Depression Leere statt Leben

Antriebslosigkeit, Angst, Minderwertigkeitsgefühle. Rund fünf Million Menschen in Deutschland leiden an Depressionen. Doch ist die Krankheit noch immer ein Tabuthema. Wie man sie erkennt und was man dagegen tun kann.

Von Patrizia Odyniec

Plötzlich ist es da, das Gefühl der Trauer, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit. "Müde, immer nur müde", beschreibt eine Betroffene auf der Internetseite depress-online.de ihre Krankheit.

Kaum jemand kann sich vorstellen, an Depressionen zu erkranken. Gerade noch lebensfroh und voller Energie spürt man plötzlich diese Leere, die nicht mehr gehen will.

Doch wie kann es zur Erkrankung kommen? Es ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren, die Depressionen auslösen. Zwar gibt es familiäre Häufungen, die auf eine genetische Veranlagung schließen lassen, allerdings scheint dies nicht entscheidend zu sein.

Zwillingsstudien haben für Klarheit gesorgt. Obwohl die genetische Grundausstattung genau gleich ist, erkranken weniger als die Hälfte der Zwillingspartner ebenfalls an Depression. Somit spielen auch äußere Einflüsse eine wichtige Rolle.

Verlusterlebnisse, Traumata und Persönlichkeitsvariablen wie starke Leistungsorientierung können ebenfalls Ursachen sein.

Es handelt sich demnach um eine komplexe Verzahnung von Anlage- und Umweltfaktoren.

Depression heißt nicht nur "sich-schlecht-fühlen" - die Krankheit hat ernsthafte Auswirkungen auf den Körper. Das Stresshormon Cortisol wird vermehrt ausgeschüttet, dadurch kommt es zu Schlafstörungen und Appetitverlust.

Auch im Gehirn kommt es zu einem Ungleichgewicht. Die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin liegen häufig in einer zu geringeren oder zu hohen Menge vor. Die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen funktioniert nicht mehr richtig, da durch das Ungleichgewicht eine veränderte Erregbarkeit der Synapsen vorliegt. Auswirkungen auf das Empfinden und Erleben der Patienten sind die Folge.

Über Gefühle spricht man nicht

Bis es zu einer ärztlichen Diagnose kommt, ist häufig schon viel Leidenszeit vergangen. Michael Wagner von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bonn weiß, dass es lange dauern kann, bis Betroffene den ersten Schritt zum Arzt machen. "Über körperliche Beschwerden kann man klagen, aber über Stimmungen und Gefühle?"

Wer es nicht kennt, kann es sich nicht vorstellen. Nur jeder dritte Betroffene sucht medizinische Hilfe, meldete die Technische Krankenkasse im Oktober 2006. Der Scham ist groß, dabei leiden nach Angaben der TK ca. fünf Millionen Personen in Deutschland an der Krankheit.

Diagnose Depression

Jeder kennt es: miese Laune, eine melancholische Lebensphase. Wintermüdigkeit, Stress in der Familie oder in der Arbeit, das Wetter - es gibt viele Gründe, sich schlecht zu fühlen. Aber ab wann ist man ernsthaft krank?

Der Übergang von einer leichten depressiven Verstimmung zur behandlungsbedürftigen Depression ist fließend. Trotzdem gibt es klare Kriterien. Die ICD 10 (International Classification of Disorders, WHO) ist ein internationales und auch in Deutschland gängiges Klassifikationssystem.

Die Schwere der Depression wird nach der Dauer, Ausgeprägtheit und Anzahl der Symptome bestimmt. So sind Personen mit einer schweren Depression nicht mehr in der Lage, ihren Alltag zu meistern. Ihnen fehlt die Kraft, um morgens aufzustehen, das Geschirr wegzuräumen, oder überhaupt die Wohnung zu verlassen.

Gedrückte Stimmung, die Verminderung von Aktivität und Antrieb, Müdigkeit, Gedanken über die eigene Wertlosigkeit, keine Freude mehr zu fühlen, und jede Tat als unglaublichen Kraftakt zu empfinden sind die Hauptkennzeichen.

Auch körperliche Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Appetitverlust, Konzentrationsschwierigkeiten und Schmerzen treten auf. Wem seit mehr als zwei Wochen einige oder alle diese Symptome nicht unbekannt sind, sollte in jedem Fall einen Arzt aufsuchen.

Lust auf Leben

Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten Depressionen zu therapieren. In der Regel geht eine Psychotherapie mit einer medikamentösen Behandlung Hand in Hand. Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass die Depression ein erlerntes Fehlverhalten ist.

Die Betroffenen sollen aus dem Teufelskreis, indem sie sich befinden, herausgeholt werden. Positive Aktivitäten und soziale Kontakte werden gefördert und gestärkt. Der Patient erlebt, dass er durchaus handlungsfähig ist, verlässt die Isolation, die er in der letzten Zeit erlebt hat, und wird in seinem Selbstwertgefühl bestärkt. Bereit sein, aktiv werden, sind wichtige Schlüsselprinzipien, die die Therapie fördert.

Bei mittelschweren und schweren Depressionen werden häufig zusätzlich Psychopharmaka verabreicht. Antidepressiva zum Beispiel regulieren den Stoffwechselvorgang im Gehirn. Die aus dem Gleichgewicht geratenen Signalübertragungen zwischen den Synapsen wird angeregt.

Normalerweise schlagen die Medikamente gut an und den Patienten geht es schnell besser, allerdings müssen Antidepressiva in der Regel langfristig und somit über viele Jahre hinweg eingenommen werden.