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Der Jedi-Trainer ist ausgebucht:Möge die Achtsamkeit mit dir sein

Maxwell Darwin übt täglich mit seinem Lichtschwert. Er nennt es „kinetische Meditation“.

(Foto: privat)

Wie der Hype um die "Star Wars"-Filme eine Generation Nerds für fernöstliche Meditation begeistert.

Von Jan Stremmel

Maxwell Darwin wog 104 Kilo und trank zu viel, als die Macht in sein Leben kam. Es war im vergangenen August, Darwin war in Oregon auf einem Festival anlässlich der Sonnenfinsternis. Er hatte schon gut einen sitzen, da reichte ihm jemand aus der Menschenmenge einen langen Stock und sagte, er solle ihn aus dem Handgelenk kreisen lassen wie ein Lichtschwert. "Dieser Moment änderte für mich alles", sagt Darwin heute. Ein paar Tage später, daheim in Los Angeles, kaufte er sich ein batteriebeleuchtetes Schwert aus Plastik.

Seitdem schwingt er den Lichtsäbel täglich eine Stunde im Park. Er nennt es "kinetische Meditation" oder auch "Jedi-Meditation" und sagt am Telefon, er habe in dem halben Jahr nicht nur zu sich selbst gefunden, sondern auch zwölf Kilo abgenommen. Er ernähre sich vegetarisch und trinke keinen Alkohol mehr. Außerdem gebe er jetzt Kurse in Meditation für seine Kollegen im Kundendienst eines Autoherstellers. "Ein Jedi nutzt Güte, Geist und Freundlichkeit, um seine Ziele zu erreichen. Das versuche ich auch."

Sicher, was er sagt, mag abgedreht klingen. Aber der 25-Jährige ist einer von ein paar Tausend Männern, deren Leben in der letzten Zeit eine steile Wendung hin zur Spiritualität genommen hat, weil sie eine Fantasy-Saga wörtlich auslegen, in der Leute mit seltsamen Namen und komplizierten Familiengeschichten um die Herrschaft des Universums kämpfen.

Ende vergangenen Jahres kam die achte Episode von "Star Wars" in die Kinos. Und wer im Internet in einschlägig interessierten Foren vorbeischaut, kann feststellen, dass das Film-Universum 40 Jahre nach seiner Entstehung längst spirituelle Spuren in der echten Welt hinterlassen hat. Zum Beispiel eine Religion namens "Jediismus" mit ein paar Tausend Mitgliedern weltweit. Aber auch diverse Meditations-Praktiken, die auf "Star Wars" basieren und mit denen Science-Fiction-Nerds wie Maxwell Darwin zu Kraft und Gemütsruhe finden.

Auf Reddit kann man verfolgen, wie Fans leidenschaftlich darüber diskutieren, an welcher Stelle die Filme Elemente fernöstlicher Geisteslehre enthalten (ist es, nur mal als Beispiel, Zufall, dass der Exilplanet von Jedimeister Yoda "Dagobah" heißt? Wie der Meditationsraum in buddhistischen Tempeln?). Nutzer morganzy98 berichtet, der neueste Film habe ihm "irgendwie einen Tritt gegeben". Er fragt: "Wird es mit der Zeit leichter, mich mit Meditation mehr im Jetzt zu erden?"

Der Jedi-Trainer ist ausgebucht. Und schwört, er habe schon Kokainsüchtige geheilt

Achtsamkeit ist natürlich nicht erst seit gestern das Schlagwort der Stunde. Zur Ruhe kommen, Gefühle mal bewusst und urteilsfrei wahrnehmen, in innerer Versenkung die Stille spüren - danach sehnen sich immer mehr Menschen. Der Münchner Professor für Meditation und Achtsamkeit, Andreas de Bruin, sprach vor zwei Jahren im Spiegel von einer "leisen Revolution", die immer mehr Menschen zur inneren Einkehr führe.

Neu ist allerdings, dass diese Mantra-Revolution auch junge Männer mit Faible für Laserwaffen und Todessterne begeistert. Eingefleischte "Star Wars"-Fans hatte man bisher eher in Comicläden oder auf Fantasy-Conventions verortet als im Lotussitz vor Buddha-Statuen. Aber natürlich sind das Klischees. Denn die Saga von den Jedirittern hat in Wahrheit seit jeher einen stark buddhistischen Einschlag. George Lucas sagte mal in einem Interview, er habe die "Macht" überhaupt nur erfunden, um junge Leute mit Spiritualität in Kontakt zu bringen.

Das scheint vier Jahrzehnte später endgültig gelungen zu sein. Ein amerikanischer Schwertkünstler, Ryan Parks, verzeichnet seit dem letzten "Star Wars"-Film ein derart großes Interesse an seinen Lichtschwertkursen, dass er ein eigenes "Jediprogramm" entwickelt hat. "Im Grunde ist es Fitness für Nerds", sagt er und schwört, er habe damit Kokainsüchtige geheilt. Derzeit bereitet er sich auf den großen Ansturm vor: Bald ist der internationale Feiertag der "Star Wars"-Gemeinde, der 4. Mai ("May the fourth)", das Datum ist ein Wortspiel. "May the force be with you", heißt es ja im Film, "möge die Macht mit dir sein".

Übrigens wird Luke Skywalker in "Das Imperium schlägt zurück" vor lauter Abgespanntheit selbst fast aus dem Jedi-Lehrgang geschmissen. Yoda schimpft: "Mit seinen Gedanken war er ganz bei dem, was ihn umgab, nie bei dem, was er tat." Schon einen Film später ist Luke dann ruhig und aufgeräumt. Die Übung in Achtsamkeit wirkt. Und zwar offenbar bis heute: Der Teaser zum neuesten Film beginnt wie eine Yogastunde. Der mittlerweile alt gewordene Luke murmelt aus dem Off: "Atme. Atme einfach."

© SZ vom 14.04.2018
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