Jetzt wohnen wir einige Monate in Berlin, und dass wir angekommen sind, merke ich daran, dass meine jüngste Tochter, fünf Jahre alt, wenn sie mit ihren Puppen spielt, auch Türkisch, Spanisch, Arabisch oder manchmal so eine Art Polnisch spricht. Also: Sie spricht beeindruckend authentisch klingende Fantasieversionen dieser Sprachen, angereichert mit real existierenden Wörtern, die sie aufgeschnappt hat. Ihr Umfeld in Berlin-Kreuzberg – die Kinder, Familien, Erzieher, Leute am Spielplatz – ist insgesamt etwas abwechslungsreicher geworden, als es in München war.
Sie hetzt dann als eine ziemlich beschäftigte „Mutti“, wie sie sagt (das Wort hat sie auch nicht von uns), mit einem vollgepackten Kinderwagen durchs Wohnzimmer und hält ihr Spielhandy vor den Mund und spricht aufgeregt Sprachnachrichten in perfektem Spieltürkischdeutschenglisch hinein. Neulich erklärte sie mir beim Vorbeihetzen, dass sie eine „getrennte Mutti“ sei und der Vater das Kind vom Kindergarten abholen sollte, aber plötzlich keine Zeit habe. Eigentlich sind die Muttis, die sie spielt, immer getrennt.
Das ist noch ein nicht zu leugnender Unterschied zwischen den Münchens und Berlins, die wir kennengelernt haben: Auch die Lebensmodelle sind hier vielfältiger. In Berlin, so meine Feldforschung, leben viel mehr Eltern getrennt. Kaum ein Playdate, bei dem nicht zuerst die Frage lautet: Ist er oder sie diese Woche bei der Mutter oder beim Vater?
Hatte ich in München oft das Gefühl, der Einzige zu sein, der es nicht auf die Reihe gekriegt hat, ein beachtliches Aktien- und Immobiliendepot aufzubauen (beziehungsweise zu erben), habe ich in Berlin oft das Gefühl, der Einzige zu sein, der es nicht auf die Reihe gekriegt hat, eine ansehnliche Patchwork-Konstellation aufzubauen. Bilde ich mir nur ein, dass ich etwas mitleidig angeschaut werde, wenn rauskommt, dass meine Partnerin sogar meine Frau und sogarsogar die Mutter meiner Kinder ist? Bin ich einfach sehr langweilig? Wo sind wir bloß falsch abgebogen? Oder, jetzt mal im Ernst: Wird uns diese Stadt auch auseinanderbringen?
Es ist gar nicht so leicht, meine Trennungselternthese statistisch zu untermauern. Fest steht: Berlin ist die Hauptstadt der Alleinerziehenden. Liegt der Bundesdurchschnitt bei 20 Prozent, ist in Berlin „etwa jede dritte Familie eine Ein-Eltern-Familie“, heißt es bei der zuständigen Senatsverwaltung. Auch der Anteil an „nicht-traditionellen Familien“ wird in Berlin in diversen Analysen recht hoch geschätzt. Was jedoch die Scheidungsquote angeht, liegt Berlin genauso wie München eher im oberen Mittelfeld. Andererseits: Was sagt schon die Scheidungsquote, in Berlin heiraten weniger Paare als anderswo. Als Scheidungshauptstadt gilt Leverkusen, wo im Jahr 2023 auf 100 Hochzeiten 91 Scheidungen kamen. Aber wer schon mal in Leverkusen war, weiß, dass man wirklich jede Möglichkeit ergreift, um sich aus Leverkusen zu verabschieden.
Ich möchte hier aber keine Stadtbeschimpfung betreiben. Davon gibt es genug, besonders gerne gegen Berlin, gerne auch in dieser Zeitung. Als heimgekehrter Berliner weiß ich, dass solche Berlinbeschimpfungen durch Zugezogene zu Berlin gehören wie überquellende BSR-Mülltonnen. Ein Tipp dazu: Man kann sich auch von Städten trennen!
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

