Debatte:Depressionen sind behandelbar

Mehr als 90 Prozent aller Menschen, die sich selbst töten, tun das aufgrund einer zugrunde liegenden psychischen Erkrankung, die in den meisten Fällen therapierbar ist. An Depression erkrankte Menschen werden in der Regel mit einer Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie behandelt. Durch die Gabe von Antidepressiva nehmen die Beschwerden bei zwei Drittel der Patienten um die Hälfte ab.

"Als Psychiater fühle ich mich in erster Linie verpflichtet, psychisch Kranken und Menschen in Krisensituationen zu helfen und Leiden zu lindern", sagte Bernhard Küchenhoff, Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, im vergangenen Jahr auf einer medizinischen Fachtagung. Er betonte den Widerspruch, der depressiven Erkrankungen innewohnt. Suizidale Patienten strebten oft zugleich zwei gänzlich unvereinbare Ziele an: den Wunsch zu sterben und den Wunsch nach einem besseren Leben.

Die Argumente, die in der aktuellen Sterbehilfedebatte angeführt werden, kehren immer wieder zu einem Punkt zurück: zur Würde des Menschen, die Ausdruck findet in einem selbstbestimmten Tod. Als Voraussetzung dieser Selbstbestimmtheit gilt dabei der vielzitierte "volle Besitz der geistigen Kräfte", zumindest in der deutschen Debatte. In Belgien sprach sich 2013 in einer Umfrage eine breite Mehrheit dafür aus, auch Alzheimer-Patienten und Menschen mit anderen Demenz-Erkrankungen Sterbehilfe zu gewähren. Was die Sache mit der geistigen Gesundheit - ebenso wie eine schwere depressive Erkrankung - schon wieder schwieriger macht.

Die zweite Prämisse der Selbstbestimmtheit ist, dass der freie Wille gewahrt bleibt. Kritiker der Sterbehilfe sehen zum Beispiel die Gefahr, dass sich alte Menschen genötigt fühlen könnten, den Tod zu wählen, weil sie fürchten, ihren Angehörigen zur Last zu fallen. Zudem befürchten Skeptiker, dass eine Liberalisierung des Gesetzes zu einer massiven Zunahme von Sterbehilfe-Fällen führt, wie sie in Belgien und den Niederlanden zu verzeichnen ist - aber auch in der Schweiz, wo assistierter Suizid weit verbreitet ist. Das geht aus diesem Dokument des Schweizer Statistikamtes von 2012 hervor.

Im November will der Bundestag über die Zukunft der Sterbehilfe in Deutschland entscheiden. Laura wird das wohl nicht mehr erleben. Über ihren Todestag wird gerade beraten.

© Süddeutsche.de/vs/rus
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