Designermode für Kinder Mini-Lolitas mit Lippenstift

Pelzmäntelchen statt Latzhose, Lippgloss statt Plüschtier: In der aktuellen Kindermode sieht der Nachwuchs aus wie sein Erzeuger in Kleinformat. Können die Designer bitte sofort damit aufhören?

Von Miriam Stein

Nur ein Thema beschäftigt britische Klatschmagazine seit ein paar Wochen so sehr wie die Hochzeit am britischen Königshaus: Nach vierzehn Jahren Beziehung und drei fehlgeschlagenen Versuchen schaffte der britische Fußballstar David Beckham, was niemand mehr für möglich gehalten hatte: Er zeugte eine Tochter.

Kleinen Mädchen als große Damen: Auf der Pitti Immagine Bimbo, Europas größter Kinder-Modenschau in Florenz, präsentieren die Designer in ihren Kollektionen sogar Pelz.

(Foto: ddp)

Das mediale Interesse an diesem ungeborenen Wesen ist schon jetzt grenzenlos. Wie wird die Tochter von Victoria Beckham, dem einstigen Mitglied der Band Spice Girls, aussehen? Soll sie wirklich "Santa" heißen oder einen ähnlich dämlichen Hollywood-Baby-Namen tragen? Und vor allem: Wie wird sie von ihrer Mutter angezogen werden, die sich von der belächelten Fußballergattin zum Designerstar entwickelt hat - und selber eine Sammlung von mehr als einhundert originalen Hermès-Birkin-Bags hat?

Die Multimillionenmarke Beckham wird in Zukunft stärker auf Victoria Beckhams knöchrigen Schultern lasten als auf Davids, der längst nicht mehr in Bestform ist. Und nicht ganz unerheblich wird sein, wie die Beckhams ihr Töchterchen präsentieren werden. Im Jahr 2011 sind es die Promi-Küken, die das Image ihrer Promi-Eltern mitbestimmen. Und Mode spielt da eine wichtige Rolle.

Wer sich übermäßig für Kindermode interessiert, für den gibt es jetzt am Kiosk Gala Kids; oder wie sich das Heft selber vorstellt: "Deutschlands erstes Kindermagazin, das auch stylishen Mamis Spaß macht". In der ersten Ausgabe: Hollywood-Kids - "die besten Frühjahrs-Looks der großen und kleinen VIPs - von City Glam bis Beach zum Nachstylen." Beim Durchblättern werden sich kritische Eltern einige Male die Augen reiben: Ist das noch eine adäquate Krippengarderobe, fragt man sich da, oder das Long-Island-Freizeitoutfit eines wohlhabenden Ehepaars aus den späten fünfziger Jahren?

Victoria Beckham hat bereits drei Söhne zwischen sechs und zwölf Jahren, die sie immer noch gerne wie Drillinge kleidet, ob nun in Papas aktuellem Vereinstrikot oder mit Dinnerjacket von Dior. Im Vergleich mit Suri Cruise, Töchterchen der Beckham-Busenfreunde Katie Holmes und Tom Cruise, ist das aber völlig harmlos. Die Fünfjährige trägt schon Absatzschuhe und auch gerne mal ein komplettes Flamenco-Kostüm. Was sie anzieht, wird der Verkaufsschlager in Kinderabteilungen, weshalb auch Billigmodeketten die Teile in Windeseile kopieren. Vor fast genau einem Jahr wurde die Kleine im Ballettoutfit abfotografiert und trat so eine wahre Tütümanie los; plötzlich zogen auch andere Mütter in New York und Los Angeles ihren Töchtern Tanztrikots zum Supermarkteinkauf oder Spielplatzbesuch an. Die Szeneboutique Opening Ceremony in New York, bisher nicht spezialisiert auf Kindermode, verkauft gerade kleine rosarote Ballettröckchen von Jean Paul Gaultier Bébé, für niedliche 100 US-Dollar.

All diese Eislaufmütter oder Tiger Moms, wie sie heute heißen, würden jetzt sagen: "Ein gepflegtes Aussehen ist schon für die Kleinsten von heute wichtig für eine erfolgreiche Zukunft." Dennoch ist es kurios, dass Kindermode nicht mehr zum Kindsein taugt. Der Nachwuchs aus besserem Hause sieht aus wie eine Mini-Version der eigenen Erzeuger, noch bevor er sich das Daumenlutschen abgewöhnt hat. Stellt man einmal Kinderbekleidung von C&A, H&M und Gap neben jene von Labels wie Missoni oder Gucci, so wird klar: Je teurer die Kleidung, desto erwachsener sieht sie aus, desto konservativer wird das Geschlechterbild. Eine 2008 veröffentliche Studie der Global Industry Analysts zur Entwicklung des Designermodesegments bestätigt, dass sich nicht etwa schmutzabweisende Shirts am besten verkaufen, sondern Miniaturausgaben von Erwachsenenmode.

Suri Cruise ist einflussreichstes Promi-Kind

I've got the power