Dem Geheimnis auf der Spur Tod im Kornfeld

Auf einem der Felder, die van Gogh so oft malte, wurde 75 Jahre später die Tatwaffe gefunden.

(Foto: Sammlung Van Gogh Museum)

Galt der Stil von Vincent van Gogh zu Lebzeiten noch als fragwürdig, waren die Werke des Malers nach seinem Tod auf einmal sehr gefragt. Doch wie kam van Gogh um? Hat der Mann mit den vielen Gesichtern sich erschossen, oder war alles ganz anders?

Von Volker Bernhard

Vincent van Gogh? Ja klar, das Künstlergenie, das sich sein Ohr abschnitt und im Alter von 37 Jahren Suizid beging. Ähnlich bekannt wie seine berühmten Sonnenblumenbilder oder die "Sternennacht" ist seine Lebensgeschichte, die so tragisch endete. Sein künstlerisches Unterfangen bestand im Versuch einer radikal subjektiven Aneignung der Welt, die mit seinem Wahn aufs Innigste verwoben war: Julian Schnabel versucht das in seinem aktuellen Film "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" erfahrbar zu machen, es klappt trotz eines großartigen Willem Dafoe eher mittelgut.

Galt der Stil des Malers zu Lebzeiten noch als fragwürdig, wurde van Gogh nach seinem Tod schon bald "très chic", was ja kein seltenes Phänomen ist, wenn man sich bekannte Künstlerbiografien anschaut. Aber wie dramatisch, wie filmreif war das Ende dieses Mannes wirklich?

Van Gogh versucht lange erfolglos, ein bürgerliches Leben aufzubauen. Mit 27 Jahren beschließt er, Maler zu werden und leistet sich einen Lebensstil, der sein Einkommen bei Weitem übersteigt. Er reist quer durch Europa, bis an sein Lebensende wird er von seinem jüngeren Bruder Theo, einem Kunsthändler, finanziell unterstützt. Im Februar 1888 flieht er vor dem Winter ins südfranzösische Arles. Es werden äußerst produktive 16 Monate, die stets auch von Geldnot, Einsamkeit, gesellschaftlicher Enge und den Streitereien mit seinem Bruder geprägt sind.

Schon bald will er im angemieteten "Gelben Haus" eine Künstlergemeinschaft gründen, einzig Paul Gauguin folgt dem Aufruf, gelockt von der finanziellen Förderung Theo van Goghs. Vincent malt extra für die Ankunft des verehrten Gauguin in Arles die Sonnenblumenbilder als Dekoration, doch die Temperamente der beiden sind allzu verschieden. Nach zwei Monaten, in der Nacht des 23. Dezember 1888, eskaliert die Situation: Van Gogh steht betrunken und blutüberströmt vor dem Bordell seiner Lieblingsprostituierten Rachel und überreicht der Herzensdame, die der Ohnmacht nahe ist, sein abgetrenntes Ohr, während Gauguin sich bereits auf dem Weg zurück nach Paris befindet.

Schnitt ihm sein Mitbewohner Paul Gauguin im Streit das Ohr ab?

Van Gogh wird von der Polizei am nächsten Tag mit starkem Blutverlust entdeckt und kann sich an nichts erinnern. Lange Zeit galt es als sicher, dass van Gogh zuerst Gauguin bedrohte (so schreibt es dieser in seinen Memoiren) und sich dann selbst das Ohr abschnitt. Denn das dem Wahnsinn zugeneigte Genie hat immer wieder depressive Schübe gehabt, Phasen voller Schlafstörungen und Halluzinationen.

Dazu kam sein Alkoholproblem. Doch Rita Wildegans und Hans Kaufmann bestreiten in ihrem 2008 erschienenen Werk "Van Goghs Ohr: Paul Gauguin und der Pakt des Schweigens" diese naheliegende These. Ihrer Ansicht nach hat Gauguin im Streit mit van Gogh zum Degen gegriffen und mit dessen Ohr kurzen Prozess gemacht. Die Geschichte der "Selbstverstümmelung des wahnsinnigen Malers" sei demnach ein perfider Schutz vor der Strafverfolgung. Ihre Vermutung wurde vielfach bestritten und erscheint sehr gewagt. Zwar lässt sich allerlei Schlechtes über Gauguin zusammentragen, doch was in jener Nacht geschah, bleibt offen.

Nach längerer ärztlicher Behandlung reist van Gogh im Mai 1890 über Paris ins nahegelegene Auvers-sur-Oise, wo sich der zwielichtige Kunstfreund und Arzt Paul Gachet seiner annimmt. Van Gogh arbeitet hier unermüdlich und frönt weiter dem Alkohol. Am 6. Juli 1890 kommt es bei einem Besuch der Familie seines Bruders erneut zu heftigen Auseinandersetzungen. Und so gilt schon lange als ausgemacht, dass sich der Künstler am 27. Juli mit einem geborgten Revolver auf einem Feld in den Bauch schießt, zur Herberge zurückkehrt und zwei Tage später in den Armen seines Bruders stirbt.

Genau so zeigt es der Film "Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft" von 1956 mit Kirk Douglas in der Hauptrolle. Das Motiv liegt auf der Hand: die Furcht vor dem Ende der Zuwendungen durch seinen Bruder Theo. Der Unwille, sich weiterhin von diesem aushalten zu lassen. Ein Hilfeschrei, da er sich einsam fühlte. Eine sich anbahnende und verbotene Liebe zur Tochter Gachets.

Und doch sind die Zweifel an der Suizidthese in den letzten Jahren gewachsen: Steven Naifeh und Gregory White Smith behaupteten 2011 in "Van Gogh: The Life", dass Einschusswinkel und Distanz zweifelhaft für einen Selbstmord seien. Sie fokussieren sich auf eine lange vergessene Geschichte und führen bekannte Fakten mit zahlreichen Zeugenaussagen ins Feld: Demnach haben zwei Jungen van Gogh wiederholt geärgert, er habe aus Einsamkeit jedoch ihre Nähe gesucht. Bei einer dieser Neckereien hätten sie ihn absichtlich oder aus Versehen angeschossen. René Secretan war einer dieser Jungen, er bestätigte 1956 in einem Interview die Bekanntschaft und die Streiche. Jedoch habe van Gogh ihm die Waffe gestohlen, die beiden seien zum Zeitpunkt der Tat nicht mehr in Auvers gewesen. Was noch schwerer wiegt, ist die überlieferte Aussage des Künstlers direkt vor seinem Tod. Als die Polizei van Gogh fragte, ob er sich töten wollte, antwortete er: "Ich denke schon." Um daraufhin zu ergänzen: "Beschuldigt niemand anderen."

In dem Dorf nahe Paris malte und trank der Künstler unermüdlich

1965 fand ein Landwirt auf den Feldern um Auvers-sur-Oise einen völlig verrosteten 7-mm-Lefaucheux-Revolver und übergab ihn an den Besitzer der Auberge Ravoux. Ob der Revolver, den der Künstler angeblich benutzte, wirklich 75 Jahre dort lag? Das Pariser Auktionshaus Drouot versteigert jedenfalls am 19. Juni 2019 die Überreste einer Waffe, die zugleich reines Spekulationsobjekt ist. Die schiere Möglichkeit, der Gegenstand könnte mit kunstgeschichtlicher Bedeutung aufgeladen sein, reicht anscheinend für ein Versteigerungsspektakel. Der Schätzpreis liegt bei 40 000 bis 60 000 Euro.

Van Gogh, der leider nicht mehr erlebte, wie sein Marktwert ins Gigantische stieg, ist immer noch Anlass für die wildesten Geschichten.