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Dem Geheimnis auf der Spur:Krokodile schweigen

Die Zikade war mit ihren musikalischen Geräuschen den alten Ägyptern suspekt.

(Foto: imago stock&people)

Kommt die Musik aus dem Tierreich? Die klingende Natur war dem Menschen immer eine Freude - und zugleich verdächtig. Platon zum Beispiel erschienen musikalische Töne gar roh und verderblich und er warnte stets davor.

Zunächst zaghaft, dann mit freudiger Zuversicht folgt Siegfried in Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" dem Waldvöglein, das ihm singend den Weg weist. Tierlaute gehören seit Langem zur Kunstmusik. Schon in der bunten musikalischen Welt der Renaissance, des Barock, später auch in Beethovens Pastoralsymphonie oder den Tonbildern von Richard Strauss begegnen wir Kuckucksrufen und Vogelgezwitscher. Und so, wie man über den Ursprung der Sprache weitgehend im Trüben fischt, verhält es sich auch mit dem Ursprung der Musik. Hat sie der Mensch etwa den Tieren abgelauscht? Ist er gar nicht so einzigartig kreativ?

Auch dies ist eine gute alte Frage. Protagoras will gegensätzliche Standpunkte gelten lassen, Sokrates wundert sich, dass Protagoras seine "Wahrheit" nicht damit eingeleitet habe, dass der Maßstab aller Dinge das Schwein sei oder der Pavian oder "sonst etwas Abwegiges, das Wahrnehmung besitzt". Platon greift - es wirkt ein bisschen überstürzt - gleich nach den Sternen. Gipfel der Vollkommenheit seien die Planeten, die in ihrem Tun der immer gleichen Ordnung folgten. Wer in diesem Sinne Musik betreibe, gemäß der Zahlenverhältnisse, die in den Gestirnen herrschten, der übe die Kunst vollkommener aus als andere; der spiegele die göttliche Harmonie. Subtext: Nur der Mensch kennt die algebraische Grundlage des Kosmos. Platon hat diese Idee vermutlich von den Ägyptern übernommen, die jedoch - wie auch Pythagoras - neben der dogmatische Harmonik der von Menschen gestalteten Musik die unmessbare, unermessliche Klangwelt der Natur gelten ließen.

Der Mensch sollte nach Platon Musik üben nach der Zahlenharmonie der Gestirne

Die war auch im Menschen angelegt, musste in ihm jedoch überwunden werden. Die ungezügelte Emotion musste eingehegt werden. So wendet sich Platon gegen bestimmte Tonarten und Instrumente, weil sie durch ihren Klang zu unkontrollierten Zuständen und Handlungen, etwa sexuellen, anregten. Der Mensch musste sich auf jeden Fall über das Tier erheben. "Die übrigen Geschöpfe nun entbehren des Gefühls für Maß und Maßlosigkeit in den Bewegungen, welche den Namen des Zeitmaßes und Wohlklanges führen." Daraus definiert Platon die Gottähnlichkeit des Menschen. Im alten Ägypten dagegen verstand man die Klangwelt der Tiere als Abbild einer alles umfassenden Ordnung.

Platon verliert über solcherlei Vorstellungen beinahe die philosophische Contenance. In seiner "Politeia" schreibt er: "Sollen sie wiehernde Pferde und brüllende Stiere, rauschende Flüsse und das tosende Meer, den Donner oder ähnliches nachahmen? Es geht doch nicht an, in Raserei zu verfallen und Rasende nachzuahmen." Es folgt die soziologische Bewertung: "Je weniger sich einer selber wert ist, umso mehr ahmt er alles nach und hält nichts seiner unwert. Daher wird er alles mit Eifer und vor vielen Leuten nachzuahmen versuchen, so - was wir eben erwähnten den Donner, das Rauschen des Windes und Hagels, das Krächzen der Achsen und Räder, den Ton der Trompeten und Flöten und Pfeifen und aller Instrumente, dazu noch die Stimmen der Hunde und Schafe und Vögel." Man denkt an die Szene aus Coppolas Filmoper "Der Pate", als der debile Mafia-Handlanger zur gruseligen Belustigung den Eselsschrei imitiert. Es ging Platon, so wenig wie den Ägyptern, aber nicht nur um die ästhetische Vorherrschaft des Menschen, sondern auch um die moralische - beides sollte eins sein.

Im Glauben, dass durch die Nachahmung von Tieren auch deren physische und psychische Bewegungen auf den Menschen übergingen, musste der Mensch an andere, feste Parameter gewöhnt werden. Platon verdächtigte Musik, die "zur Schnelligkeit und zu tierischen Lauten hinneigte", solch einer Tier-Mensch-Übertragung. Solche Musik erschien ihm roh und verderblich. Selbst so menschliche Geräusche wie das Stöhnen verbannte er ins Tierreich, in den Bezirk von Rausch, Erotik und Besessenheit. Platon beschäftigt sich so ausführlich und beharrlich mit diesem Thema, dass man meinen könnte, die ganze Gefühls- und Gedankenwelt des Menschen hinge daran und vor allem: die Stabilität des Staatswesens.

Nie dürften Menschen Tierlaute nachahmen, nicht mit ihrer Stimme und nicht mit Instrumenten, nie dürften menschliche, tierische und instrumentale Laute ineinanderklingen. Viele dieser noch im Detail beschriebenen Verbote haben andere Menschheitserzieher übernommen, etwa der frühe Christenführer Clemens von Alexandria, der bestätigte: "Die Pfeife ist dem Hirten zugewiesen und die Flöte abergläubischen Menschen, die dem Götzendienst ergeben sind." Blasinstrumente kamen schon für Platon nicht infrage, weil sie an die "inhaltslosen, unvernünftigen" Klänge der Tiere erinnerten. Clemens von Alexandria verbot alle Instrumentalmusik, erlaubte nur das "friedbringende Wort, mit dem wir Gott preisen". Am Ende ließ sich Platon aber doch dazu hinreißen, die ein oder andere Tiermusik in seinem Idealstaat leben zu lassen.

So verwandelt sich die Seele des Sängers Thamyras in eine Nachtigall, und die Zikaden werden zu "Helden der Musik", weil sie weder äßen noch tränken, nur trällerten. Den tierverehrenden Ägyptern dagegen war die Zikade suspekt. Horapollon berichtet in seinen "Hieroglyphen", die Zikade sei bei den Ägyptern Symbol für einen initiierten Mann gewesen, "da sie ein schönes Lied sänge, welches allerdings nicht mit dem Munde, sondern durch das Rückgrat erzeugt werde". Sie sei damit, wie der Musikphilologe Mathias Gredig mutmaßt, eine Variante des weisen, weil zungenlosen Krokodils, das sich der ägyptische König Amenemope vor dreitausend Jahren bei Hofe hielt. Es sprach nicht, es sang nicht, und machte den König weise und glücklich.

© SZ vom 20.06.2020

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