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Artenschutz:Spixe, Bushido und der Abou-Chaker-Clan

Den letzten wilden Spix-Ara sichten Biologen im Jahr 2000. Dann wird er mutmaßlich gefangen und verkauft. Brasilien hat in der Zwischenzeit ein Komitee einberufen, um wenigstens die verbliebenen 60 Tiere in Gefangenschaft zu vermehren. In Verhandlungen sitzen sich schwerreiche Vogelsammler, Besitzer von Privatzoos und Vertreter der Regierung gegenüber. Aber die Besitzer verweigern die Rückgabe oder den Tausch von Tieren zu Zuchtzwecken. Irgendwann gibt Brasilien auf. Der Neid und das Kolonialdenken sitzen tief.

Kurz darauf sieht Martin Guth, zurück in Freiheit, seinen ersten Spix. Im Urlaub auf Teneriffa, im dortigen "Loro Parque", dem Zoo mit der größten Papageiensammlung der Welt. Er sucht damals offenbar nach einem neuen Lebensinhalt. Und findet ihn in dem mythenumrankten blauen Vogel, um den sich die halbe Welt streitet. Er gründet den Verein ACTP, tut sich mit seinem Kompagnon aus München zusammen. Und er kauft drei Spix-Aras von einem Geschäftsmann in der Schweiz. Für 15 000 Euro, sagt er. Dem Schweizer sei "die Haltung zu aufwändig" gewesen.

Was er verschweigt: Der Mann in der Schweiz hat geschäftliche Kontakte zu Bushido und dem Abou-Chaker-Clan, einer mafiösen Vereinigung aus Berlin, gegen die die Staatsanwaltschaft seit Jahren immer wieder wegen Erpressung, Drogenhandel und Raubüberfällen ermittelt. Ein Foto zeigt Guth gemeinsam mit Arafat Abou-Chaker auf der Straße. Ist der Kauf der Vögel von einem Geschäftspartner des Clans wirklich Zufall? Guth sagt, er habe zu dieser Zeit weder Abou-Chaker noch Bushido gekannt.

Auf die Frage, was ihn an den Spix-Aras gereizt habe, sagt er: "die Challenge". Angesichts der zerstrittenen Sammler habe er sich gesagt: "Mal schauen, ob ich das besser kann." Heute hält Guth in seiner Anlage 166 Spixe. So viel zur Challenge.

Er spaziert jetzt mit Sonnenbrille zwischen seinen gepflegten Volieren entlang und rattert wie nebenbei Papageienwissen herunter. Wie erklärt er sich seinen Zuchterfolg? "Ich denk einfach wie ein Vogel", sagt er und deutet auf einen Palmkakadu: "Wenn der da sitzt und abends nicht in seinen Käfig zurückgeht, kann ich genau sagen, warum. Zum Beispiel, weil die Stange gewechselt worden ist." Den Vögeln gehe es hier einfach gut. Er gefällt sich in der Rolle als talentierter Außenseiter.

Andere bezweifeln das. Einer seiner heftigsten Kritiker ist der amerikanische Zoologe Paul Reillo, Chef der Rare Species Conservatory Foundation (RSCF). Er erinnert sich an "ein paar unangenehme Treffen" mit Guth. Er trete dominant und einschüchternd auf und habe "keinerlei Verständnis für Artenschutzstandards". Sein Verein habe "keine finanzielle Transparenz oder wissenschaftlichen Referenzen".

Ara Spix

Das Anwesen in der Nähe von Berlin. Hier hält der Verein einige der seltensten Vögel der Welt.

(Foto: Monika Keiler)

Es erkläre sich von selbst, warum stark gefährdete Papageien "nicht an einen verurteilten Verbrecher in Deutschland" geschickt werden sollten.

Der ACTP veröffentlicht tatsächlich keine Details über seine Finanzen. Das ist nach deutschem Recht erlaubt, aber untypisch für einen spendengetragenen Verein. Zum Vergleich: Der Münchner Artenschutzverein ZGAP weist online sogar Zinserträge in Höhe von 79 Cent aus. Weshalb die Verschwiegenheit?

Mehrere Mitglieder internationaler Artenschutzvereinigungen, mit denen die SZ gesprochen hat, unterstellen Guth, dass sein Verein unter der Hand mit seltenen Papageien handele. Beweise gibt es dafür keine. "Sämtliche Vögel werden beim Landesumweltamt an- oder abgemeldet", sagt Guth, "das beinhaltet auch die Nachzuchten." Die wertvollen Spixe zu verkaufen, halten Experten für schwierig und hochgradig riskant. Andere Papageienarten, die Guth importiert und züchtet, darf er nach Tierschutzrecht legal verkaufen.

Bisher gibt der Zuchterfolg ihm Recht

Aber die Kritik hört nicht auf. Ende vergangenen Jahres brachte der Guardian ein angebliches Enthüllungsstück über Guth. Sein Verein sei als Zoo deklariert, obwohl er keine Öffnungszeiten habe. Außerdem seien importierte Papageien verbotenerweise im Netz zum Verkauf angeboten worden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt an der Oder leitete Untersuchungen ein, kam jedoch zum Schluss, alle Vorschriften seien eingehalten worden. Auch der Zoo-Vorwurf erweist sich als haltlos: Laut Bundesnaturschutzgesetz muss ein Zoo in Deutschland lediglich an "mindestens sieben Tagen im Jahr" Besucher empfangen. Guth hält sich ans Gesetz, indem er hin und wieder Schulklassen durch die Volieren führt.

Einige Vorwürfe der Gegner, die keine Gelegenheit auslassen, um auf Guths mangelnde wissenschaftliche Ausbildung und längst verbüßte Gefängnisstrafe hinzuweisen, sprechen vielleicht eher für etwas, das in der Szene ebenfalls verbreitet zu sein scheint: Neid und Dünkel.

Tatsächlich ist die Zucht größerer Papageienarten schwierig. Spix-Aras sind wählerisch, was ihre Partner angeht. Sie legen nur zwei bis fünf Eier pro Jahr. Dennoch gelingt Guth bald nach Ankauf der Spixe eine Sensation: Küken schlüpfen. Erst eins, dann vier, dann zwei, dann nochmal vier. Brasilien startet ein neues Spix-Ara-Programm, diesmal exklusiv mit seinem Verein. "Für viele war das ein Affront", sagt eine Insiderin.

2014 hilft Guth dann auch noch der Zufall: Überraschend stirbt der Besitzer der meisten Spixe weltweit, Scheich Saoud bin Mohammed Al-Thani von Katar, ein exzentrischer Milliardär und Sammler von Kunst, Meteoriten und seltenen Tierarten. Guth überzeugt die Erben, ihm die rund 120 Tiere zur Zucht zu leihen.

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