Deutschlandreise "Aufmuckung war hier immer zu Hause"

Warum der kleine Ort Rheinsberg durch Theodor Fontane und nach ihm durch Kurt Tucholsky in die Literaturgeschichte einging - als ideeller Gegenentwurf zu Militarismus und Bevormundung.

Von Cord Aschenbrenner

Es war im Sommer 1911, als sich der angehende Schriftsteller Kurt Tucholsky in die Mark Brandenburg aufmachte: mit dem D-Zug von Berlin bis Löwenberg, dort Umstieg in die Kleinbahn nach Rheinsberg. Tucholsky erwähnt die "rumpelnden und klirrenden Geräusche" der Anreise in seiner knappen Erzählung "Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte", die 1912 erschien. Der Jurastudent Tucholsky war mit seiner Freundin Else Weil, einer Medizinstudentin, für ein Wochenende in das 90 Kilometer nördlich von Berlin liegende Städtchen gefahren. Anschließend hatte der junge Autor - er war 21 -, das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend eine nicht allzu verfremdete Erzählung über diese Tage verfasst.

Claire und Wolfgang heißt das Liebespaar darin, und auch wenn dessen Annäherung an Rheinsberg etwas mühsam ist, so finden die jungen Leute sie doch sehr lustig - kein Wunder bei einem unverheirateten Paar, das den wilhelminischen Zwängen sowie der elterlichen Beobachtung aufs Land entflohen war. Das Büchlein, Tucholskys Debüt, wurde zum immerwährenden Bestseller.

"Rheinsberg von Berlin aus zu erreichen ist nicht leicht." Mit dieser lakonischen Feststellung beginnt Theodor Fontane in seinen vielbändigen, bis heute gelesenen und gerühmten "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" das Kapitel über den märkischen Ort und sein Schloss, dessen berühmtester Bewohner einst der preußische Kronprinz Friedrich war. Fontane war 1859 und noch einmal 1861 da; eine Eisenbahnverbindung von der preußischen Hauptstadt nach Norden gab es zwar schon, aber sie endete sechs Meilen vor Rheinsberg. Dann lieber mit der Kutsche vom näher gelegenen Neuruppin aus, seiner Geburtsstadt, dachte sich der Berliner Journalist und spätere Schriftsteller Fontane, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird.

Der Triangelplatz in einer historischen Darstellung.

(Foto: Einst und Jetzt Rheinsberg/Verlag für Berlin-Brandenburg)

Fontane war 1898 gestorben, aber Rheinsberg, das Idyll am Grienericksee, hatte sich bis auf den hinzugekommenen Bahnhof wenig verändert, als die Berliner Liebenden Kurt und Else oder Claire und Wolfgang im Hochsommer 1911 dort ankamen. Den Bahnhof gibt es heute noch, und immer noch muss, wer mit dem Zug nach Berlin will oder von dort kommt, in Löwenberg umsteigen; das gehört zu den unwandelbaren Realitäten in der vormaligen "Grafschaft Ruppin", wie der Titel des ersten Teils der "Wanderungen" lautet. Ebenso unwandelbar ist die Form des zentralen Triangelplatzes. Fontane erwähnt ihn gleich auf der zweiten Seite, Tucholskys Paar bezieht dort sein Hotelzimmer. Die Zeit bleibt aber nicht stehen: Heute gibt es an dem dreieckigen Platz einen veganen Imbiss, einen Geigenbauer und ein gehobenes, gleichwohl erfreuliches Marmeladengeschäft.

Vom baumbestandenen Triangelplatz aus eröffnet sich Rheinsberg sofort, nimmt man die genaue Perspektive Fontanes oder die eher leichthändige Tucholskys ein. Das ist kein Wunder. Denn erstens ist die Stadt klein, zweitens hat sie Preußen, das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazis, die DDR und schließlich die bald dreißig Jahre Bundesrepublik in der Abgeschiedenheit der märkischen Kiefernwälder äußerlich ganz gut überstanden. Drittens aber haben der ironische Realist Fontane und nach ihm Tucholsky jeder auf seine Art den Geist des Ortes zu fassen bekommen. Und dieser Geist war so freundlich, bis in unsere Tage zu verweilen.

Rheinsberg hat Preußen, die Nazis, zwei Kriege, die DDR und fast 30 Jahre Bundesrepublik äußerlich fast unberührt überstanden: der Triangelplatz heute.

(Foto: Einst und Jetzt Rheinsberg/Verlag für Berlin-Brandenburg)

Vom Triangelplatz aus hat man fast alles im Blick. Den ehemaligen Marstall. Einen Teil des von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff gebauten Schlosses. Den Markt. Den an dessen Südostecke liegenden Ratskeller. Von dort aus sogar einen Zipfel des Sees. Den Kirchplatz mit der Laurentiuskirche.

Der von der Reise hungrige Fontane strebte als Erstes zum Ratskeller, der schon damals kein Keller war. Man saß unter Kastanien, heute sind es an einem heißen Sommertag riesige Sonnenschirme, unter denen man sich angesichts fast unablässig vorbeirumpelnder Lkw, Campingmobile und SUVs fragt, ob nicht im 19. Jahrhundert doch zumindest manches besser war. Wären die Autos nicht, wäre dies in warmen Jahreszeiten ein herrlicher Platz, um wie Fontane ein "solennes Frühstück" einzunehmen und auf das Wohl der Stadt Rheinsberg anzustoßen.

Damals wurde die Aufmerksamkeit des Reisenden, seiner Begleiter und zweier Einheimischer nur von ein paar Kindern mit einer Fahne abgelenkt, die auf dem Weg zum Möskefest waren: ein von den Zeitläuften unterbrochenes, heute wieder gefeiertes Kinderfest, bei dem am Sonntag vor Pfingsten der ringsum in den Kiefernwäldern wachsende Waldmeister gepflückt wird - auf Rheinsbergisch "Möske". Ansonsten wird nur gelegentliches Räderrollen oder das Hufgeklapper eines aus dem Marstall heraustrabenden Rosses die Tischgesellschaft gestört haben.

Wenn man diese alte Aufnahme betrachtet - viel hat sich beim Ratskeller nicht geändert.

(Foto: Einst und Jetzt Rheinsberg/Verlag für Berlin-Brandenburg)

Theodor Fontane begab sich nach dem ausgedehnten Frühstück in die um die Ecke liegende Kirche aus dem 13. Jahrhundert - in Rheinsberg ist nichts weit entfernt. Eigentlich hatte er seine Schritte zum Schloss lenken wollen, erfuhr aber, dass um diese Zeit der Kastellan seinen Mittagsschlaf zu halten pflege.

Fontane gelangte dafür ohne Weiteres in die Kirche, was ihn vielleicht überrascht hat. Bis heute gilt der leicht sarkastische Satz aus seinen Jugenderinnerungen: "Protestantische Kirchen sind immer zu." Die Tür von St. Laurentius aber war nicht verschlossen, Fontane hat die alte Kirche mit ihrem Renaissance-Innenraum und den Epitaphen für die Notabeln der Gegend genau beschrieben.

Nun also zum Schloss, dessen Rückseite Theodor Fontane gelb durch die Bäume am Markt schimmern sah, während Kurt Tucholsky später einen "einfachen weißen Bau" vor sich hatte. Heute ist es wieder in einem satten Vanillegelb gestrichen, die Dächer leuchten rot, und zwei unverkennbare Türme bilden, wie Fontane schrieb, "mehr eine Eigentümlichkeit als eine Schönheit". Seine Beschreibung des Schlosses in "allgemeinsten Zügen" war knapp: "Es besteht aus einem Mittelstück (corps de logis) und zwei durch eine Kolonnade verbundenen Seitenflügeln. In Front der See." Preußisch-schlicht, das wohl, aber vor allem unpreußisch heiter wirkt dieses Schloss am Seeufer.

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"Hier soll Preußen schön sein" hat 1995 die Lyrikerin Barbara Köhler geschrieben, die zweite Stadtschreiberin aus einer bis heute reichenden Reihe großer und kleinerer Dichternamen, und damit das ausgedrückt, was Rheinsberg im historischen Bewusstsein Preußens war: der Gegenentwurf zum asketisch-soldatischen Militärstaat. Ein Ort der Heiterkeit und der Freiheit ohne väterliche Tyrannei. Der hatte sich Kronprinz Friedrich 1736, der spätere König Friedrich der Große, nach der Versöhnung mit Friedrich Wilhelm I., dem "Soldatenkönig", hier schließlich entziehen können.

Ebenso war Rheinsberg aber auch die Keimzelle der politischen Opposition, der "Fronde", die von Friedrichs Bruder Heinrich ausging, der Schloss Rheinsberg seit 1763 bewohnte. Eine Idylle, ein Refugium, in dem Friedrich die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte, und auch, wie es in Fontanes großem Alterswerk "Der Stechlin" heißt (das ganz in der Nähe von Rheinsberg am Großen Stechlinsee spielt), ein Ort der "Aufmuckung" - Friedrichs gegen den Vater, Heinrichs gegen den verhassten Bruder, beider Neffe gegen die herrschende Moral: "Aufmuckung war hier immer zu Hause, von Anfang an."

Der Ratskeller heute.

(Foto: Einst und Jetzt Rheinsberg/Verlag für Berlin-Brandenburg)

An dieser Stelle kommt man nicht mehr um Tucholskys Liebespaar und den Schlosskastellan herum. Heute liegt die Aufsicht über das Schloss in den Händen der "Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg" - was heißt, dass Besucher in den Zimmerfluchten, wo einst die Prinzen Friedrich und Heinrich und ihr Gefolge musizierten und dinierten, jederzeit von Museumsangestellten mit rauem märkischen Charme und gelindem Misstrauen observiert werden. Zu Tucholskys Zeit wie schon bei Fontane gab es dagegen einen Kastellan, der Besucher auf Verlangen herumführte. Der dicke Herr Adler in "Rheinsberg" tut, was er kann, um die Erinnerung an die großen Zeiten des Schlosses auferstehen zu lassen, doch bleibt er vom Spott der jungen Leute nicht verschont.

Claire und Wolfgang stellen sich als "Ehepaar Gambetta" vor - was man als Anspielung auf Fontane und eine andere "Fronde" lesen kann: Der französische Republikaner Léon Gambetta war ein Gegner Napoleons III. wie auch der Preußen im Krieg von 1870/71. Am Ende der Führung fragt Claire, ob es denn hier früher ein Badezimmer gegeben habe, was Herr Adler verneinen muss. Aber bei ihnen unten sei eines ... Das Paar verlässt das Schloss, an der "blumenkohlduftenden Kastellanswohnung vorbei hinaus ins Freie".

Den Kastellan gibt es nicht mehr, aber in einem Trakt des Schlosses findet man das kleine Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum. Hier steht Tucholskys Schreibtisch, und der Museumsdirektor, der so umtriebige wie undirektorale Literaturwissenschaftler Peter Böthig, begreift Rheinsberg seit mehr als 20 Jahren entschlossen als Musenhof; so ist er gewissermaßen der Nachfolger der preußischen Prinzen. Böthigs Idee war es, das Museum zu gründen, die Stadtschreiberstelle zu errichten, immer wieder Lesungen und Kunstausstellungen zu machen. Eine der ersten von Böthig konzipierten Ausstellungen setzte 1998 die beiden Urväter des literarischen Rheinsberg in Beziehung: "Warum sein Bild in meinem Zimmer hängt" zeigte Kurt Tucholsky aus einer wenig bekannten Perspektive - als Seelenverwandten des zunehmend kritischen Preußen Fontane und Bewunderer seiner Theaterrezensionen.

"Hier soll Preußen schön sein", sagt nun auch Museumsdirektor Böthig und macht eine weit ausholende Armbewegung zum See hin. Und tatsächlich ist es das: nicht nur, wenn man vom Schlosshof aus durch die von Knobelsdorff geplante Sichtachse über den schimmernden See auf einen großen Obelisken am anderen Ufer schaut, dort, wo der Boberower Wald beginnt. Errichtet wurde der Stein 1791 von Prinz Heinrich zum Gedenken an den Bruder August Wilhelm, den Friedrich II. 1757 aus dem preußischen Heer gejagt hatte. Fontane schildert ausführlich das Denkmal mit seinen natürlich französischen Inschriften, die an die Helden des Siebenjährigen Krieges erinnern; ihn interessierte der Konflikt der Brüder. Tucholsky geht nicht auf den Obelisken ein, sein Liebespaar hatte Besseres zu tun.

Man sieht Claire und Wolfgang vor sich: Hand in Hand vorsichtig über das unebene sehr alte Feldsteinpflaster hinter der Kirche balancierend, über das auch schon Fontane gegangen ist. Ihm, dem Schöpfer starker Frauengestalten, hätte die selbstbewusste Figur der Claire wohl gefallen. Gerade noch haben die beiden lange durch ein Fenster in einen Saal geblickt, in dem ein Theaterstück vor äußerst erheitertem Publikum aufgeführt wird. Spielte ihre Geschichte heute, wären sie bestimmt beim "Russischen Abend" eines Tourneetheaters auf dem Kirchplatz gewesen: eine kleine Bretterbühne, drei Einakter von Tschechow. Zeitloses, gut gespieltes Volkstheater. Auch Rheinsberg, die Erzählung und Rheinsberg, die Stadt - beides scheint zeitlos heiter zu sein.

Die Realität ist, wie immer, weniger schön. Else Weil und Kurt Tucholsky trennten sich 1923. 1930 schrieb er in einem Brief über sie: "Jeder seins - das hat die klügste Frau gesagt, die ich kennengelernt habe. Ich war ein bisschen mit ihr verheiratet." Tucholsky starb 1935 an einer Überdosis Tabletten im schwedischen Exil, in das er vor den Nazis geflohen war.

Nur ein paar Kilometer nördlich von Rheinsberg kommt man an einem kleinen Soldatenfriedhof vorbei, auf dem im April 1945 hier gefallene Rotarmisten ruhen. Die jüdische Ärztin Else Weil war schon im September 1942, im Museum kann man es nachlesen, aus dem französischen Lager Drancy nach Auschwitz deportiert worden. Niemand weiß, ob sie auf dem Transport oder in einer Gaskammer starb.