tochter ihren pistaziengrünen Mund, so weit es geht, zeigte auf ein Auto neben uns und schrie: „Die Frau raucht da drin!“ Mir schien, sie erwarte, dass ich sofort die Polizei alarmiere, man sieht ja so was kaum noch. Eine Schachtel Zigaretten kostet heute gut neun Euro. Das sind fast 18 Mark oder 18 Bum-Bums im Jahr 1992. Andererseits: Wer jetzt weiterraucht, muss im Zweifel nicht mehr erleben, dass die Kugel Eis bei gleichbleibender Inflation in 25 Jahren genauso viel kostet.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Berlin
:Die Brennpunktschule, die Hoffnung macht

Bald hat jeder Erstklässler das Recht auf einen Ganztagsplatz. Schulleiter Udo Meinecke spannt den Basketballverein Alba Berlin für die Nachmittagsbetreuung ein – mit großem Erfolg.

SZ PlusVon Julian Gerstner (Text) und Friedrich Bungert (Fotos)

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: