Süddeutsche Zeitung

Debatte ums Stillen:Brust gegen Flasche

Mütter wollen zeigen, wie normal es ist, dem Baby öffentlich die Brust zu geben. Und posten Selfies beim Stillen. Kritik kommt von unerwarteter Seite: Frauen, die mit der Flasche füttern, fühlen sich diskriminiert.

Muttermilch macht den Nachwuchs gesünder, schlanker, schlauer, erfolgreicher und sogar reicher. Ratgeber und Studien, die das behaupten, gibt es genug. Längst ist Stillen zum Politikum geworden. Doch wie fühlt es sich an, wenn man seinem Baby nicht die Brust gibt? "Qualvoll" steht auf dem Schild, das eine Mutter in die Kamera hält. "Behindert" auf dem einer anderen Frau.

Unter dem Hashtag #Bressure - ein etwas seltsames Wortspiel aus breastfeed und pressure - protestieren britische Mütter im Netz derzeit gegen den gesellschaftlichen Stillzwang. Sie erzählen von Scham- und Schuldgefühlen und von Lügen, weil sie ihrem Kind nicht die Brust geben können oder wollen. "Ich fühlte mich schuldig und als Versager, dass mein Körper nicht das tut, was natürlich ist", zitiert der Mirror eine Mutter. "Mir ist in der westlichen Gesellschaft noch nichts begegnet, das so dogmatisch gesehen wird", sagt eine andere Frau.

Initiiert hat die Bressure-Kampagne die britische Onlineseite Channel Mum. Auslöser ist eine Umfrage. Demnach wurden 39 Prozent von mehr als 2000 befragten Mütter, die ihr Kind mit der Flasche füttern, bereits das Ziel von negativen Kommentaren und Blicken von Fremden. 41 Prozent erklärten, sie fühlten sich, als hätten sie versagt. Mehr als die Hälfte sagte, der Druck zu stillen, sei zu intensiv - und der Trend zu sexualisierten Stillfotos stoße sie ab.

Diskussion um den Still-Selfie

Sexualisierte Stillfotos? Gerade gegen dieses Vorurteil wollten wohl die Mütter protestieren, die derzeit ihre #Brelfies - noch so ein komisches Wortspiel, diesmal aus breastfeed und Selfie - im Netz posten. Stolz recken Frauen deshalb ihre nackten Brüste samt trinkendem Kind in die Kamera. Auch viele Celebrity Moms von Model Gisele Bündchen bis Sängerin Gwen Stefani haben sich beteiligt. Allerdings nicht um Mütter, die nicht stillen, zu stigmatisieren, sondern weil sie sich ebenfalls diskriminiert fühlen.

Denn wenn über das Thema Stillen diskutiert wird, stellt sich nicht nur die Frage, ob Brust oder Flasche. Sondern auch: Wie öffentlich darf es denn sein? Die australische Elle zeigt auf dem Cover ihrer Juniausgabe Model Nicole Trunfio mit geöffnetem Wildledermantel, die ihren kleinen Sohn stillt. Ein nackte Brust, ein nackter Babypopo und fertig ist der Skandal.

Das Foto sei nicht geplant gewesen, erklärt die Chefredakteurin vorsorglich. Es sei ein ganz natürlicher Moment am Set gewesen, in dem ein unglaublich starkes Bild entstanden sei. Trunfio selbst schreibt auf Instagram: "Es ist schrecklich, wenn eine Mutter verurteilt wird, weil sie ihr hungriges Kind in der Öffentlichkeit stillt. Ich bin sehr stolz auf das Cover." Später fügt sie hinzu: Sie sei aber nicht nur für Stillen in der Öffentlichkeit, sondern auch für Mütter, die die Flasche geben.

Mutter stillt sechsjährige Tochter

In Australien geht derweil längst die nächste Stilldebatte viral. Diesmal geht es um das: Wie lange? Ausgelöst wurde sie durch Maha Al Musa, eine 52-jährige Bauchtanzlehrerin für Schwangere, die erklärte, sie stille ihre sechsjährige Tochter und die sei ganz normal entwickelt. Samt Selfie natürlich.

Ganz neu ist die Debatte nicht: In Großbritannien erregte vor ein paar Jahren ein Ratgeber Aufsehen. Autorin Ann Sinnott erzählt darin unter anderem von einer Frau, die ihrer Tochter noch mit Anfang 20 ab und zu die Brust gab - zum Trost. Noch mehr Aufmerksamkeit bekam 2012 ein Time-Cover mit einer Mutter, die ihrem dreijährigen Sohn die Brust gibt. Darüber die Frage: "Are you mum enough?" Sind Sie Mutter genug? Noch so eine Frage, die viele Frauen umtreibt, die abstillen, wenn sie zurück in den Job gehen.

Brust oder Flasche? Badezimmer oder Parkbank? Sechs Monate oder sechs Jahre? Streitfragen beim Thema Stillen gibt es offenbar noch immer genug. Auffällig ist, dass es oft Mütter sind, die sich gegenseitig diskriminieren. Vielleicht sollten sie öfter daran denken, was eine der #Bressure-Frauen sagt, anstatt gleich eine Kampagne zu starten: Es sei unmöglich, die perfekte Mutter zu sein. Aber es gebe Millionen Wege, eine gute Mutter zu sein.

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