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Deutschlandreise:Die Kraftfahrer 

Als Mobilität noch Euphorie auslöste, war Autowandern der letzte Schrei. Das lehrt der ADAC-Reiseführer aus dem Jahr 1971.

Michael Kemény schaut auf seine Uhr und sagt: "In einer Stunde ist Krieg." Kemény ist kein General, noch nicht einmal ein einfacher Soldat. Aber er verfügt über eine massive Streitmacht: Ein Motorrad und vier Abschleppwagen stehen bereit; hinten, in der Halle, dann das große Gerät, drei Kranwagen, mit denen Kemény Laster bergen kann. Neun Leute arbeiten für ihn, ihr Terrain ist der Landkreis Landsberg am Lech, 3000 bis 4000 Einsätze fahren sie im Jahr, im Winter ist es weniger Arbeit, einfach, weil auf den Straßen weniger los ist. "Aber wenn es dann einmal kracht, dann richtig", sagt Kemény. Jetzt hat er eine Urlaubssperre für seine Angestellten verhängt, in einer Stunde beginnen in Bayern die Ferien. Kemény: "Morgen komme ich mit fünf Toten heim."

Das Lebensthema von Michael Kemény ist die sogenannte Rettungsgasse

Kemény ist 52 Jahre alt, sein Gesicht sonnengegerbt, er sieht ein bisschen aus wie der Bodybuilder Ralf Moeller. Kemény hat eine Kfz-Lehre absolviert, beim Katastrophenschutz für die Stadt Landberg am Lech gearbeitet, an den Wänden seines Büros hängen Unmengen von Urkunden - für die Ausbildung zum Gelben Engel beim ADAC, als "Kavalier der Straße". Keménys Leben sind Autos und der Verkehr, sein Lebensthema ist die sogenannte Rettungsgasse: der Platz, den er braucht, um in einem Stau zur Unfallstelle zu gelangen. Er hat Hunderte Filme von seinen Bergungsfahrten gedreht, sie zeigen, wie Wagen kreuz und quer auf der Autobahn herumstehen. "Von einer Rettungsgasse haben die offenbar noch nichts gehört", sagt Kemény, "dabei geht es manchmal um Minuten." Stattdessen wird er angepöbelt, "Pisser", "Wichser", heißt es dann. "Im Stau wird um jeden Meter gekämpft."

Ausflug mit dem Auto nach Rottach-Egern

Rottach-Egern am Tegernsee: Mitte der 60er-Jahre kurvte eine Familie um den See, heute wartet der Fährmann auf Fußgänger - nicht auf Autos.

(Foto: Sonja Marzoner/Scherl)

Der Mensch und das Auto, das ist, wenn man Kemény so zuhört, eine ziemlich verkorkste Beziehung. Geprägt von "purer Ignoranz". Wie bei dem Mann, dem der Wohnwagen von der Anhängerkupplung gerutscht war, er es aber erst hundert Kilometer später bemerkte. Oder bei den Eltern, die ihre Kinder während eines Staus am Autobahnrand Fußball spielen ließen. Geprägt auch von der Faulheit der Autofahrer, weiß Kemény. "Die Leute sind so bequem geworden, die erwarten immer Rundumservice." Wie zum Beispiel der Reisende, der den ADAC wegen einer Panne alarmierte. Als Kemény ihn anrief, stellte sich heraus, dass er eine CD hören wollte, das Handschuhfach aber nicht öffnen konnte, um sie herausholen. "Den hab ich zum Teufel gejagt."

Was ist da geschehen zwischen dem Mensch und seinem Gefährt? Früher war ja immer alles besser, heißt es. Stimmt das? "Der Autofahrer hat es heute leichter, auf Entdeckungsreise zu gehen, als der Fußwanderer früherer Zeit", analysiert der Reiseführer "Autowandern in Bayern" die Psyche des mobilen Urzeitmenschen. "Aber er erliegt auch viel eher der Versuchung, oberflächlich zu reisen, mit dem Gaspedal mehr Kilometer abzujagen, als einer genussreichen Erkundungsfahrt zuträglich ist." Der ADAC gab den Leitfaden 1974 heraus und setzte der "Versuchung, oberflächlich zu reisen" das entgegen, was heute wohl "Entschleunigung" genannt wird: "Die besinnlichen Wanderfahrten wollen dem Kraftfahrer ein neues Gefühl fürs Schauen und Erleben geben. Sie wollen auch seine Bereitschaft wecken, die Dinge intensiver zu sehen, plastischer, vielleicht hintergründiger."

Deutschlandreise

In der Serie besuchen SZ-Autoren Städte und Regionen anhand historischer Literatur.

Die 1970er-Jahre waren eine Übergangszeit für den Kraftfahrer. Einerseits war der rasende Stillstand im Verkehr schon vielfältig dokumentiert. In Berichten aus Los Angeles zum Beispiel, wo sich der Feierabendverkehr in der Rush Hour nur millimeterweise voranschob. Oder in "Weekend", Jean-Luc Godards Film von 1967, in dem er ein apokalyptisches Bild des wochenendlichen Ausflugsverkehrs rund um Paris zeichnete. Zur selben Zeit trug das Autofahren das Versprechen von Freiheit noch in sich: Auf den Reisen nach Spanien, Italien oder Griechenland tollten die Kinder auf den Rücksitzen, die Eltern, sie rauchten vorne Kette. Zusätzliche Bremsleuchten, Airbags, elektronische Einparkhilfen, das war Stoff für Science-Fiction-Autoren und andere Spinner. Autowandern hingegen war damals das "Zauberwort", wie der ADAC-Führer schreibt.

20 Jahre zuvor hatte der Automobilclub die sogenannte südbayerische Heimatfahrt begründet und damit "einen Zweig der Touristik ins Leben gerufen, der bei den Kraftfahrern auf ungewöhnliches Echo stieß". So erscheint im Süddeutschen Verlag 1964 die zweite Auflage des Leitfadens "Mit dem Auto wandern - 25 Fahrten für Kunstfreunde durch Südbayern" für Kunstfreunde". Darunter die "Lechfahrt" durch den Pfaffenwinkel, westlich raus aus München, vorbei am Ammersee über Landsberg bis nach Schongau im Süden. "Die neuausgebaute Autostraße ist schnell und schön. Wald und Moor begleiten sie, und über die Höhen glänzt vertraut das Gebirge her", schreiben die Autoren. Abseits der Landschaft, der "fruchtbaren Weiden, lichten Wälder, weichen Luft, stolzen Höfe", werden vor allem die "vielen Kirchen und Klöster" geschildert, "die ihr darum den Namen Pfaffenwinkel eingetragen haben." Und für jeden, der jetzt Hintergedanken hegt, sei gesagt: Bis zur Reformation war der Pfaffe ein allseits geschätzter Stand.

Robert Neuner jedenfalls hat so gar nichts Pfäffisches an sich, er ist ein freundlicher, kräftiger Mann mit einem offenen Blick. Seit sechs Jahren leitet der Pfarrer die Gemeinde der katholischen Autobahn- und Pfarrkirche "Maria am Wege" in Windach. Ende der 1960er-Jahre wurde die Kirche gebaut, geplant als "ein Zelt für das pilgernde Gottesvolk", wie Neuner sagt. Und so sieht sie auch aus, ein überdimensioniertes Zelt mit einem Dach aus Holz. Die erste Autobahnkirche wurde 1958 in Adelsried an der A 8 eingeweiht: "Der teilweise hohe Geräuschpegel im Auto, die Flut visueller Eindrücke, der Zwang, sich ununterbrochen zu konzentrieren sowie eine geringe Bewegungsfreiheit sind wesentliche Faktoren physischer und psychischer Belastung. Diese Belastungen machen Ruhepunkte am Rande der Fahrbahn notwendiger", lautete die Begründung für diese neuen "Rastplätze der Seele". Inzwischen gibt es fast 70 Autobahnkirchen in Deutschland, eine Million Menschen machen Jahr für Jahr dort Halt.

Bei Robert Neuner sind es im Sommer um die 70 Menschen am Tag, die die Kirche besuchen. "Fernfahrer, Vertreter, Familien, manche sind Stammkunden", sagt Neuner. So wie das Paar mit seinen drei Kindern, die auf dem Weg aus Baden-Württemberg ins Salzburger Land hier regelmäßig vorbeikommen. Das Besondere an der Autobahnkirche aber sei die Anonymität, das "Hier-kennt-mich-keiner", sagt Neuner. "Das ist auch für mich ein ganz besonderer Reiz. Ich quatsche die Leute dann auch nicht an." Nur am vergangenen Samstagabend, da habe er sich zu einer älteren Dame, die allein vor der Kirche saß, hinzugesellt. "Sie hat für ihre schwerkranke Mutter gebetet." Und dann gebe es noch einen ganz profanen Grund, hier Pause zu machen, erklärt Neuner und lacht: "Gute Toilettenanlagen sind wichtig."

Georg Willeuthner: Autowandern in Südbayern. 20 Jahre Heimatfahrt des ADAC Südbayern. München, 1. Auflage 1974.

2013 kam es in Deutschland zu 415 000 Staus, zusammen sind das 830 000 Kilometer

Auf der Landstraße freie Fahrt für den freien Bürger, nächste Station ist Schongau. Der Motor schnurrt, der Reifendruck stimmt, Ölstand ist geprüft, die Bremsleuchten leuchten. "Die Fahrt", das hatte Michael Kemény noch mit auf den Weg gegeben, "die Fahrt fängt nicht beim Losfahren an. Sie fängt mit der Vorbereitung an." Im Radio werden Staumeldungen durchgegeben, A 8, A 9, A hier, A dort, die Litanei beginnt.

Der Mensch, der ist schon ein seltsam dummes Wesen, erfährt man in der nun folgenden Sendung. Im Jahr 2013 kam es in Deutschland zu 415 000 Staus, zusammengerechnet standen die Menschen auf 830 000 Kilometern still. Andersherum: Jeder Autofahrer in diesem Land steckte im Durchschnitt 37 Stunden fest. Angeführt wird die Bestenliste von Nordrhein-Westfalen, auf Platz zwei folgen die Bayern, Dienstagmorgen und Donnerstagnachmittag, auch das ist bekannt, sind in München die schlimmsten Stautage. Die Menschen wissen so viel über sich und das Auto wie nie zuvor. Trotzdem stürzen sie sich am Dienstagmorgen in München in den Berufsverkehr. Und die meisten Staus sind unnötig: Panikbremsungen, sinnlose Spurwechsel, der Reißverschluss, der nicht funktioniert, die gierigen Gaffer. Selbst Fische verhalten sich da in ihren Schwärmen klüger, Ameisen sowieso. Die überholen auf ihren Straßen nicht, und wenn eine das Tempo nicht mehr halten kann, weicht sie auf eine andere Spur aus.

Wie in den 1970er-Jahren befindet sich der Autofahrer auch derzeit wieder im Transit. Diesmal geht es um den Übergang vom Individuum zum kollektiven Wesen, zur Ameise sozusagen. Der Traum von der Freiheit des Fahrens, er ist noch da und wird auch von den Autoherstellern genährt. Tatsächlich aber arbeiten die Unternehmen an der Entmündigung des Fahrers. Am Ende werden GPS, TomTom oder Google das Steuer übernommen haben.

Im Moment aber, und das ist das Paradoxe, führt der Fortschritt zu noch mehr Stillstand: Wer sich heutzutage bei einem Stau auf das Navigationsgerät verlässt, steckt kurz darauf im nächsten. Die Verkehrsanalysen vieler Geräte sind schlicht noch nicht präzise genug. "Navis produzieren dadurch mehr Staus", sagt Michael Schreckenberg, Verkehrsforscher an der Universität Duisburg-Essen.

Kurz hinter Schongau liegt Peiting, 11 400 Einwohner, keine besonderen Sehenswürdigkeiten, kein Ortsschild in Deutsch und Chinesisch für die vielen Touristen. Hier betreiben die Kehrers ihr Geschäft. Gert Kehrer war einmal Zeitsoldat, vor 15 Jahren hat er die Tankstelle übernommen. Das Geschäft lief einige Jahre gut, nun sagt er, "heißt es kämpfen".

Tankstellen sind die weltlichen Autobahnkirchen, Zwischenstopps für die kraftfahrende Gesellschaft. Doch anders als die "Raststätte für die Seele" haben sie ihre Seele lange verloren, sind zu Unorten verkommen. Die Ölunternehmen diktieren die Pachtverträge, der Stand mit den Süßwaren an der Kasse, die Kaffeebar, selbst der Gang zur Toilette - die Belange des Reisenden unterliegen rundum längst ausgeklügelten Geschäftsmodellen. Die Kehrers sind einen anderen Weg gegangen. Ihre Tankstelle gibt es seit 1957, zwei Zapfsäulen, ein Dach darüber, wirklich viel hat sich nicht verändert. "Wir sind ein Familienbetrieb, unsere Töchter arbeiten mit", sagt Elisabeth Kehrer.

Die Kehrers lieben ihren Treibstoff, wenn sie in den Urlaub fahren, tanken sie keine andere Marke. Sie können vom Oktangehalt und von den Additiven so schwärmen wie andere Menschen vom Tanningehalt bei Rotwein. "Ich sage, wir haben den besten Sprit", meint Elisabeth Kehrer. Die Ölgesellschaft zahlt ihnen zwei Cent pro verkauftem Liter, "das Geld müssen wir mit anderen Verkäufen machen", sagt ihr Mann. Nachdem Kurt Kehrer den Betrieb 1999 übernommen hat, ist er also um vier Uhr morgens aufgestanden, um Semmeln und Brezeln zu backen, sie haben Schnäpse aus der Region in die Regale gestellt, Eier vom benachbarten Bauern angeboten und sich für 50 000 Euro eine gebrauchte Autowaschanlage angeschafft.

Doch dann kam die Umgehungsstraße nach Füssen und der Verkehr wurde weniger, dann öffneten die Bäcker auch sonntags, die Supermärkte bis acht Uhr abends und die hatten plötzlich auch Motoröl im Angebot. "Jetzt kommen die Leute nur noch in die Tankstelle, um 'ne Halbe zu kaufen", erzählt Kehrer.

Die Liste der Staumeldungen wird länger, der Aufmarsch zu Keménys Krieg, er läuft. Am Ende wird er sieben Tote auf den Straßen Bayerns und Baden-Württembergs fordern. Aber jetzt, während in der Ferne auf der A 8 die ersten Kanonen grollen, herrscht auf der Landstraße eine wunderbare Ruhe. Fronturlaub. Es geht über Hügel, an Feldern vorbei, das Fenster offen, Sonne, Vögel zwitschern. Es ist tatsächlich: sehr schön. "Da das Auto stärker in unser Leben eingreift, als wir und die Straßenbauer es wahrhaben wollen, so sind wir so klug, seiner Macht auszuweichen", konstatieren die Autoren des Reiseführers "Mit dem Auto wandern" 1964. "Es kann nun sein, dass manche dieser versteckt liegenden Orte nur auf schlechten Wegen zu erreichen sind, doch das muss man in Kauf nehmen."