Depression:Ich lernte, mich unsichtbar zu machen

Die Luft, die ich einatmete, schien ständig geladen zu sein. Ich lernte, meine Antennen auszufahren und vorzufühlen, wie die Ge­mütsverfassung bei jedem Einzelnen war. Ich lernte auch, mich unsichtbar zu machen und meine Mutter zu trösten.

Schließlich zog sie mit mir aus und wir wohnten in den letzten Mo­naten vor ihrem Tod bei ihrem neuen Freund. Seine Wohnung und er blieben mir fremd. Dass meine Mutter gestorben war, teilte die Polizei ihm persönlich mit. Mich fuhren die Beamten in ein Kinderheim. Ich erinnere mich nicht, dass mir das jemand erklärte.

Es war schon spätabends, als ich ankam. Eine grau gekleidete Nonne begrüßte mich und führte mich in den ersten Stock. Dort war der Schlafsaal. Das Licht war schon aus. Wir gingen in eine kleine Kammer, und die ältere Frau gab mir ein Nachthemd. Ich war fassungslos - ich trug doch immer einen Schlafanzug! Aber ich konnte nichts sagen. Es war mir schmerzlich bewusst, dass ich kein Zuhause mehr hatte und mich hier niemand kannte.

Ich fühlte mich mutterseelenallein

Als ich im Bett lag, mitten in dem großen Schlafsaal, hörte ich die anderen Mädchen ruhig atmen. Leise weinte ich in mein Kis­sen. In mir war nur der eine Gedanke: Ich will zu meiner Mama! Ich fühlte mich im wahrsten Sinn des Wortes mutterseelenallein. Dieses Gefühl hat sich in mich eingeätzt wie Säure. Sechs Wochen musste ich in dem Heim bleiben. Niemand besuchte mich. Keine Verwandten, keine Freundinnen mit ihren Eltern, keine Nachbarn. Es fühlte sich an, als wäre ich gelöscht. Mein Vater holte mich einmal ab - zur Beerdigung meiner Mutter. Er nahm mich dann irgendwann wieder zu sich, drohte aber ständig damit, dass ich wieder ins Heim kommen würde, wenn ich nicht artig wäre. Schließlich schickte er mich in ein Internat.

Mehr als zwei Jahrzehnte später holten mich die Ereignisse von damals wieder ein. Ich war 32, hatte ich schon einige ambulante Therapien und Medikamente hinter mir, ausgelöst durch Zwänge und Depressionen. Als sich dann mein damaliger Freund von mir trennte, verlor ich die Fähigkeit, zu funktionieren. Es fühlte sich an, als hätte man einen Teil von mir herausgerissen. Ich weinte permanent: nach dem Auf­wachen, auf der Toilette im Büro, beim Einkaufen im Supermarkt, auf dem Weg zum Sport und vor dem Einschlafen.

Jeden Morgen schrieb ich in mein Tagebuch: "Ich kann nicht mehr", und jeden Abend: "Ich will nicht mehr". Die Kontrolle entglitt mir. Ich saß im Bus und konnte nicht aufhören zu heulen, so sehr ich mich auch dagegen wehrte. Es war nicht die erste Krise. Seit dem Tod meiner Mutter hatte ich mein Dasein schon oft als quälend empfunden. Aber nun wollte ich endgültig nicht mehr leben.

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