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Dem Geheimnis auf der Spur:Lächelnde Puppen

Die Miniaturfiguren aus Kaiser Jings Grab kennen kein martialisches Gehabe, sondern nur Harmonie und Friedfertigkeit - ganz im Sinne von Laotses Lehre des Tao-Te-King.

(Foto: Victor Paul B/mauritius images)

Hundert Jahre nach Kaiser Qins Terrakottakriegern ließ Kaiser Jingdi in seinem Grabmal 40000 Miniaturfiguren versammeln. Welchen Zweck verfolgte er mit den Püppchen, die so ganz anders aussehen als die berühmten Soldaten?

Als Chinas erster Kaiser 210 v. Chr. starb, befand er sich auf einer Inspektionsreise im geschlossenen Wagen und mit Riesengefolge durch die ehemals "Streitenden Reiche", die er mit harter Hand als Despot "alle unter einem Himmel" zwangsvereinigt hatte. In Zhang Yimous Film "Hero" von 2002 erläutert Kaiser Qin einem namenlosen Attentäter die "Notwendigkeit" seiner Eroberungskriege für die Reichseinigung wie ein Naturgesetz. Kein Wunder, dass Mao Zedong den Reichsgründer Chinas und Initiator der großen Mauer so bewunderte.

Qin war besessen von der Idee eigener Unsterblichkeit. Daher hatte er eine gigantische Grabanlage errichten lassen mit Tausenden lebensgroßen Terrakottakriegern, die ihn in Kampfformation auch im Jenseits beschützen sollten. Die Terrakotta-Armee von 8000 Kriegern in der Nekropole nahe der heutigen zentralchinesischen Millionenstadt Xi'an, einst Ausgangspunkt der Seidenstraße, wurde 1974 von einem Bauern zufällig entdeckt und dann systematisch ausgegraben. Sie gilt als achtes Weltwunder. Die Herrschaft der Qin-Dynastie, der ersten in Chinas Geschichte, überdauerte den Gründer nur um wenige Jahre. Bauernaufstände um den niederen Beamten Liu Bang fegten 206 den letzten Herrscher hinweg und begründeten die viel dauerhaftere "Westliche Han-Dynastie". Die basierte auf den Prinzipien Harmonie und abwartendem Nicht-Handeln des Taoismus und darf als eine der goldenen Zeiten des Reichs der Mitte gesehen werden.

Das lässt sich auch an der wenig bekannten "Nackten Terrakotta-Armee" des vierten Han-Kaisers Jing (188-141 v. Chr.) ablesen, auf die man wenige Kilometer nördlich von Xi'an bei den Ausschachtungsarbeiten für einen Autobahnzubringer 1990 stieß. In mehr als hundert Gruben beim Grab des Kaisers und seiner Frau Wang hat man bislang 40 000 Tonfiguren gefunden. Sie sind nur ein Drittel so groß wie die mit 1, 80 Meter für damalige Verhältnisse sehr großen Qin-Krieger und nackt, weil sie offenbar in inzwischen zerfallene feine Gewänder aus Seide und Leinen gekleidet waren. Auch Arme besitzen die Figuren nicht mehr, denn die waren der Beweglichkeit halber aus inzwischen zerfallenem Holz. Übrigens sind die nackten Tonpüppchen deutlich männlich oder weiblich mit entsprechend ausgeprägten Geschlechtsorganen. Deshalb lassen sich darunter sogar Eunuchen erkennen.

Die nackten Tonpüppchen tragen keine Waffen. Sie sind Musiker und Tänzer

Die Terrakotta-Armee Qins ist schwer bewaffnet mit echten Speeren und Armbrüsten. Die Han-Figuren sind weitgehend friedlich mit Tänzern und Musikern und haben ein typisches rätselhaftes Lächeln, das den schmallippigen Großkriegern, die zwar am Stück gehärtet, aber individuell nachgearbeitet wurden, fremd zu sein scheint. Wollten Jing und seine Zeitgenossen mit ihrer Püppchenparade auch die neuen friedfertigen Zeiten der am Ende 400 Jahre dauernden Han-Herrschaft nur 60 Jahre nach der beispiellosen Gewaltherrschaft Qins feiern? Qin ließ Gefangene systematisch töten, ihm unangenehme Bücher verbrennen und konfuzianische Dissidenten angeblich zu Hunderten hinrichten. Fehlten die Konkubinen unter den Tonfiguren, die einen kompletten Hofstaat mit Bronzekarosse, Pferden und Tieren nachbildeten nicht einfach, weil sie noch wie in uralten Zeiten höchstselbst dem Herrscher in den Tod folgen mussten? Ein heute leeres Gräberfeld in der Qin-Anlage könnte damit erklärt werden. 99 geschmückte Konkubinengräber hat man auch gefunden.

Für Han-Kaiser Jing jedoch galten seit 157 v. Chr. die Weisheiten des Tao-Te-King des "alten Meisters" Laotse, das in Jings Regierungszeit erstmals erwähnt wurde. Da galten die relativ zurückhaltenden Herrschaftsprinzipien des Teile und Herrsche. Noch ist nicht alles ausgegraben, was die Grabanlage Jings beherbergt.

Viele Hügel in der Hochebene von Xi'an ähneln den Grabanlagen von Qin und Jing. Dabei ist das eigentliche Grab Qins noch nicht angetastet worden. Mit der Begründung, es bestehe Gefahr der Zerstörung kostbarer Schätze, für deren Bewahrung man bis heute keine funktionierende Konservierungstechnologie habe, ist das Anstechen des Grabtumulus bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben worden.

Nach dem legendenhaften Bericht des Chronisten Sima Qian warten auf jeden, der die Anlage betritt, raffinierte Selbstschussanlagen aus Armbrüsten - wie in einem Indiana-Jones-Film. Dem oberirdischen Bau entspreche, so der Bericht, ein unterirdisches Spiegelbild mit dem Grab im Zentrum. Sterne am künstlichen Himmel würden durch Edelsteine repräsentiert und die Flüsse Chinas aus purem Quecksilber durchzögen eine Nachbildung des Landes.

Immerhin ließ sich durch Probebohrungen im Grabhügel eine hohe Quecksilberkonzentration nachweisen. Eine ausgetüftelte Drainage hat eine vollständige Überflutung der Anlage verhindert. Ob das Grabräuber abgehalten hat? Zweifel sind erlaubt, ob die Wirren direkt nach dem Tod des Reichseinigers und dem Ende seiner Dynastie, den geplanten Bombast der Anlage, an der seit der Thronbesteigung Qins gearbeitet wurde, nicht doch eingeschränkt haben. Jedenfalls deuten Brandspuren an allen bisher geöffneten Gruben auf Rache der Han-Eroberer hin.

Wahrscheinlich erzählen die sanft lächelnden Han-Puppen von einem besseren Leben als die Stempel der Sklavenwerkstätten auf den Terrakottakriegern: Durch sie konnte man Fehlerquellen finden und Pfusch hart bestrafen.

© SZ vom 25.01.2020
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