Dem Geheimnis auf der Spur Ein Tag im Juni

James Ellroy vor dem Diner, in dem seine Mutter zum letzten Mal gesehen wurde.

(Foto: AP/PA)

Die Mutter des Schriftstellers James Ellroy wurde 1958 ermordet, der Täter wurde nie gefunden. Bis heute sind Ellroys Leben und sein Werk von dieser Tat geprägt - er selbst rollte den Fall in den Neunzigerjahren noch einmal auf.

Von Sofia Glasl

Am Anfang war ein Mord. Der Krimiautor James Ellroy glaubte lange, er habe seine Mutter umgebracht. Er hat ihren Tod immer wieder im Werk verarbeitet. Bekannt machten ihn Romane wie "Black Dahlia" und "Stadt der Teufel", der unter dem Originaltitel "L. A. Confidential" verfilmt wurde.

Ellroy war zehn Jahre alt, als er in einem heftigen Streit seiner trunksüchtigen und recht freizügigen Mutter Jean Hilliker den Tod wünschte; er nannte sie eine Säuferin und ein Flittchen. Die Wut über die Scheidung der Eltern und den Umzug von Los Angeles ins 30 Kilometer östlich liegende El Monte, weg vom geliebten Vater in Hollywood, lösten die heftigen Emotionen aus. Drei Monate später, am 22. Juni 1958, fanden spielende Kinder ihre Leiche neben einem Schulsportplatz, erdrosselt mit ihrem eigenen Strumpf. Ermittlungen ergaben nur wenige Anhaltspunkte: Am Vorabend war sie mit einem dunkelhaarigen Mittvierziger und einer Blondine gesichtet worden und tauchte gegen 2.15 Uhr noch einmal mit dem Mann in einem Diner auf. Acht Stunden später war sie tot, und der Gerichtsmediziner erklärte den Mord zu einem Sexualverbrechen. Blut und Haut unter Jeans Nägeln zeugten von heftiger Gegenwehr. Doch letztlich konnte die Polizei zu wenige Zeugenaussagen und Indizien einholen, weshalb die Ermittlungen nach einiger Zeit eingestellt wurden. Der Fall blieb ungelöst.

Später wiederholte Ellroy mehrfach, der Anlass für den emotional verhängnisvollen Streit sei sein Wunsch gewesen, beim Vater zu leben, und der Tod der Mutter habe ihn letztlich erleichtert. Zeigen habe er das als Kind nicht können und dürfen. Doch an wem geht ein solches Erlebnis spurlos vorbei?

Der Junge kehrte am Abend des 22. Juni vom unbeschwerten Wochenende beim Vater zurück und lebte fortan im Glauben, den Tod der Mutter heraufbeschworen zu haben. In der Autobiografie "Der Hilliker-Fluch. Meine Suche nach der Frau" (2012) führt er sein Werk auf dieses Ereignis zurück: "Ich habe Geschichten geschrieben, um ihr Gespenst zu besänftigen." Sein gestörtes, weil voyeuristisches und übermäßig sexualisiertes Verhältnis zu Frauen leitet er ebenfalls freimütig daraus ab. Die Suche nach einer Partnerin ist immer auch der Versuch, die Leerstelle zu füllen, die seine Mutter hinterließ, ein Mutterkomplex par excellence.

Schreiben ist für ihn also Teufelsaustreibung und Beschwörung der Vergangenheit zugleich. Im Jahr nach dem Tod der Mutter entwickelte er eine Vorliebe für Krimis und True-Crime-Berichte. Im zweiten Roman "Heimlich" von 1982 fiktionalisiert er den Mord und setzt den Ton für die folgenden Krimis: Ein sexbesessener Cop verknüpft den Tod einer Liebschaft mit dem Mord an einer Krankenschwester, als deren Folie er die Mutter heranzieht. Regelrecht Besessenheit entwickelte James Ellroy mit dem als Black-Dahlia-Mord bekannt gewordenen Tod der Elizabeth Short. Das Starlet war 1947 vergewaltigt, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und wie Jean Hilliker einfach am Straßenrand abgelegt worden. Es ist einer der bekanntesten unaufgeklärten Morde der USA. Auch wenn die Einzelheiten nicht übereinstimmten, hat Ellroy beide Fälle untrennbar miteinander verknüpft, um den Horror und das Grauen fassen zu können. Der Black-Dahlia-Mord wurde für ihn zum aussprechbaren, verhandelbaren Synonym, er widmete den Roman "Die schwarze Dahlie" (1982) der Mutter. Im Buch kann der Polizist Dwight "Bucky" Bleichert den Fall lösen.

Man könnte fast meinen, dass Ellroy in die Rolle eines seiner Ermittler schlüpfen wollte, als er 1994 den Mord an der Mutter wieder aufrollte. Gemeinsam mit Sergeant Bill Stoner vom Dezernat für ungelöste Fälle in L. A. machte er sich auf die Suche nach noch lebenden Zeugen, ging die Mordakte durch und stieß auf ähnliche Fälle aus der Gegend. Immer schlief der Täter mit den Opfern, erdrosselte sie mit einem Nylonstrumpf und bedeckte den Unterkörper mit ihrem Mantel, als ob er sie nachträglich vor gierigen Blicken schützen wollte. Doch gab es in den Fünfzigerjahren keine DNA-Analysen oder Recherchedatenbanken. So blieb es bei der Vermutung von Stoner und Ellroy, ein Serienmörder habe sein Unwesen getrieben. Das Rechercheprotokoll veröffentlichte Ellroy 1996: "My Dark Places" ("Die Rothaarige. Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter"). Der Bericht ist eine autobiografische Reportage, durchwebt mit Erinnerungen an die Mutter, er leitet seinen bisweilen selbstzerstörerischen Lebenswandel, der ihn bis Mitte der Sechzigerjahre durch Alkoholismus, Kleinkriminalität und Obdachlosigkeit führte, von dem Erlebnis ab, auch die Vorliebe für Mordgeschichten und rothaarige Frauen.

So ist die ergebnislose Wiederaufnahme des "Cold Case" auch ein Versuch, sich der Frau zu nähern, die er weder kannte noch verstand - ebenso eine Suche nach sich selbst. "Sie starb, als ich sie am meisten hasste und am intensivsten begehrte", umreißt er sein lebenslanges Trauma. Das ist immer auch Selbstinszenierung und Etablierung einer hartgesottenen, doch gebrochenen Künstlerpersona. Aber er reflektiert dieses Kippbild, das seine Recherche nach außen vermittelt: Er, der Autor von Krimis, die reale Fälle ausschlachten und tief in der Psyche graben, muss sich am Tod der Mutter abarbeiten - verdient damit aber gut Geld. Es ist jedoch wohl der Versuch eines im Fegefeuer des Hilliker-Fluchs Gefangenen, die abrupt unterbrochene Beziehung zur Mutter endlich zu überwinden, um Jahrzehnte nach dem Mord sein zehnjähriges Ich abzulegen und erwachsen zu werden. Eine schöne Vorstellung, selbst wenn sie sich nur als Inszenierung entpuppen sollte.