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Der Trend zum Riechen:Dufte Stimmung

Kate Moss flippt aus, wenn sie Menthol riecht, Banker stehen auf verkohlte Eichenrinde: Erich Berghammer verbreitet als Aromajockey Odo7 weltweit Wohlgerüche in Clubs und Messehallen.

Claudia Fromme

Wenn Erich Berghammer seine Alukoffer für einen Auftritt packt, legt er immer ein wenig Liebe dazu. Ambra zum Beispiel. Diese harzige Substanz, die ursprünglich aus dem Verdauungstrakt des Pottwals stammt, wirkt mit ihrem erdigen, warmen Duft erotisierend. Oder weißes Sandelholz. Das enthält einen Stoff, der dem männlichen Sexualhormon Testosteron ähnelt.

Wenn die Stimmung also klemmt, und das tut sie an diesem Wintertag bei der Reisemesse in Köln-Deutz, holt Berghammer, 41, einige Glasröhrchen aus den Alukoffern, zieht die Korkstopfen und wirft ein paar Gramm Ambra oder Sandelholz auf die Holzkohlen, die in Schalen vor ihm auf einem Pult glühen. Sein Joker, sagt der Österreicher. In Köln braucht er ihn besonders dringend: Fast alle Gäste sind jenseits der sechzig.

Aus den Boxen wabert leise elektronische Musik, und immer, wenn der Bass einsetzt, wedelt Berghammer nun eine Ambrawolke in Richtung zweier mannshoher Standventilatoren, die den Duft verwirbeln. Dazu träufelt er Limette und Kokosessenz in Töpfe mit Wasser, die auf Kochplatten vor ihm simmern. Es ist nicht so, dass Menschen entfesselt sind, tagsüber in der lichtdurchfluteten Messehalle, dass sie sich nun die Kleider vom Leib reißen und in die Arme fallen. Aber sie fangen an zu wippen, sie lachen.

Vielleicht hätten sie das auch ohne Ambra getan, vielleicht nicht. Eine Rentnerin mit Prospekten zum Rothaarsteig in der Hand tanzt mit einem imaginären Partner in der Halle, deren Geruch sich nun zwischen Orientbazar und Strandbar bewegt. Der Kurdirektor von Bad Brambach, ein reifer Herr im Anzug, nickt Berghammer zu und gibt ihm seine Visitenkarte. Man müsse ins Gespräch kommen, sagt er, dringend. Berghammer lächelt freundlich zurück: unbedingt.

Moll riecht anders als Dur

Erich Berghammer legt weltweit Düfte auf. Sein Künstlername ist Odo7, seinen Beruf nennt er Aromajockey, und auf Kurdirektoren trifft er bei seiner Arbeit eigentlich eher selten. Manchmal buchen ihn Messen oder Modedesigner für Schauen, meist aber beduftet der Wahl-Amsterdamer Houseclubs. Während normale DJs mit Plattenkisten zu ihrem Set anrücken, hat Odo7 im Gepäck: exotische Wurzeln, Kräuter, Öle, Kohle, Blechtöpfe, destilliertes Wasser und Kochplatten.

Zu Hunderten stehen Fläschchen und Dosen in Köln vor ihm. Ihre Etiketten zieren Aufschriften wie: Frangipani, Styrax, Kardamom, Arame, Gugul, Iris oder Zibet. In Windeseile mischt Berghammer Duftzutaten, fächelt, zündelt - immer passend zur Musik. Ein Refrain riecht bei ihm anders als ein Intro, Moll anders als Dur, ein tiefer Ton anders als ein heller.

Bestsmeller sind Orangenblüten und vor allem Rosen, sagt der Graphikdesigner - mit einer Ausnahme: Indien. Da verböten sich Rosen, weil sie dort Trauerblumen seien. Und ideal sei Rose bei Open Airs wie Glastonbury in England auch nicht. Bei derartigen Schlammfestivals müsse er schwerere Geschütze auffahren: Bergamotte, Holz oder Patschuli. Oder einen selbst komponierten Apfeltortenduft. Ein wenig Woodstock eben.

Manchmal erlebe er auch verblüffende Dinge, in Mexiko etwa. Unlängst habe er dort einen Club beduftet, und ein Gast habe sich Menthol gewünscht. Er hätte abgewunken, das rieche zu sehr nach Krankheit, tat dann aber wie gewünscht, ein paar Tropfen nur. Die Leute seien ausgerastet, hätten immer mehr gewollt, bis ihnen Tränen in die Augen gestiegen seien. Allen voran das Supermodel Kate Moss und die Tochter des ehemaligen mexikanischen Präsidenten Vicente Fox.

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