Diagnose Krebs:Vertrauen in den eigenen Körper

Meine Tagesform schwankte durch die Chemo sehr stark; entsprechend flexibel musste ich mein Trainingsprogramm gestalten. Direkt nach den einzelnen Chemo-Behandlungen ging ein, zwei Tage gar nichts; danach begab ich mich vorsichtig wieder auf die Laufstrecke. Dabei verließ ich mich ganz auf mein Körpergefühl; es signalisierte mir bei jedem einzelnen Lauf, wie viel ich mir an diesem Tag zumuten konnte. Mal war es nur ein kurzer Spaziergang, mal die kleine Sieben-Kilometer-Runde, mal zwölf, mal 20 Kilometer - eben immer so viel, dass ich mich dabei wohlfühlte. Nicht feste Trainingspläne mit starren Tempo- oder Streckenvorgaben bestimmten mein Training, sondern allein meine persönliche Komfort-Zone. Zur Sicherheit hatte ich außerdem immer ein Handy und etwas Geld dabei, um im Notfall im Taxi nach Hause fahren zu können.

Im Laufe der Trainingswochen ging es mir körperlich und mental immer besser. Ich bekam wieder Vertrauen in meinen Körper, der mich durch die Erkrankung - so empfand ich es - so schmählich im Stich gelassen hatte. Ich fühlte mich wieder stark und autonom. Ich hatte der Krankheit - und der Behandlungs-Maschinerie - etwas entgegenzusetzen! Das war auch etwas Neues für mich: Dass ich mein Vorhaben gegen den Widerstand der ärztlichen Autoritäten durchsetzte!

So etwas hatte ich vorher noch nie gewagt. Erst in der Krise merkte ich, was überhaupt in mir steckt!

Persönliche Botschaft von Brigitte Armbruster
Achten Sie auf Ihre Grenzen

Liebe Leserin, lieber Leser, sollten Sie Krebspatient und trainierter Läufer sein und sich ebenfalls am Marathon versuchen wollen: Bitte achten Sie sehr genau darauf, sich nicht zu viel zuzumuten! Selbst für gesunde Läufer ist ein Marathon mit seiner wochenlangen Vorbereitung eine große Belastung; körperlich und auch psychisch. Wie oft sieht man bei einem Marathon einzelne Teilnehmer halb ohnmächtig, blutend, sich übergebend ins Ziel wanken, weil sie sich offensichtlich zu viel zugemutet haben. Für Krebspatienten mit beeinträchtigtem Immunsystem und geschwächtem Allgemeinzustand kann eine solche Überlastung lebensbedrohlich sein! Lassen Sie Ihr Laufprogramm in jedem Fall kontinuierlich medizinisch begleiten; idealerweise - wie bei mir - sowohl von onkologischer als auch von sportmedizinischer Seite. Achten Sie bitte auf Ihre Grenzen und passen Sie gut auf sich auf. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und viel Freude beim Laufen!

Der Weg aus meinem persönlichen Tiefpunkt

Im Laufe meiner Trainingswochen verbesserte sich mein körperlicher Zustand sogar messbar; meine Blutwerte bewiesen es. Das ist außergewöhnlich, denn normalerweise werden sie während einer Chemotherapie kontinuierlich schlechter, da die Wirkstoffe, die die Krebszellen bekämpfen sollen, auch die gesunden Körperzellen schädigen. Dieser messbar positive Effekt meines Trainings überzeugte endlich auch meine Ärzte: Ich bekam offiziell grünes Licht für mein Marathon-Projekt. Insgesamt trainierte ich neun Wochen lang. Das Ziel: der Frankfurt-Marathon am 26. Oktober 2008. Als ich die 42 Kilometer am großen Tag dann endlich in Angriff nahm, war das fast schon Routine. Nach vier Stunden und 37 Minuten lief ich glücklich lächelnd ins Ziel. Ich war wieder zurück im Leben!

2011 trat ich noch einmal bei einem Marathonlauf an. Aber dieses Mal merkte ich, dass sich meine Prioritäten völlig geändert hatten. Inzwischen war ich wieder im Berufsleben, hatte die Krebsbehandlung hinter mir und war sogar frisch verliebt. Der Marathon hatte da einfach nicht mehr den Stellenwert wie noch drei Jahre zuvor. Bei Kilometer 26 stellte sich mir auf einmal die Frage, ob ich jetzt wirklich noch 16 Kilometer weiterlaufen will. Meine Antwort war ein klares "Nein, das will ich nicht. Ich will viel lieber mit meinem besten Freund und mit einem Döner und einem Bier in der Sonne sitzen!" Und genau das tat ich dann auch - ich brach den Lauf ab und verabredete mich mit dem Freund. Es war die richtige Entscheidung; ich habe sie nie bereut.

Mein erster Marathon ist jetzt fast sieben Jahre her. Er wurde zum ersten dokumentierten und wissenschaftlich publizierten Marathonlauf während einer Chemotherapie. Für mich war er mein ganz persönlicher Lauf zurück ins Leben."

Brigitte Armbruster, 45, Frankfurt am Main, ist ausgebildete Mediengestalterin und arbeitet heute als freiberufliche Lektorin und Texterin.

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