Demenz "Freunde, was haben wir heute gegessen?"

Den Demenzkranken helfen einfache Spiele: Rätsel trainieren das Gedächtnis, Dosenwerfen die Hände und den Geist.

(Foto: Hannes Jung)

Mit Bauklötzen spielen oder Gemüsesorten raten: Tagesbetreuungen für Demenzkranke erinnern an Kindergärten für Senioren, sind für Patienten wie Angehörige aber ein Segen.

Von Kristiana Ludwig, Berlin

Beim Frühstück sitzt der Grundschullehrer Hartmut Baumann ungern neben dem Zollbeamten. Der will immer alles wegnehmen. Der Beamte greift nach der Kaffeetasse vom Lehrer. Er greift nach dem Orangensaft. Nach einer Weile bringt eine Krankenschwester bunte Holzbausteine, die sie auf dem Tisch verteilt. Jetzt greift der Zollbeamte nach Klötzchen.

Die beiden Männer frühstücken gemeinsam, weil sie ein Leiden teilen. Sie sind an Demenz erkrankt. Beide verlieren Stück für Stück die Erinnerung an ihr Leben, an ihre früheren Berufe, an die vergangenen Minuten und daran, wie alltägliche Dinge funktionieren. Deshalb sitzen sie in einem Berliner Klinkerbau, an dessen Tür "Tagespflege" steht. Das Prinzip ähnelt dem der Kindertagesstätte im Nebenhaus: Dorthin bringen die Eltern ihre Kinder. Hierher bringen die Kinder ihre Eltern.

Knapp 1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland an Demenz erkrankt, und jedes Jahr kommen etwa 300 000 Patienten hinzu. Experten gehen davon aus, dass circa zwei Drittel von ihnen zu Hause versorgt werden, also von ihren Familienmitgliedern oder Freunden. Die Berliner Alzheimer-Gesellschaft empfiehlt diesen Angehörigen beispielsweise die Tagesstätte "Die Aue" im Stadtteil Wilmersdorf. Dort betreuen Altenpfleger Menschen, die nicht alleine sein können, vorbildlich. Der Pflegedienstleiter Andreas Rath war selbst im Vorstand des Alzheimer-Vereins. Während die Patienten hier sind, können ihre Töchter, Söhne oder Ehepartner Pause machen. Das ist wichtig, damit sie nicht unter der Aufgabe zusammenbrechen.

Der Lehrer Hartmut Baumann kommt jeden Montag und jeden Mittwoch. Seine Frau hat ihn darum gebeten, er tut es ihr zuliebe. Sie kann in dieser Zeit arbeiten gehen, das wäre sonst nicht möglich. Würde sie ihren Mann in der Wohnung zurücklassen, würde er vielleicht die Treppen herabsteigen und sie auf der Straße suchen. Vielleicht würde er sich dann verlaufen. Vielleicht würde er in sein Auto steigen.

Am Montagmorgen gehen die Baumanns nun gemeinsam vor die Tür. Ein Kleinbus hält um 8.20 Uhr an der Straßenecke. Frau Baumann gibt ihrem Mann einen Kuss. Als er einsteigt, stützt sie ihre Hände in die Hüfte und atmet aus. Ihre Wangen glühen. Das Leben mit einem kranken Mann ist anstrengend. Früher hat Baumann Sport unterrichtet, er ist nach Seeigeln getaucht oder hat den Garten umgegraben. Heute betrachtet er oft die Autodächer von oben. Er spuckt in die Topfpflanzen. Er schaut fern, aber alle paar Minuten einen anderen Sender. Wenn ihn seine Frau nicht daran erinnert, verzichtet er darauf, seine Kleidung zu wechseln - selbst dann, wenn er vergessen hat, rechtzeitig zur Toilette zu gehen. Das Meer macht ihm heute Angst. Seine Frau macht ihn häufig wütend. In diesem Artikel soll deshalb nicht sein echter Name stehen.

Nebenan in der Kita bringen Eltern ihre Kinder - hier ist es andersrum

Sabine Baumann ist 68 Jahre alt und liebt Eisschnelllaufen und Inlineskaten. Doch seit ihr Mann vor drei Jahren vergesslich wurde, bestimmt er die Geschwindigkeit ihres Lebens. Freiheit hat sie jetzt nur noch zweimal in der Woche, von 8.20 bis 16 Uhr. An Tagen wie heute, dank der Tagespflege. Die Kasse bezahlt diese Betreuung. Auch, damit Menschen wie sie, die ihre Angehörigen versorgen, entlastet werden.

Im Kleinbus sitzt Hartmut Baumann heute auf der Rückbank. Er beißt auf seine Unterlippe und lächelt still. Vorne, am Steuer, lenkt Pfleger Andreas Rath den Bus durch Wilmersdorf. Er holt jeden Patienten von zu Hause ab. Rath blickt auf diesen Fahrten in die Wohnungen der Menschen, die er den Nachmittag über beschäftigen soll. An der Türschwelle schaut er in ein Leben hinein, das sich die Leute einmal aufgebaut haben. Er sieht, was davon übrig ist.

Eine Frau hat jeden Tisch und jede Tür in ihrer Wohnung mit kleinen Zetteln beklebt. Telefonnummern stehen darauf, deutsche Wörter und Schriftzeichen aus ihrer Heimat Japan. Gedächtnisstützen.

Eine andere Dame legt immer mehrere Goldketten an, wenn sie ausgeht. Früher leitete sie ein Lederwarengeschäft, dort gab sie die Anweisungen. Heute beugt sich Pfleger Rath beim Abholen zu ihr herab und hebt einen Gehstock wie ein Mikrofon zum Mund. "Sie ist eine schöne Frau!", singt er. Sie strahlt. Als der Kleinbus bei einem ehemaligen Versicherungskaufmann hält, steht der schon auf dem Gehsteig. Er ist ein Herr mit weißem Seitenscheitel und wachem Blick. Pfleger Rath geht mit großen Schritten auf ihn zu, hebt beide Arme in die Luft und drückt den Mann an seine Brust. "Mein Freund!", ruft er. Schließlich sind es 14 Damen und Herren, die zur Tagespflege kommen. Nach dem Frühstück beginnt für sie das Programm.