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Depressionen:Isolierter Zombie

Dann kam die Angst. Angst in Supermärkten und U-Bahnen, Angst vor alltäglichen Gesprächen mit Kollegen, Angst vor dem nächsten Tag. Meine Todessehnsucht wurde zur beruhigenden Fluchtfantasie. Der Tod war mein Versprechen an mich selbst, die Möglichkeit des Suizids beruhigte mich, ließ mich den Alltag etwas einfacher ertragen.

Dann kam der Brandbeschleuniger, der mich die Kontrolle vollends verlieren ließ: die Schlaflosigkeit. Tagsüber fühlte ich mich wie ein isolierter Zombie, den die Hoffnung auf Schlaf durch den unproduktiven Tag trug; abends lag ich im Bett und verfing mich in Gedanken. Eine bedrohliche Anhäufung meiner Versäumnisse, die mir vor Augen führten, wie mühsam ich mein Leben nur noch im Griff hatte: die nicht gemachte Steuererklärung. Die Hausarbeit, die ich nicht schrieb. Texte, die ich nicht verstand. Das Studium, das mich heillos überforderte. Keine Zukunftspläne. Jobs, für die ich mich bewerben müsste. Der Mann neben mir, für den ich zu wenig empfand.

Ich schlief regelmäßig erst gegen vier Uhr ein und wachte um sechs Uhr auf. Diese Nächte voller Dunkelheit und Verzweiflung zermürbten mich, gaben mir den Rest. Längst bestand mein Leben aus Kraftlosigkeit, Angst und Scham. Mein Selbst war das Gefühl, auf ganzer Linie zu versagen. Um diesen Kreislauf zu unterbrechen, war ich zu müde. Eine Therapie zum Beispiel hätte bedeutet, dass ich mich diesen Problemen und meinen Ängsten stellen müsste. Dazu hatte ich schlicht keine Kraft mehr. Ich wollte einfach tot sein.

Eine Fassade blieb aufrecht

So funktionierte ich erstaunlich lange. Es ist bemerkenswert, wie gewaschene Haare, ein bisschen Make-up und soziale Grundfähigkeiten eine Fassade aufrechterhalten. Ich verfüge über ein freundliches Wesen und lache gerne, das habe ich mir erhalten können.

Das Lachen und die Fröhlichkeit waren keine Lüge und kein Spiel, sie waren nur ohne Substanz. Vielmehr waren es vertraute Verhaltensweisen, die mir zwar nichts mehr bedeuteten, mir aber auch nicht schadeten. Ob ich den Abend im Bett liege und die Wand anschaue oder ihn mit Freundinnen verbringe, beides machte keinen Sinn und deswegen konnte ich beides als Zeitvertreib gleichgültig hinnehmen.

Für meine Freunde und Familie war es schwer zu verstehen, dass ich mit geschminkten Lippen und gepflegter Kleidung am Tisch sitze, eben noch lachend eine Anekdote zum Besten gebe und im nächsten Moment sachlich darüber spreche: dass ich längst die Kontrolle über mein Leben verloren habe und keinen Ausweg sehe, dass die Vorstellung aus dieser Lage wieder herauszukommen, im nahezu absurden Maße meine Kräfte übersteigt. Für mich war herzlich Lachen und wirklich tot sein zu wollen so sehr zur Normalität geworden, dass ich keinen Widerspruch erkennen konnte.

Bald war ich ein zutiefst einsamer Mensch. Meine Sehnsucht zu sterben in all ihrer Radikalität meinem Umfeld mitzuteilen, das traute ich mich nicht. Die Watte umschloss mich immer fester, ich gewöhnte mich an die Isolation und richtete mich ein. Nicht ohne ein gewisses Maß an Selbstgerechtigkeit akzeptierte ich Leid und Hoffnungslosigkeit als Teil meiner Identität.

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