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Depressionen:Eine lebensbedrohliche Krankheit

Nach drei sehr komplizierten und auch verschwommenen Jahren erzählte ich meinem Bruder von meinem tiefen Todeswunsch. Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine abgebrochene Therapie, ein abgebrochenes Studium und eine gescheiterte Beziehung hinter mir. Die Schlaflosigkeit war mit Hilfe von Antidepressiva verschoben. Die Ernährung reduzierte sich auf Kaffee, Zigaretten und Spaghetti mit Öl. Ich war am Ende meiner Kräfte. Mein Bruder sagte mir, dass Depression eine lebensbedrohliche Krankheit ist. Und dass man Krankheiten besiegen könne. Dass auch für mich ein Leben ohne Depression möglich sei. Dieser Gedanken war mir zu diesem Zeitpunkt völlig neu.

Ein Leben ohne Depression - der Weg dorthin hat mich mindestens so geprägt und verändert, wie die Depression selbst.

Heute lebe ich ein anderes Leben, ich wohne anders, liebe anders, gestalte meine Freizeit anders. Ich habe mir angewöhnt, auf mich und einen gesunden Lebensstil zu achten, Alkohol, Drogen und Zigaretten kommen nicht mehr vor. Diesen Wechsel mitzutragen, war für meine Freunde sicherlich ein genau so langer Weg wie für mich. Dass ich mich gerettet habe, macht mich stolz.

Diese vermeintlich ausweglose Krankheit zumindest für den Moment überwunden zu haben, empfinde ich als eine Art vorläufiges Lebenswerk. Immer noch wird mein Leben aber von der Depression bestimmt - nie wieder in diese Lage zu kommen, ist das alles bestimmende Ziel für mich. Jede neue Berufschance, jede Zukunftsmöglichkeit, jede mögliche Partynacht, jeder neue Mensch in meinem Leben untersteht der Prüfung: Ist das gut für mich, ist das gesund?

Oder führt es mich zurück auf den Weg, den ich damals nicht erkannt habe? Die Sorge vor neuen Wellen von Dunkelheit und Verzweiflung ist ein Teil von mir geworden. Ich bemühe mich um eine Achtsamkeit, die mir gleichzeitig nicht meine neuentdeckte Leichtigkeit und Lebensfreude nimmt. Trotzdem gilt: Nie wieder dorthin zurückzugehen, dafür bezahle ich jeden Preis, den ich für notwendig erachte.

Bis jetzt funktioniert es.

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Die Protagonistin ist 28, lebt in Berlin und arbeitet als Kellnerin.

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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© SZ.de/lala/jobr/hum

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