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Dem Geheimnis auf der Spur:Der Gentlemanganove

So frech wie elegant: Der Gangster John Dillinger.

(Foto: mauritius images)

Es heißt, der berüchtigte Gangster John Dillinger sei in seinem Grab einbetoniert worden, doch an der Geschichte gibt es viele Zweifel.

Bankräuber sind die Rockstars des amerikanischen Gangstergeschäfts. Legenden überhöhen Figuren wie Jesse James oder Bonnie und Clyde zu Volkshelden. Die Behörden sehen das natürlich viel nüchterner und haben für all die Baby Face Nelsons, Pretty Boy Floyds und Machine Gun Kellys der Geschichte einen vergleichsweise fantasielosen Begriff gefunden: Sie alle waren Staatsfeinde.

So auch John Dillinger, der zwischen Juni 1933 und Juli 1934 mit seiner Gang 24 Banken und vier Polizeireviere überfiel. Der Deserteur war gerade aus einer neunjährigen Haftstrafe entlassen worden - mitten hinein in die Große Depression, weshalb er die kleinkriminellen Aktionen seiner Jugend professionalisierte. Haftstrafen konterte er mit waghalsigen Ausbrüchen. Ihm wird nachgesagt, sich mit einer selbst geschnitzten Colt-Attrappe aus dem Lake County Jail in Crown Point, Indiana, herausgeschlagen zu haben.

J. Edgar Hoover machte die Jagd auf Dillinger zum persönlichen Krieg

Die Zeitungen romantisierten ihn zu einem modernen Robin Hood. Nicht nur nahm er den reichen Banken ihr Geld, sondern zerstörte auch zahllose Hypothekenscheine, wofür er geradezu gefeiert wurde. Den Ruf eines Gentlemans hatte er schnell weg. Augenzeugen berichteten, dass er während der Überfälle mit Bankkundinnen flirtete.

Für die Behörden hingegen war der Gentlemanganove eher der "Slippery John", denn er düpierte das "Bureau of Investigation", die Vorgängerinstitution des FBI, immer wieder. Dessen Direktor, auch damals schon J. Edgar Hoover, machte die Jagd auf Dillinger zum persönlichen Krieg und setzte ein "Dillinger Squad" ein, eine Spezialeinheit zur Ergreifung des Räubers. Bei einem Hinterhalt gelang zuletzt der gesamten Gang die Flucht und die Polizei hatte aus Versehen Passanten erschossen. Der öffentliche Spott war nicht zu zügeln und Dillinger ein Star.

Kein Wunder also, dass auch mehr als 85 Jahre nach dem Tod das Interesse an Dillinger nicht abebbt, es ist schließlich Geld mit ihm zu verdienen. Zuletzt inszenierte Michael Mann 2009 Johnny Depp als charismatischen Gangster. Dillingers Bekannte Anna Sage hatte ihn verraten. Am Abend des 22. Juli 1934 lauerte das FBI Dillinger beim Verlassen des Biograph Kinos in Chicago auf und erschoss ihn, als er versuchte zu fliehen.

Ein Mythos war geboren. Bereits am Tatort tauchten Fans Taschentücher in die Blutlache, um sich Devotionalien zu sichern. Zur öffentlichen Totenwache kamen an die 15 000 Menschen. Davon existieren seltsam pietätlose Fotos, auf denen Gruppen in knappen Sommeroutfits mit der Leiche posieren - Selfies anno 1934.

Dillingers Vater erhielt angeblich Angebote, mit dem einbalsamierten Leichnam auf Tour zu gehen. Er lehnte ab. Dillinger wurde in seiner Heimatstadt Indianapolis beerdigt. Die posthume Hysterie veranlasste den Vater, den Sarg im Grab einzubetonieren. Es war wohl notwendig, denn seit der Bestattung musste der Grabstein mehrfach ersetzt werden, weil Fans immer wieder Stücke davon als Souvenir abbrechen. Selbst Hoover bewahrte einige persönliche Gegenstände aus Dillingers Besitz auf - es heißt sogar, er habe dessen Penis in einem Einmachglas konserviert.

Dillinger soll sich kurz vorm Tod diversen Schönheits-OPs unterzogen haben

Ganz so taktvoll wie der Vater scheinen heutige Verwandte Dillingers nicht zu sein. Mitte 2019 reichten Nichte und Neffe, Carol und Michael Thompson, Klage ein, um ihn zu exhumieren: Sie hätten haltbare Indizien dafür, dass nicht John Dillinger starb und auf dem Crown Hill Cemetery begraben ist, sondern ein Double. Sowohl Augenfarbe, Fingerabdrücke wie auch der Gebissabdruck des Autopsieberichtes stimmten angeblich nicht mit den Daten überein, die zu Dillingers Lebzeiten von ihm erfasst wurden. Nur eine DNS-Analyse könne das abschließend klären.

Das befeuert eine Theorie, die seit Jahrzehnten kursiert. In den Siebzigern gab es Aufruhr, weil die im FBI-Museum ausgestellte "Dillinger gun", ein 38er Colt, erst nach seinem Tod hergestellt worden war. Jay Robert Nash veröffentlichte 1983 ein Buch zum Thema und will Dillinger in den Sechzigern selbst einmal begegnet sein.

Möglich, dass die Thompsons aus Eigeninteresse handeln. Denn die Exhumierung sollte nicht nur aus familiären Gründen geschehen. Der History Channel wollte alles für eine Dokumentation filmen, man kann sich vorstellen, dass dafür Geld geflossen wäre. Doch der Friedhof hat bisher alle Klagen abgeschmettert. Die Störung der Totenruhe stünde über persönlichem Interesse, so der letzte Stand. Überraschenderweise meldete sich das FBI-Büro in Chicago und ließ im August 2019 auf Twitter verlautbaren, dass ohne Zweifel John Dillinger vor dem Kino erschossen worden war. Die Fingerabdrücke seien eindeutig abgeglichen worden.

Gerade die mögen ein Streitpunkt sein, denn anscheinend hatte sich Dillinger kurz vorm Tod diversen Schönheits-OPs unterzogen, um nicht enttarnt zu werden. Die Fingerkuppen hatte er sich verätzen lassen. Hatte Dillinger aus Sicherheitsgründen ein Double engagiert und falls ja, wen? Die Ähnlichkeit muss frappierend gewesen sein, da es viele Fotos aus dem Leichenschauhaus gibt und mehrere Totenmasken. Noch wichtiger: Was, wenn Dillinger an diesem Sonntag im Juli 1934 nicht umgekommen ist - hat er sich mit seinem umoperierten Gesicht zur Ruhe gesetzt?

Robert Anton Wilson und Robert Shea spinnen die Theorie in der Science-Fiction- Trilogie "Illuminatus!" weiter - und ließen darin Dillinger an einer anderen Verschwörung mitstricken, der Ermordung John F. Kennedys.

© SZ vom 18.01.2020
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