Der 100. Katholikentag Kinder der Revolution

Immer wieder hat das Treffen der Laien die Obrigkeit und Bischöfe herausgefordert - ein Gradmesser für den Zustand der Kirche.

Von Hans Maier

Es war die Stunde der katholischen Laien. Obwohl unter den 83 Vereinsdelegierten, die vom 3. bis 7. Oktober 1848 im Kurfürstlichen Schloss in Mainz zusammenkamen, 33 Priester waren, nahmen sie doch keine geistliche Autorität wahr - sie hatten sich einfach von den Mitgliedern ihrer Vereine beauftragen lassen. Kein Bischof war um Erlaubnis gefragt worden. Die Laien richteten Forderungen an die Abgeordneten, die in der Frankfurter Paulskirche über Deutschlands künftige Verfassung berieten.

Von da an gingen die Generalversammlungen der Laien in regelmäßiger Folge weiter, nur von Revolutions- und Kriegszeiten unterbrochen. Sie umfassten jeweils ganz Deutschland: zuerst den Deutschen Bund mit Einschluss Österreichs, später das Bismarckreich (ohne Österreich), die Weimarer Republik, zuletzt die Bundesrepublik und das wiedervereinigte Deutschland (nach einer totalen Unterbrechung in den 12 Jahren der Hitler-Diktatur: Der Katholikentag verweigerte ein Treuebekenntnis zu Hitler).

In einem Kraftakt stellten die katholischen Laien im Revolutionsjahr 1848 die 1806 unterbrochene öffentliche Repräsentation der Kirche in Deutschland wieder her - gestützt auf die neuen, wenn auch mit Abschwächungen fortwirkenden Freiheiten der Vereinigung, der Vereinsbildung und der freien Rede. Insofern waren die Katholikentage wirklich "Kinder der Revolution".

Der deutsche Katholizismus war "gesamthaft" mehr als ein Jahrhundert lang nur in den Katholikentagen sichtbar. Mit der Zeit rückten die Bischöfe näher an die Katholikentage heran. Katholikentage waren ja nicht nur Zusammenkünfte von Deputierten. Sie enthielten von Anfang auch einen öffentlichen Teil vor großem Publikum. Später kamen Eröffnungs- und Schlussgottesdienste, Gebete und Andachten, Kundgebungen unter freiem Himmel, Prozessionen und Wallfahrten hinzu - sie waren ohne die Bischöfe des jeweiligen Ortes kaum angemessen zu feiern. Gleichwohl bildete sich erst im 20. Jahrhundert der bis heute gültige Modus heraus, wonach zu einem Katholikentag der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und der Ortsbischof gemeinsam einladen.

Und der Papst? Ihm waren die deutschen Katholiken von Anfang an verbunden. Schon der erste Katholikentag hatte aus Mainz ein Grußwort an den Papst gesandt - und prompt aus Rom eine Antwort erhalten. Heute gehört zu einem Katholikentag ganz selbstverständlich die Verlesung eines Papst-Grußwortes dazu. Doch inzwischen sind, anders als im 19. Jahrhundert, auch die deutschen Bischöfe den Gläubigen näher gerückt.

Das Gesamtbild der Kirche ist horizontaler, föderalistischer geworden. Die deutschen Bischöfe stehen - oft als Prellbock - mitteninne zwischen den Erwartungen und Wünschen der deutschen katholischen Laien und den Weisungen des päpstlichen und kurialen Zentrums in Rom.

Turbulenzen

In der Geschichte der Katholikentage gab es auch heftige Zusammenstöße. Drei von ihnen waren exemplarisch: der Kulturkampf nach 1871, der Streit um die Weimarer Reichsverfassung nach 1919 und die Auseinandersetzung um ein "deutsches Nationalkonzil" nach 1968.

Im "Kulturkampf" erlagen nicht wenige Protestanten unter dem Einfluss Bismarcks und der Nationalliberalen dem Glauben, es sei jetzt an der Zeit, der durch "Blut und Eisen" gewonnenen äußeren politischen Einheit eine kulturelle Homogenisierung der Nation folgen zu lassen. Man wollte zwar die Katholiken als Mitbürger nicht aus der staatlichen Gemeinschaft entlassen, aber doch manches störend "Katholische" aus dem Reich herausdrängen, römische, "ultramontane" Einflüsse, die dem neugegründeten "Heiligen Evangelischen Reich deutscher Nation" (Adolf Stoecker) entgegenstanden.

So ergingen gegen die Katholiken Ordensverbote und Ausweisungen, zahlreiche Bischöfe und Geistliche wurden inhaftiert, ein "Kanzelparagraph" sollte politische Äußerungen von Geistlichen unterbinden. Angehende katholische Geistliche sollten in einem "Kulturexamen" ihre Vertrautheit mit den Werken der Weimarer Klassik und des Deutschen Idealismus beweisen. Es war ein singulärer Fall: Religionsverfolgung unter dem Vorwand kultureller Höherbildung! Den äußeren Anlass für das Vorgehen gegen die Katholiken bot das 1870 auf dem Ersten Vatikanischen Konzil verkündete Unfehlbarkeitsdogma, das zu Glaubensstreit auch unter Katholiken, zu heftigen Diskussionen und zur Bildung einer altkatholischen Minderheitskirche geführt hatte.

Doch der Kulturkampf schlug fehl. Die Glaubenszweiheit wurde nicht - wie die Nationalliberalen es gewünscht hatten - durch eine säkulare Kultureinheit überwölbt. Aber die katholische Minderheit hatte in dem turbulenten Geschehen gelernt, dass es galt, sich gegen Unterdrückung zu wappnen: durch demokratische Organisation.

So rührt aus dieser Zeit der unverkennbare demokratische Vorsprung - und Hand in Hand damit die wachsende, der Verfolgung pari bietende Grundrechtsnähe - der deutschen Katholiken her. Beides sollte übrigens zu Beginn der Weimarer Republik spät und unerwartet auch ökumenische Früchte tragen, als die deutschen Protestanten ihrer alten Obrigkeiten verlustig gingen und - da sie über keine eigene politische Vertretung verfügten - zum eigenen Schutz in der neuen Reichsverfassung auf die Hilfe der Katholiken (der Zentrumspartei) angewiesen waren.

Kriegsende und Revolution spalteten 1919 den deutschen politischen Katholizismus. Die neue Reichsverfassung entzweite die Geister. Auf den Katholikentagen der Weimarer Zeit - oft großen Massenveranstaltungen unter freiem Himmel - prallten die politischen Gegensätze heftig aufeinander. Kein Wunder, dass man sich, um wenigstens den Schein der Einheit zu wahren, vom Sozialen und Politischen immer mehr ins Religiöse - und allenfalls ins Kulturpolitische - zurückzog.

In München stießen 1922 Kardinal Faulhaber als Ortsbischof und der 46-jährige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer als Katholikentagspräsident mit aller Schärfe aufeinander. Faulhaber, der den Katholikentag mit 23 Reden und Ansprachen zu dominieren suchte, stellte gleich in seiner ersten Predigt vor 100 000 Menschen auf dem Königsplatz die Republik in Frage: "Die Revolution war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gezeichnet." Dem aus der Revolution hervorgegangenen Staat sprach der Kardinal jegliche Autorität ab.

100 Mal

Vom 25. bis zum 29. Mai 2016 findet in Leipzig unter dem Motto "Seht, da ist der Mensch" der 100. Katholikentag statt. Das Treffen, das derzeit alle zwei Jahre abgehalten wird, ist als Versammlung römisch-katholischer Laien seit 1848 das wichtigste Forum in Deutschland, auf dem Katholiken jenseits der Amtskirche über Politik und Gesellschaft diskutieren. Hans Maier, der Autor dieses Beitrags, erinnert daran, dass der Katholikentag als Bewegung der Basis nicht selten für die freiheitlichen Traditionen stand, aus denen er kam: etwa während des "Kulturkampfes" gegen Bismarck im späten 19. Jahrhundert oder in der Weimarer Republik. Joachim Käppner

Konrad Adenauer widersprach in seiner Schlussansprache Faulhaber mit klaren und kühlen Worten, wobei er gegen eine feindselige Stimmung im Saal ankämpfen musste und am Ende auf große Empörung stieß. Adenauer forderte Geduld und Unterscheidungsvermögen. Er widersprach auch der Polemik Faulhabers, der gegen die Besetzung des Rheinlandes durch "Heiden und Muhammedaner" Stimmung machte. In die Zukunft blickend, plädierte er für ein Zusammengehen von Katholiken und Protestanten zur Überwindung alter Spaltungen und zur dauerhaften Stabilisierung der deutschen Politik.

Für Faulhaber war das zu viel. Er wollte den Saal demonstrativ verlassen. Doch kluge Leute - in der Familie Löwenstein wurde später kolportiert: der Zentralkomitee-Vorsitzende selbst! - hatten seinen Kardinalshut verräumt, er war unauffindbar. So konnte Adenauer rasch zum Schluss kommen und seinen Kontrahenten mit listiger Demut um den Schluss-Segen bitten, den dieser als geistlicher Hirte nicht verweigern konnte.

Auf dem Essener Katholikentag von 1968 probten Laien den Aufstand gegen die Enzyklika "Humanae vitae", mit der Papst Paul VI. - gegen den Rat der Mehrheit seiner Berater - den Katholiken den Gebrauch empfängnisverhütender Mittel verbot. Es wurde der stürmischste aller Katholikentage. Laut ertönte auf ihm der Ruf nach einem "Nationalkonzil", auf dem auch die Laien Sitz und Stimme haben sollten.

Viele blickten erwartungsvoll auf das gleichzeitige holländische Pastoralkonzil. Kardinal Julius Döpfner griff den Ball auf, er führte Gespräche, er lehnte jedoch Alleingänge der Laien ab, er suchte gemeinsam mit den Laien nach einer Form, die von Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken einvernehmlich getragen werden konnte. So kam es zur Würzburger Synode (1971 - 75), die synodale Elemente (Räte) an wichtigen Stellen, Pfarreien, Dekanaten, Diözesen in den deutschen Katholizismus einführte. Das sollte sich bis zum heutigen Tag bewähren.

Kontinuitäten

Die Katholikentage erstrebten nie eine kirchliche Vorherrschaft oder gar Alleinherrschaft der Laien. Von Anfang an bezogen sie Geistliche, Ordensleute, Bischöfe mit ein - auch den Nuntius in Bayern und später den in Deutschland als Vertreter des Vatikans. Der Katholikentag wollte sich prinzipiell nie in das Krongut der Bischöfe - die Lehre, das Kirchenregiment - einmischen. Diese Linie verließen die den Katholikentag bestimmenden Laienkräfte nie. Freilich setzten sie sich auch zur Wehr, wenn Rom die katholischen Laien in Deutschland als "weltlichen Arm" der Bischöfe nutzen wollte.

Kontinuität zeigt sich auch in der kaum je unterbrochenen, zu manchen Zeiten geradezu üppig blühenden katholischen Vereinsbildung. Es dürfte unter den katholischen Vereinen und Verbänden wenige geben, deren Entstehung und Entwicklung nicht mit den Katholikentagen zusammenhängen, ob es sich nun um die klassischen Männer-, Frauen- und Jugendverbände handelt, um die Fachvereine, die Werke, die geistlichen Bewegungen. Manchmal wurde dieser sprudelnde Quellgrund den Bischöfen ein wenig unheimlich. Sie strebten daher eine stärkere Bindung an die Ortskirchen, die Diözesen an. Auch der Katholikentag wurde kirchlicher.

Frauen und Männer

Einen besonderen Blick verdienen die Frauen. Als Hörende waren sie von Anfang an zu Katholikentagen zugelassen. Aber Mitwirkungsrechte erhielten sie formell erst auf dem Frankfurter Katholikentag von 1921 im Zuge des allgemeinen Frauenwahlrechts. Immerhin: Frauenthemen waren auf allen Generalversammlungen gegenwärtig. Auf dem ersten Regensburger Katholikentag 1849 wurde sogar über ein Diakonat der Frauen diskutiert - es gab aber keine Resolution, man verwies auf die Autorität der Bischöfe.

Im 19. Jahrhundert blühten mit der Marienfrömmigkeit auch die weiblichen Orden auf. Um 1900 gab es in Deutschland bereits 24 000 Barmherzige Schwestern. Wiederholt beschäftigten sich Katholikentage mit Großstadtproblemen, dem Schutz von Mädchen und Frauen, dem Kampf gegen die Prostitution. In der Weimarer Republik überschritt der Mitgliederstand des Katholischen Frauenbundes die Viertelmillion. Unter den Zentrumswählern überwogen die Frauen. Die Bildungsdiskussion im deutschen Katholizismus nach dem Zweiten Weltkrieg ging vielfach von der Figur des "katholischen Landmädchens" aus, das, wie man beklagte, unüberwindlich lange Schulwege zurückzulegen hatte - im wörtlichen wie im bildlichen Sinn.

Es dauerte freilich noch, bis eine Frau (Hedwig Klausener) einem Katholikentag vorstehen durfte (1952) - und bis eine weitere (Rita Waschbüsch) die erste Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken wurde (1988). Frau Waschbüsch musste sich noch von einem besorgten Bischof fragen lassen, ob ihr das Amt denn nicht zu viel Zeit für ihre Kinder wegnehme.

Die Botschaft

Die "Botschaft" der Katholikentage ist heute nicht mehr so eindeutig wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als von Mainz (1948) der Ruf "Missionsland!", von Bochum (1949) der Ruf "Mitbestimmung" , von Berlin (1952) der Ruf "Gott lebt!" ausging. Mit wachsender Pluralisierung der Gesellschaft - und auch der Kirche - wurden diese Botschaften schwächer, oder genauer: Sie wurden vielstimmiger und kontroverser.

Gewiss, es gibt auf Katholikentagen auch heute noch das eindringliche Bekenntnis, das gemeinsame Gebet, die Suche nach Erkenntnis - aber es gibt in zunehmendem Maß auch Vielfalt, unaufgelöste Widersprüche, Kontroversen, Streit. Man muss es hinnehmen, das der Katholikentag, je größer er wird, je mehr Menschen und Richtungen er einbezieht, keine einheitliche Botschaft mehr aussendet. Das ist auch ein Stück Normalität: Gegenüber Liberalismus, Sozialismus, Nationalismus, gegenüber der protestantischen Mehrheit im Kaiserreich musste der Katholizismus um seine Rechte kämpfen, gelegentlich hart und deutlich auftreten.

Heute, wo die alten Frontstellungen rechtsstaatlich begradigt und ökumenisch entspannt sind, ist auch die konfessionelle Scharfkantigkeit von einst nicht mehr am Platz. Eher geht es darum, aus den Friedenserfahrungen von Protestanten und Katholiken in Deutschland für die Zukunft zu lernen: für eine Welt, in der nicht nur die Konfessionen, sondern auch die Religionen lernen müssen, miteinander zu leben. Also keine Botschaft mehr?

Doch: Der Katholikentag selbst ist die Botschaft - mit seiner Vielfalt, seinen Gottesdiensten und Gebeten, seinen tagelangen Diskussionen, seiner Kirchenmeile in den Städten, seinem Abend der Begegnung, seiner Wissbegier und Streitlust, seiner Toleranz und seinem Humor. Und wenn sich bei einem solchen Treffen fast unbemerkt die Grenzen zwischen Nationen, Sprachen, Bekenntnissen für ein paar Tage verschieben und Frieden einkehrt zwischen Menschen, die sich sonst im Alltag nur schwer verständigen können: umso besser! Dann hat ein Katholikentag seinen Sinn erfüllt, und seine Botschaft ist auf neue Weise angekommen. Denn die Wahrheit ist ja keine Einstimmigkeit, kein Unisono: "Die Wahrheit ist symphonisch" (Hans Urs von Balthasar).

Der Verfasser, Jahrgang 1931, war bayerischer Kultusminister (1970 bis 1986) und Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (1976 bis 1988).