Dem Geheimnis auf der Spur Kammerspiele

Lenneke Ruiten wird in der Rolle der Donna Anna bei den Salzburger Festspielen 2014 bedrängt von Ildebrando d'Arcangelo als Don Giovanni.

(Foto: Imago/Manfred Siebinger)

Was geschah wirklich zwischen Don Giovanni und Donna Anna in jener verhängnisvollen Nacht, mit der Mozarts berühmte Oper beginnt? War es eine Vergewaltigung oder hätte Don Giovanni niemals einer Frau seine Begierde aufgedrängt?

Von Wolfgang Schreiber

Die "Me Too"-Debatte steht im Jahr 1787 noch in den Sternen, aber sexuellen Missbrauch gab es natürlich auch damals schon. Und härteste Strafen gab es auch, so für den zügellosesten aller "Frauenhelden" der Literatur- und Operngeschichte, Don Juan alias Don Giovanni. Er fährt schlicht zur Hölle. Bis heute lässt die Oper von Wolfgang Amadeus Mozart und seinem Librettisten Lorenzo Da Ponte die Frage nach Art und Schwere von Don Giovannis Vergehen offen. Die Tat, die Frage, die das "Dramma giocoso" erst in Schwung bringt, lautet: Was geschah in Donna Annas Zimmer?

Kaum hat, nach der Ouvertüre, Don Giovannis Handlanger Leporello seinen Dienermissmut und den eigenen Zynismus besungen, stürzen in höchster musikalischer Erregung eine Frau und ein Mann in panischem Wortwechsel schreiend auf die Bühne. Donna Anna, offenbar zutiefst gedemütigt, versucht den flüchtenden Don Giovanni festzuhalten. Bebend nennt sie ihn einen Verräter, einen "scellerato", Schurken. Was da genau geschehen war, bleibt allerdings ihr Geheimnis - eine Vergewaltigung, der brutale Versuch dazu? In der Frau tobt nur Rache: "Wie eine verzweifelte Furie werde ich dich zu verfolgen wissen" (Come furia disperata ti saprò perseguitar). Don Giovanni feuert ihr seine Drohworte entgegen.

Das Drama beginnt. Der nächtliche Lärm ruft den Vater der Frau auf den Plan, der "Komtur" tritt aus dem Haus und fordert Don Giovanni zum Duell. Sie fechten, der Alte wird tödlich verletzt und stirbt. Mozarts hochdramatische Musik steigt dabei in die dunkelsten Abgründe. Und von da an nimmt Giovannis Schicksal seinen Lauf - die Rache seiner Opfer und am Ende die vom Phantom des Komturs verhängte Höllenfahrt.

"An die Vergewaltigung oder auch nur an den (...) Versuch mögen wir nicht recht glauben."

Was in Donna Annas Zimmer tatsächlich geschah, wurde bei alldem weder beantwortet noch überhaupt als Frage aus der Welt geschafft. Erst die dreizehnte Szene im ersten Akt kann Licht in die Affäre bringen: Donna Anna gibt ihre Erinnerung an den traumatischen Verführungsversuch preis, erzählt mit bebender Stimme ihrem Verlobten Don Ottavio, wie sie den nächtlichen Überfall des Mannes erlebt hat. "Es war schon ziemlich spät in der Nacht, als ich in meine Zimmer, in denen ich mich unglücklicherweise allein aufhielt, einen Mann eintreten sah, der in einen Mantel gehüllt war und den ich im ersten Augenblick für dich hielt ..." Mozarts aufgewühltes Accompagnato-Rezitativ befeuert atemlos das erlebte Drama der Frau: " ... Schweigend nähert er sich mir, und er will mich umarmen. Ich versuche, mich zu befreien, er umklammert mich fester, ich schreie. Es kommt niemand. Mit einer Hand will er mir den Mund zuhalten, mit der anderen hält er mich so fest, dass ich mich schon überwältigt glaube ..."

Zu einem vorsichtigen Resümee kam 1977 der Schriftsteller Wolfgang Hildes-heimer in seiner Mozart-Monografie: "An die Vergewaltigung, oder auch nur an den entsprechenden Versuch, mögen wir nicht recht glauben." Der Don Giovanni Mozarts sei "nicht der Mann, etwas zu rauben, das ihm nicht, als Frucht der einzigen Kunst, die er wirklich beherrscht, dargebracht würde". Für Hildesheimer erscheint Donna Anna "angelegt zwischen Heulsuse und Racheengel". Ernst Lert dagegen, Librettist und Regisseur, hält sie für "eine sanfte, echte Mädchennatur. Sie vermag nicht, durch leidenschaftliche Empfindung bestimmt, allein, selbständig zu handeln wie Elvira" - die kämpferische Beförderin von Giovannis Untergang.

Was in Donna Annas Weiblichkeit durch Don Giovannis erotische Begierde und Gewalt entsteht, hat Mozart-Forscher, Psychologen und die Dichter beflügelt. "Das göttliche Weib" nannte sie der Romantiker E. T. A. Hoffmann, "das vom Himmel dazu bestimmt gewesen wäre, den Don Juan in der Liebe ... die ihm innewohnende göttliche Natur erkennen zu lassen". So hat denn Alexander Puschkin den Konflikt zwischen Donna Anna und Don Giovanni als die tragisch romantische Liebesbeziehung gefeiert.

Donna Anna lernt durch Don Giovanni "zumindest ansatzweise das Feuer der Liebe kennen". So behaupten es die Psychotherapeuten Helmut Remmler und Bernd Deininger in ihrem Buch über die "Liebe und Leidenschaft in Mozarts Opern". Ob dann allerdings "Don Giovanni nun tatsächlich mit Donna Anna intim wurde", spiele kaum mehr eine Rolle. Entscheidend sei jedoch, "dass er der erste Mann ist, der sie mit der männlich-erotischen Kraft konfrontiert und der es auch schafft, sie aus der ödipalen Beziehung zum Vater herauszulösen und sich selbst an diese Stelle zu setzen". Nun, da ihre Liebe zu Don Giovanni keine Erfüllung findet und es ihr nicht gelingt, "die Gefühle abzutrauern", blieben ihr nur Hass und Rache.

Am gründlichsten hat Walter Felsen-stein über die mysteriöse "Liebe" Donna Annas zu Don Giovanni nachgedacht. Der österreichische Regisseur, Gründer von Berlins Komischer Oper, war der Meinung, eine Sexualstraftat Don Giovannis, die Vergewaltigung Donna Annas, "widerspräche völlig Giovannis Wesen und Prinzipien". Sein Begehren entspringe "der unendlichen Sehnsucht seiner Sinne", die "das jeweilige Opfer" idealisiere. Unwiderstehlich sei die Magie Giovannis, "in ihrer Ausübung besteht seine Lust". Und die verlange unablässig "nach Steigerung, Wechsel und Vollendung". Nun also: Bei der großen Party im ersten Finale greift sich Giovanni die junge hübsche Zerlina und zerrt sie ins Kabinett, von wo dann ihr schriller Angstschrei ertönt ("Zu Hilfe!"), der Giovannis Fest jäh beendet.

Spätestens hier, 1787, war die Zeit reif für die "Me Too"-Debatte.