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Debatte:Rabenmutter ist das Wort

Auch die Israelin Orna Dornath beschreibt in ihrer Studie Frauen, deren äußere Bedingungen als Mutter in Ordnung, wenn nicht sogar optimal sind. Sie haben Geld, engagierte Partner, wenig anstrengende Kinder. Trotzdem würden sie ihre Mutterschaft, wenn sie denn könnten, lieber heute als morgen ungeschehen machen. Solche Frauen sind um einiges schwerer zu verstehen als überforderte, finanziell klamme Alleinerziehende oder jene Perfektionistinnen, die von sich erwarten, Kinder, Job und Haushalt rund um die Uhr und mit links hinzukriegen und mit diesem Anspruch gegen die Wand fahren.

Rabenmutter. Das ist das Wort, was vielen als Erstes einfällt, wenn sie von solchen Müttern hören. Mit denen stimmt doch was nicht, lautet der Tenor. Dabei bedeutet die Reue, die diese Frauen empfinden, keinen Mangel an Liebe zum Kind. Das betonen beide Soziologinnen. Keine der Frauen wolle ihre Kinder verstoßen oder behandle sie schlecht, sagt Dornath. Es gehe um das "Könnte ich, hätte ich, würde ich"-Gefühl, darum, zur eigenen Mutterrolle eine ambivalente Haltung zumindest zuzulassen. Warum auch nicht? Es ist eine Errungenschaft moderner Gesellschaften, dass der Mensch - zumindest theoretisch - unendlich viele Möglichkeiten hat. Er kann frei entscheiden, was er beruflich tut, wo er lebt und mit wem. Dabei immer richtig zu liegen, ist unmöglich. Falsche Entscheidungen gehören zum Leben, und wer sich in den großen emotionalen Fragen eine gewisse Uneindeutigkeit zugesteht, kann das als enorm befreiend empfinden - auch und gerade, wenn an den Fakten nichts zu ändern ist.

Ein "Ja, ich wollte das so" sollte neben einem "Gerade ist das alles nicht zum Aushalten" stehen dürfen. Gefühle sind von Natur aus verwirrend, und es ist absurd, von sich und anderen zu erwarten, zu so weitreichenden Entscheidungen wie Familie und Kindern immer nur eindeutige Gefühle zu haben. Würde man meinen.

Jede Entscheidung kann sich als falsch herausstellen

Dennoch traut sich bis heute kaum eine Frau, ambivalente Gefühle über das eigene Kind zuzugeben. Auch wenn sehr viel geschrieben und diskutiert wurde im vergangenen halben Jahr, muss man sagen: Das Tabu besteht weiter. Liest man die Beiträge in den Elternblogs und die Kommentare in den sozialen Netzwerke, findet man so gut wie niemanden, der von Reue spricht. Regretting Motherhood: Darunter verstehen die meisten Frauen eben keine Reue. Die eigenen Kinder? Ganz wunderbar seien die. Tolle kleine Menschen. Nur manchmal eben anstrengend. Was verständnisvoll daherkommt, kehrt das Kernproblem erneut unter den Teppich. Denn ursprünglich ging es bei Regretting Motherhood um Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen - unabhängig davon, wie gut ihre Rahmenbedingungen sind. Wer so tut, als müssten nur die Umstände geändert werden, damit die Reue verschwindet, macht diese Mütter erneut unsichtbar.

Jede Lebensentscheidung kann sich später als falsch herausstellen. Darin unterscheidet sich die Entscheidung für ein Kind nicht von der für einen Partner, ein Haus oder einen Job. Sie lässt sich allerdings nicht mehr ändern. Ein Vater kann sich, wenn er will, aus dem Staub machen; das wird zwar nicht gerne gesehen, aber es ist meilenweit weg von dem Entsetzen, das einer Frau entgegenschlägt, die ihre Mutterrolle auch nur anzweifelt.

Das neue Buch zum Thema bietet die Chance, die aufgeregte Debatte noch einmal anders zu führen. Offener. Es wäre viel gewonnen, wenn Frauen, die über kurz oder lang mit ihrer Mutterrolle hadern, nicht mehr das Gefühl hätten, emotionale Monster zu sein. Ein 24/7-Mutterglück gibt es sowieso nicht. Aber ein großes, dunkles Unglück der verdrängten, weil verbotenen Gefühle.

Linktipp: Eine Sammlung aller wichtigen Texte zum Thema finden Sie hier.

© SZ.de/tamo
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