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Demenz:Das letzte Verschwinden des Wolfgang Heuer

Am 18. Juni 2013 verschwand Wolfgang Heuer. Erst nach mehr als 300 Tagen finden Hafenarbeiter seine Leiche.

Auf einmal war er weg, untergetaucht in der Menschenmenge. Er kommt zurück, dachte Marianne Heuer über ihren dementen Mann. Also suchte sie und wartete. Doch wann gibt man einen geliebten Menschen auf?

Sie ist der letzte Mensch, der daran glaubt, dass Wolfgang Heuer noch lebt. In ihrem Kofferraum liegt eine silberne Plastikkiste, darin eine dicke Jacke, eine lange Unterhose, ein Pullover, Shampoo, eine Tube Zahnpasta. Falls Wolfgang gefunden wird, falls sie ihn schnell abholen muss.

Die Beamten der Kriminalpolizei gehen bald davon aus, dass Wolfgang Heuer tot ist. Doch Marianne Heuer will nicht aufgeben. Noch Monate nach seinem Verschwinden sagt sie, sie glaube, ihr Mann sitze irgendwo auf einer Parkbank und warte auf sie. Ihr Wolfgang, der so oft verschwand und doch wieder auftauchte. Am Ende wird Marianne 308 Tage hoffen, dass ihr Mann wiederkommt. Dass er zurückkehrt in ihr Leben, das er am 18. Juni 2013 so plötzlich verlassen hat.

Diesen Dienstag im Sommer, Marianne kann ihn nicht vergessen. Die 35 Grad, die Wolfgang zum Schwitzen brachten. Den Matjes, den sie am Hafen aßen, bevor sie losfuhren, nach Hause, nach Berlin. Sie, 63 Jahre, kinnlanges graublondes Haar, blaue Augen. Er, 68, groß, kräftig, den weißen Bart ordentlich gestutzt. Ein Rentner-Ehepaar auf Besuch in Hamburg, sie am Steuer, er auf dem Beifahrersitz.

Im Stadtverkehr saß Wolfgang meist auf der Rückbank, da waren die Türen mit der Kindersicherung verriegelt, Marianne konnte ihren Mann im Rückspiegel beobachten. Doch an diesem Tag wollte sie direkt nach Berlin, drei Stunden Fahrt auf der Autobahn. Da saß Wolfgang meist still auf seinem Platz. Also ließ sie ihn vorne sitzen.

Verschwunden in der Menschenmenge auf der Mönckebergstraße

Der Moment, der alles veränderte, begann, als Marianne den Ford Focus an einer roten Ampel stoppen musste. Da riss Wolfgang die Beifahrertür auf und lief los, ums Auto und durch den dichten Feierabendverkehr. Sie war erst wie gelähmt, erzählt sie, dann ließ sie das Auto mitten auf der Straße stehen und rannte ihrem Mann hinterher. "Wolfgang, bleib stehen! Warte doch auf mich, warte doch auf mich!" Sie lief ihm nach, über die Brücke, unter der die Züge aus dem Hauptbahnhof schrillen. Über die Kreuzung, deren Straßen in die Innenstadt führen, zum Hafen, auf die Autobahn nach Berlin oder Lübeck.

Ein letztes Mal sah sie Wolfgangs verwirrten Blick, als er sich umdrehte. Dann bog er um die Ecke und verschwand in der Menschenmenge auf der Mönckebergstraße, der großen Einkaufsstraße. Im Sommer bewegen sich dort mehr als 5000 Fußgänger in der Stunde.

"Ich habe noch gerufen, Passanten haben mich angeguckt. Ich habe gefragt: ,Haben Sie meinen Mann gesehen?'" Nichts. Niemandem war der verwirrte Mann aufgefallen. Auch die Spürhunde der Polizei verloren Wolfgangs Spur. Es schien, als hätte die Großstadt Wolfgang geschluckt.

"Seine erste Frau war die Baustelle, ich war die Zweitfrau"

Der Tag im Juni ist der Schlusspunkt eines gemeinsamen Lebens und einer schrecklichen Krankheit. Wolfgang Heuer litt an Demenz, seit Jahren. Am Ende wusste er nicht mehr, dass er ohne seine Frau nicht überleben kann.

Die Geschichte von Marianne und Wolfgang begann 1972. Sie kannten sich gerade vier Monate, da wollte das Paar heiraten. Die Gäste waren geladen, das Brautpaar saß im Wartezimmer des Standesamtes. Da riss Wolfgang zum ersten Mal aus. Nein, heute könne er nicht heiraten, sagte er noch, er müsse arbeiten. Er ging. Sie blieb geduldig, wartete weitere 13 Jahre. Erst beim dritten Versuch traute er sich.

Spontan und ein wenig verrückt, das sei ihr Wolfgang immer gewesen. Komm, sagte er einmal, da hatte Marianne gerade Buletten und Blumenkohl auf dem Herd. Mach aus, sagte er, es geht nach Salzburg übers Wochenende. " Ich habe mitgemacht, ich war glücklich", sagt sie heute.

Marianne sagt, Wolfgang lebte für seinen Beruf. Als Bauleiter koordinierte er Großprojekte, das ICC, den Tiergartentunnel, den Rohbau des Berliner Hauptbahnhofs. Marianne fand sich damit ab, dass ihr Mann um sechs Uhr morgens das Haus verließ und oft erst um 22 Uhr zurückkam. Sie akzeptierte die wuchtigen Findlinge, die Wolfgang von den Baustellen ankarrte und in den Vorgarten legte. Sie schüttelte den Kopf, wenn er sonntags seine Steine mit dem Gartenschlauch abspritzte, damit sie in der Sonne funkelten. "Seine erste Frau war die Baustelle, ich war die Zweitfrau", sagt sie.

Wolfgang begann, ständig sein Portemonnaie zu vergessen

Marianne liebt Tanzen und die Rolling Stones. Auf Ausflugsfahrten in den Spreewald trinkt sie Prosecco. Mit Freundinnen reist sie nach Dubai und Israel; ruft jemand auf ihrem Handy an, erklingt "I can't get no satisfaction". Sie freute sich auf Wolfgangs Rente. "Dann wollten wir Deutschland kennenlernen. Nur wir beide. Erfurt, Dresden. Mit Theaterbesuchen, wie alte Leute das machen. Das war mein Traum vom Alter."

Ein Traum, der nie in Erfüllung gehen sollte. Wolfgang begann, ständig sein Portemonnaie zu vergessen, da war er 56 Jahre alt. Wenig später stahl er plötzlich Uhren vom Flohmarkt und band sich bis zu zehn Stück um die Arme. Seine Familie musste mitansehen, wie er sich an heißem Tee verbrühte und die Tasse trotzdem wieder ansetzte. "Er konnte nicht realisieren, dass der Tee heiß ist", erinnert sich Marianne. "Ein Kleinkind würde kein zweites Mal etwas Heißes trinken."

Doch nicht nur für sich selbst wurde Wolfgang zur Gefahr. Viel zu schnell fuhr er mit dem Auto durch die Nachbarschaft, seine Tochter Heike auf dem Beifahrersitz. Sie schrie panisch: "Halt an, halt an!" Daraufhin nahm ihm seine Frau den Autoschlüssel ab und versteckte den Wagen in der Garage eines Bekannten.

Auf die Frage nach dem Namen der Tochter konnte er keine Antwort geben

2010 ließ Marianne ihren Mann entmündigen. Zu dieser Zeit suchte Wolfgang häufiger nach Worten. Schließlich zeigte er nur noch auf Dinge, die er haben wollte. Ein Psychiater besuchte die Familie und notierte: "Herr H. war zu Auskünften bereit und bestätigte seinen Namen, er erkannte auch seine Ehefrau, konnte aber ihren Namen nicht benennen. In diesem Augenblick betrat die Tochter das Elternhaus, er wurde von der Ehefrau darauf hingewiesen, dass dies seine Tochter sei. Herr H. zuckte die Schultern. Auf die Frage nach dem Namen der Tochter konnte er keine Antwort geben."

Wenn Wolfgang zur Toilette musste, stand er nur da und zog an seinem Reißverschluss. Marianne sagte dann: " Ich muss auf die Toilette, komm mal eben mit." Sie arbeitete mit Tricks, um ihn nicht zu drängen. " Wenn ich ungeduldig war, wurde er aggressiv."

Beim Anziehen reichte ihm seine Frau erst die Unterhose, dann die Jeans. Half sie ihm nicht, zog er sich sechs Pullover über oder rannte im Schlafanzug aus dem Haus. Wenn sie ihn so fand, lachte Marianne und holte den Fotoapparat. "Man muss halt auch aus einer blöden Situation eine lustige machen", sagt sie, wenn sie sich heute über die Bilder auf ihrem Küchentisch beugt.

Was fühlt man, wenn der eigene Mann zum Kleinkind wird? "Manchmal war ich genervt und sauer", sagt Marianne. "Aber das passierte ja alles nicht von heute auf morgen. Das machte man eben mit. Er konnte nichts dafür, er hatte es sich ja nicht ausgesucht." Aus der Ehefrau wurde eine Pflegerin im 24-Stunden-Dienst. Für ihre Tochter Heike, 24 Jahre, war das schwer anzusehen. "Ich hatte grundsätzlich das Gefühl: Es bringt nichts mehr. Meine Mutter war fertig mit den Nerven." Oft sah sie Marianne am Küchentisch weinen.

Je kränker er wurde, desto öfter lief Wolfgang weg

Tagsüber lief Wolfgang rastlos durch die Nachbarschaft in Berlin-Lübars. "Ich hab ihn in Berlin laufen lassen, weil ich dachte, er kommt immer wieder", sagt Marianne. Sie stellte ihrem Mann Milch und Kekse auf eine Bank im Vorgarten. Abends lockte sie ihn mit dem Geruch gedünsteter Zwiebeln aus dem Garten zurück ins Haus. Nachts ließ Wolfgang die elektrischen Jalousien auf- und abfahren, rüttelte an Türen. Je kränker er wurde, desto öfter lief Wolfgang weg. Nach einer Untersuchung irrte er fünf Tage im offenen Krankenhaushemd durch Berlin. Ein anderes Mal verschwand er von einem Konzert in der Wuhlheide und lief 25 Kilometer zu Fuß nach Hause.

Marianne nähte ihrem Mann Namensschilder in die Kleidung. Nachts riegelten die Heuers das Haus ab, 24 Schlüssel für Terrasse, Türen, Fenster. Von den Türen schraubten sie die Griffe ab.

"Das war nicht mehr mein Vater. Von dem hatte ich mich da schon verabschiedet", sagt sein Sohn Jens, 28.

Am Ende gab es nur noch den Blick, mit dem Wolfgang nach seinem Verschwinden in Hamburg von tausenden Plakaten schaut. Weit in die Ferne, ein endloses Starren. Die Augen wirken matt, die Mundwinkel hängen. 5000 Plakate hat Marianne seit seinem Verschwinden im Juni 2013 in Hamburg aufgehängt. "An Demenz erkrankter Wolfgang Heuer vermisst", steht darauf, dazu ein Bild von Wolfgang und ihre Telefonnummer. Marianne hat die Plakate in Klarsichtfolien gesteckt und mit Tesafilm an Ampelmasten geklebt. "Ich dachte immer, da kommt ein Anruf: Hallo, Wolfgang Heuer steht neben mir." Doch das Telefon bleibt stumm, nie gibt es auch nur die kleinste Spur von ihrem Mann.

"Wäre einfacher, wenn man wenigstens einen Grabstein hätte"

Marianne schneidet Zeitungsartikel aus, "Toter im Teltowkanal gefunden", liest sie da, " Unbekannte Leiche in U-Bahn-Schacht". Könnte er das sein, ihr Wolfgang? Sie schämt sich, wenn sie bei der Polizei anruft und nachfragt. Doch wann gibt man einen geliebten Menschen auf? Alle paar Wochen fährt Marianne nach Hamburg. Sie müsse etwas tun, könne nicht einfach in ihrem Haus in Berlin sitzen, sagt sie. In Hamburg, wo er verschwand, fühlt sie sich Wolfgang näher.

Sohn Jens sagt: "Es wäre einfacher, wenn man wenigstens einen Grabstein hätte." Kurz nach dem Verschwinden seines Vaters zog er wieder zu Hause ein. Er könne seine Mutter nicht alleinlassen, sagt er.

Tochter Heike sagt: "Ich ärgere mich wirklich für solche Gedanken, aber ich denke, es wäre besser, wenn er nicht mehr leben würde. Wenn er wiederkommt, wird Mutti sich jeden Tag um ihn kümmern. Das möchte ich nicht mehr."

Ehefrau Marianne will das alles nicht hören. " Solange er nicht gefunden wurde, ist er für mich nicht tot", sagt sie immer wieder.

Sieht sie in dieser Zeit einen Obdachlosen, blickt sie ihm lange ins Gesicht. Manchmal läuft sie ihm hinterher. Sie weiß doch nicht, wie Wolfgang heute aussehen würde. Sie weiß nur: Sie ist es, die ihn erkennen muss; er würde sich inzwischen nicht mehr an sie erinnern. Sie wünscht sich ein Phantombild, doch die Polizei hat die Suche eingestellt.

Seit dem 18. Juni trägt Marianne keine Farbe mehr

Marianne hat deswegen ihre eigene Akte eröffnet, einen Ordner mit Zeitungsausschnitten, Gutachten, alten Fahndungsplakaten. Sie sammelt jeden Parkschein, den sie auf der Suche löst. Notiert die Deutschen Botschaften, die sie angeschrieben hat. Sogar Bosnien und Herzegowina, Weißrussland, Liechtenstein.

In ihrem Haus in Berlin ist Wolfgangs Bett frisch bezogen, im Badezimmer steht eine neue Zahnbürste im Becher. "Er kam doch immer zurück", sagt sie.

Wolfgang ist gut 280 Tage verschwunden, es ist Ende März 2014, da nimmt Marianne die Winterjacke und die lange Unterhose aus der Kiste im Kofferraum. Sie legt ein kurzärmliges Hemd hinein.

Wer Marianne in diesen Tagen trifft, begegnet einer zerbrechlichen Frau. Sie zappelt mit den Fingern, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Ihre Augen wirken müde, erschöpft. Die Haare, die sie früher rot, blond, einmal sogar blau getönt hat, sind inzwischen weiß. Seit dem 18. Juni trägt Marianne keine Farbe mehr.

Im April hat sie die ersten Findlinge aus dem Vorgarten an die Nachbarn verschenkt. Sie spricht darüber, das große Haus zu verkaufen. Noch einmal fährt sie nach Hamburg. Nicht um Plakate aufzuhängen. Das hat sie aufgegeben. Sie sitzt als Gast in der Sendung " Markus Lanz" und hofft, dass ein Zuschauer ihren Mann erkennt. Als Lanz sie fragt, wer außer ihr noch an Wolfgangs Rückkehr glaube, antwortet Marianne: " Keiner." Dann bricht sie in Tränen aus.

Vielleicht hatte er vergessen, wie man schwimmt

Am 22. April klopft es an der Tür. 308 Tage nachdem ihr Mann aus dem Auto stieg und verschwand, stehen zwei Kripo-Beamte vor Marianne. Wolfgang Heuer ist tot, Hafenarbeiter haben seine Leiche im Schlick des Tiedekanals gefunden. Acht Kilometer vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt, wo er verschwand.

Die Rechtsmediziner gehen davon aus, dass er kurz nach seinem Verschwinden ins Wasser gefallen sein muss. Vielleicht war die Strömung zu stark und er zu geschwächt. Vielleicht hatte er vergessen, wie man schwimmt. Marianne wird es niemals erfahren. Wenn man sie fragt, ob sie nun Abschied nehmen kann, sagt sie: " Irgendwie will ich nicht glauben, dass er nun weg ist. Mein Verstand sagt zwar, dass es so ist. Aber mein Herz sagt etwas anderes."

Wolfgangs Leichnam wird in Hamburg verbrannt, die Urne mit der Post zum Bestattungsunternehmen nach Berlin geschickt. Marianne darf ihn nicht selbst abholen. " Was, wenn er auf dem Weg verloren geht?", fragt sie sich. Sie hat einen Platz ausgesucht, auf dem ihr Mann beerdigt wird, in einem Friedwald in Bernau bei Berlin. Sie möchte einen kleinen Findling aus dem Vorgarten mitnehmen und ihn auf das Grab legen. In der Todesanzeige wird kein Datum stehen, nur "Wolfgang Heuer, geboren 1944, gestorben 2013".

Levi

Sarah Levy arbeitete während des Studiums vier Jahre beim Fernsehen, bis sie endlich zum Schreiben fand. Seitdem war sie für Redaktionen in Frankfurt, Mannheim, Berlin und Hamburg als Reporterin unterwegs. Bis Dezember 2014 besucht sie die Henri-Nannen-Journalistenschule.

Christopher Piltz schrieb schon vor dem Abitur für die Lokalzeitung. Nach dem Politik- und VWL-Studium in Göttingen ging er 2013 an die Henri-Nannen-Journalistenschule. Sein Schwerpunkt sind Sozialreportagen und Bildungsthemen.

Der Reportagepreis für junge Journalisten 2014 wird verliehen in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Netzwerk JungeJournalisten.de. Die Jury begründet ihre Entscheidung folgendermaßen:

Sarah Levy und Christopher Piltz begeben sich mit ihrer Reportage "Das letzte Verschwinden des Wolfgang Heuer" auf Spurensuche nach einem menschlichen Schicksal. Ein demenzkranker Mann verschwindet plötzlich und spurlos, er wird verschluckt von der Großstadt. Die beiden Autoren erzählen diese Begebenheit mit einer Spannung, die nicht durch Superlative getragen wird, sondern durch das Thema selbst. Sarah Levy und Christopher Piltz bewahren einen lakonischen Tonfall und tappen nicht in die Pathos-Falle. Ihre Reportage stellt einen originellen thematischen Ansatz für das Thema Demenz dar, denn diese Geschichte spielt mitten im Leben. Zugleich gelingt Sarah Levy und Christopher Piltz durch eine facettenreiche Erzählweise der tiefe Einblick in eine Ehe, die lange nicht erfüllend war und schließlich in einem Drama endet.