Deutscher Alltag:Wmpf, die Rose

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Bei der Europawahl kandidieren etliche Parteien, die so heißen, dass man sie eigentlich wählen müsste - würden sie denn einhalten, was ihr Name verspricht.

Von Kurt Kister

Vorne im Bild stehen Rosen, hinten der Name einer Partei. Doch was ist schon ein Name? (Foto: Stefan Puchner/dpa)

William Shakespeare war der Goethe Englands, wenn nicht sogar der Thomas Bernhard Londons. Ja, das sind zwei grob schiefe Bilder, aber in der digitalen Zeit sind grob schiefe Bilder gut, weil der Artikel dann in den Suchmaschinen oder auf manchen News Websites "besser" platziert wird. Außerdem muss man, zumal in einem irgendwie feuilletonistischen Text, hin und wieder sonderbares Zeug schreiben, um den Eindruck zu erwecken, man sei wenigstens gebildeter als die anderen Clickbaiter, die früher mal Autorinnen oder Reporter genannt wurden. Und jenes lesende Publikum, das Shakespeare, Bernhard und Goethe kennt, freut sich, dass es dem pseudooriginellen Schreiberling seine Verirrungen um die Ohren hauen kann. Etliche LuL, Leserinnen und Leser, loben gerne, tadeln aber noch viel lieber.

Aber eigentlich wollte ich Shakespeare zitieren, weil in zwei Wochen Europawahlen sind oder, wenn man den Singular lieber mag, Europawahl ist: Die Wahl des Europäischen Parlaments setzt sich aus Wahlen in vielen EU-Ländern zusammen. Shakespeare also machte sich im zweiten Akt von "Romeo and Juliet" grundlegende Gedanken über die Bedeutung von Namen und Benennung. Julia ist unglücklich darüber, dass ihre Familie Romeo ablehnt, nur weil er ein Montague ist, also aus einer Familie stammt, die mit Julias Familie, den Capulets, verfeindet ist. Julia seufzt: "What's in a name? That which we call a rose / By any other name would smell as sweet." (Es ist in Englisch schöner, aber hier für jene, die sich immer über zu viel Englisch in der Zeitung beschweren, die homemade Übersetzung: "Was bedeutet ein Name? Das, was wir eine Rose nennen, riecht, anders benannt, genauso süß.") Gäbe es den Konsens, eine Rose in Zukunft Wmpf zu nennen, würden sich Beschenkte bald über einen Strauß Wmpfe genauso freuen wie heute über einen Strauß Rosen.

Was bedeutet ein Name? Weil ich am 9. Juni nicht im heimischen Wahllokal sein kann, füllte ich jetzt den Briefwahlzettel für die Europawahl aus. Er ist lang, und man kann sich zwischen drei Dutzend Parteien entscheiden. Es ist ein bisschen wie auf einer Website: Je weiter man nach unten scrollt, desto seltsamer werden die Angebote. Andererseits: Gäbe ein Name wirklich das wieder, was man sich vorstellt, wenn man ihn liest, dann bräuchte man all die Parteien vielleicht gar nicht, die weiter oben stehen. Mir zum Beispiel wäre ein Europa der Vernunft und des Fortschritts recht, außerdem sollte es gerecht zugehen, und die Umwelt sollte geschützt werden. Ach ja, lange leben würde ich außerdem gern.

Gibt's auf dem Europa-Wahlzettel alles, jedenfalls dem Namen nach. Besonders angetan hat es mir die "Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung". Keine Sorge, ich werde jetzt und im Folgenden nicht erläutern, was diese Parteien von sich selbst sagen und was sie wollen. Das kann man, wenn's einen interessiert, nachlesen. Aber ein EU-Kommissar für langes Leben, am besten für die Abschaffung von Krankheiten überhaupt, wäre eine feine Sache. Er müsste nur auch das tun, wie er heißt. Also nicht Wmpf, sondern Rose.

Auch gut hören sich zwei Parteien an, in deren Namen das vorkommt, was einerseits Grundlage jeder Politik sein sollte und andererseits das, was Politik erreichen sollte. Das eine ist die "Partei der Vernunft", der ich mich, ohne bis dato gewusst zu haben, dass es sie gibt, schon lange angehörig fühlte, wenn auch nicht im parteiorganisatorischen Sinne. Und das andere ist die "Partei des Fortschritts", deren Namensmilieu ich mich nicht nur als Wanderer verbunden fühle, sondern auch als jemand, der daran glaubt, dass es trotz allem besser werden kann, als es schon mal war. Gewiss, Partei des Fortschritts klingt irgendwie auch nach Sozialismus, dem ich mich nur mäßig verbunden fühle. Für solche, die das anders sehen, bietet der Wahlzettel auch eine gute Handvoll sehr linker Parteien an, darunter tot geglaubte wie die DKP, trotzkistische (!) wie die Sozialistische Gleichheitspartei sowie möglicherweise unsterbliche wie die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, die zu meinen lange zurückliegenden Studienzeiten Kommunistischer Arbeiterbund (KAB) hieß. Ich habe mir mal beim Atzinger, eine Studentenwirtschaft in Schwabing, Ende der Siebzigerjahre einen Abend lang von einem Kommilitonen, der mit dem KAB sympathisierte, erklären lassen, warum die DKP revisionistisch ist. Na ja, ein ganzer Abend war es nicht, aber immerhin erinnere ich mich heute noch daran.

Man könnte also, hätte man vor langer Zeit studiert, neu organisierte Geister aus dem alten Atzinger wählen, zumindest deren Namen. Leider stehen andere, ganz und gar nicht linke Geister aus einer noch länger zurückliegenden Vergangenheit heute auf dem Europa-Wahlzettel relativ weit oben, deutlich vor den Marxismus-Veteranen. Wenn Vernunft und Fortschritt in Europa wirklich überwiegen würden, würden diese Geister kaum Stimmen bekommen.

Ich befürchte, auch in der neuen Sitzungsperiode des EU-Parlaments wird die "menschliche Welt für das Wohl und Glücklichsein aller" - das war auch ein Parteiname auf meinem Wahlzettel - auf sich warten lassen. Ich habe dann doch eine von denen gewählt, die man, würde man an die Magie von Namen glauben, nicht (mehr) wählen würde. Aber was ist schon in einem Namen?

Kurt Kister schreibt über die Wichtigkeit des Unwichtigen. (Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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