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Depression:Das Unbewusste ist stärker als rationale Gedanken

Freundinnen retteten mich. Weil ich ihnen sagen konnte, wie es mir ging. Weil sie meinen Therapeuten anriefen und Alarm schlugen. Weil sie weinend neben mir auf dem Sofa saßen und mich unter Tränen baten, nicht zu gehen. So kam ich zum ersten Mal in die Klinik. Gott sei Dank gab es dort engagierte Mitarbeiter und eine tiefenpsychologische Behandlung.

Die Worte "Ich will" waren seit dem Tod meiner Mutter Teil meiner DNA. Nur das Ziel änderte sich. Als Kind dachte ich immer: "Ich will zu meiner Mama!" Oder: "Ich will nicht mehr leben!" Oder "Ich will, dass dieses Inferno aufhört!" Mit der von meinem Vater erlernten Disziplin kämpfte ich lange um ein besseres Leben. Als ich mit 32 Jahren zusammenbrach, lernte ich, dass Sigmund Freud in diesem Punkt Recht hatte: Wir sind nicht Herr im eigenen Haus. Nur weil ich etwas will, kann ich es noch nicht. Das Unbewusste ist im Zweifel stärker als rationale Gedanken. Diese Wahrheiten ängstigten mich. Ich musste nicht nur andauernd weinen, ich konnte auch nicht lesen, nicht arbeiten, nicht duschen.

In den folgenden sieben Jahren gingen mir ständig zwei Sätze durch den Kopf. "Ich will die Depression besiegen", sagte ich mir einerseits. Andererseits dachte ich: "Ich will endlich sterben dürfen". Mit dem Credo, die Krankheit als Weg zu begreifen, wie es manchmal heißt, konnte ich mich nie identifizieren. Überwiegend war es eine furchtbare Zeit, in der ich 40 Kilo zunahm, Hartz IV beantragen und etliche Träume begraben musste. Neben meinen Freundinnen und dem Krankenhaus rettete mich mein neuer Therapeut. Er verstand mich wie noch nie jemand zuvor. Und er sah Zusammenhänge, auf die ich nie gekommen wäre. Wenige Sätze von mir stellten meine Welt auf den Kopf. Sie haben mein Leben so radikal verändert, als hätte man mir bewiesen, dass die Erde doch eine Scheibe ist.

Ein seelischer Hunger, der sich nicht stillen lässt

Eines Tages sagte ich zu ihm: "Ich würde alles dafür geben, um so zu sein wie Christiaan Barnard". Mir war klar, dass er wissen würde, dass der Südafrikaner Christiaan Barnard 1967 als Erster bei ei­nem Menschen ein Herz transplantiert hatte. Ich wählte ein Beispiel aus seiner medinzinisch-psychologischen Fachwelt; in der Hoffnung, dass er diese Analogie nachvollziehen könnte. Er schwieg einen Moment, sah mich ernst an und antwortete: "Doch. Das kann ich verstehen."

Und ich fühlte, dass es stimmte! Es war, als ob ich meine Empfindungen in den Raum zwischen uns gegeben hätte, und er gab seine dazu und trat so mit mir in Kontakt. Er speiste mich nicht mit typisch therapeutischen Gegenfragen ab: "Warum glauben Sie, dass Sie Außergewöhnliches leisten müssen?" Oder: "Kommt da nicht ein unrealistischer Größenwahn durch?" Nein, er teilte mein Gefühl. Ich war endlich nicht länger allein!

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Ebenso ins Mark traf mich sein Satz: "Sie haben Hunger, Frau Fuhljahn. Auch im übertragenen Sinn. Das ist die Gier des Säuglings." Er hatte Recht. Ich fühlte mich, als würde ich verhungern. Nicht nur, wenn ich mich mit Süßigkeiten vollstopfte, sondern grundsätzlich.

Allein wäre ich nicht darauf gekommen, dass ich seelisch hunger­te. Aber nun erforschte ich mit ihm, Sitzung für Sitzung, die unbewussten Auslöser meiner Essstörung und der Depression. Heute kommt mir alles so offensichtlich vor. Damals hatte ich das Gefühl, ständig eine Erleuchtung nach der nächsten zu haben.

Warum schlang ich bei meinen Fressattacken vier Stück Sahnetorte herunter? Weil meine Mutter Konditorin war. Meine Lieblingssüßigkeit war immer schon Kinder-Schokolade. Zufall? Nein, sie war ja für Kinder. Auf diesem Weg konnte ich mir völlig gerechtfertigt ein Stückchen Kindheit holen. Warum hatte ich seit dem Auszug bei meinem Vater mehr und mehr Schulden angehäuft, bis ich mit Tausenden von Euro im Minus war? Weil ich immer das Empfinden hatte, dass das, was mir zur Verfügung stand, nicht genug war. Warum wollte ich unbedingt einen Neu­fundländer? Weil diese Rasse an Teddybären erinnert. Warum war ich von sieben Tagen die Woche mindestens fünf auf Achse, beim Uni-Sport, bei Konzerten, beim Pfefferkuchenessen auf dem dänischen Weihnachtsbasar oder bei der Gedenkfeier über die Bücherver­brennung unter den Nazis? Weil ich versuchte, alles in meinen Terminkalender hineinzupressen, was nur irgendwie ging.

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"Mehr, mehr", schrie ich innerlich, wie der kleine Häwelmann in dem gleichnamigen Kinderbuch von Theodor Storm. Weil ich nicht verzichten konnte. Weil ich seelisch ein hungerndes Kind war. Als meine Mutter starb, war ich auf dem emotionalen, in­stabilen Entwicklungsstand eines vernachlässigten Kindes stehen geblieben. Durch meinen Therapeuten und die Klinik war dieses Kind endlich nicht mehr allein. Endlich bekam ich fachliche Hilfe von Experten.