Süddeutsche Zeitung

Das Unglück der Frauen:Ganz schön traurig

In 40 Jahren haben sich die Frauen im Westen eine immer bessere Position erkämpft. Trotzdem werden sie immer unglücklicher.

Petra Steinberger

Sie haben es doch geschafft. Fast. Sie haben eine Frau als Kanzlerin. Eine andere Frau wurde beinahe zur mächtigsten Regierungschefin der Welt - und dann immerhin zur mächtigsten Außenministerin der Welt. In der Schule sind sie erfolgreicher als Jungen - und in absehbarer Zeit auch an den Universitäten. Sie leben länger. Sie verdienen nicht so gut wie Männer, aber das sei, heißt es, wohl nur eine Frage der Zeit. Von ihnen gibt es immer mehr in Führungspositionen, sie werden ernst genommen.

Selbst in Deutschland hat sich der Frauenanteil in den Vorständen der Unternehmen in den letzten zehn Jahren verdoppelt (von 1,2 auf 2,4 Prozent, na ja, immerhin). In diesem Oktober werden in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal mehr Frauen in einem Arbeitsverhältnis stehen als Männer. Und in den nächsten Jahrzehnten werden sie noch begehrter, weil dem Arbeitsmarkt der Nachwuchs ausgeht. Es geht was voran. Sie sollten glücklich sein, die Frauen, jeden Tag ein bisschen mehr. Sind sie das?

So viel ist geschehen, seit Betty Friedan 1963 ihr Buch "The Feminine Mystique", "Der Weiblichkeitswahn", veröffentlichte und damit die moderne Frauenbewegung mitbegründete. Das Unglück der Frauen, meinte Friedan damals, bestehe darin, dass sie in traditionellen Ehen gefangen seien. Sie führten den Haushalt, während Männer draußen für den Familienunterhalt sorgten. Und die Gesellschaft ließ sie im falschen Glauben, dass sie ihr Glück und ihre wahre Identität allein in dieser Hingabe an Mann und Kinder finden könnten.

Anfang der sechziger Jahre war in Deutschland gerade die Pille auf den Markt gekommen, die aber erst einmal nur Verheiratete bekamen; erst in diesen Jahren war die Gehorsamspflicht für Ehefrauen abgeschafft worden. 1970 durften Hausfrauen eigene Kreditgeschäfte abwickeln. Und noch einmal so lang, bis 1977, mussten sie warten, dass sie ohne Zustimmung des Ehemannes einen Beruf ausüben durften. Doch, man muss sagen, im letzten halben Jahrhundert haben sich Leben und Rechte von Frauen zumindest in den Industrienationen radikal verbessert. Wir müssten doch, sollte man glauben, mit unseren Erfolgen von Jahr zu Jahr noch glücklicher werden, zufriedener, erfüllter.

Das Gegenteil ist passiert. Damals, in den dunklen Jahren, da waren wir glücklicher als Männer. Aber seit uns die Statistiker systematisch befragen, seit rund vier Jahrzehnten also, werden wir immer unglücklicher. Und zwar in absoluten Zahlen gemessen wie auch relativ im Vergleich zu Männern. Trotz aller Fortschritte. Und dieses wachsende Gefühl des Unglücklichseins gilt für alle Frauen: für die, die Vollzeit arbeiten und solche, die daheim bleiben. Für verheiratete Frauen und für Singles. Für bestens ausgebildete Frauen und für solche, die nicht so viel gelernt haben. Für Frauen ohne Kinder, für Frauen mit einem, mit zwei oder noch mehr (wobei Frauen mit Kindern offenbar noch ein wenig unglücklicher sind als Frauen ohne Kinder). Der Abwärtstrend gilt durchweg für alle Frauen in allen industrialisierten Ländern.

Das ist keine gute Bilanz, für die Frauen nicht und auch nicht für die Frauenbewegung, sie scheint unlogisch, denn eigentlich sollte das gar nicht möglich sein. Doch immer mehr Studien kommen in den letzten Jahren zu diesem Ergebnis, ob sie nur einzelne Aspekte untersucht haben wie das Glück von verheirateten Frauen oder eine umfassende Betrachtung vorgenommen haben. So haben Betsey Stevenson und Justin Wolfers, Assistenzprofessoren an der Warthon School der Universität von Pennsylvania, gerade "The Paradox of Declining Female Happiness" veröffentlicht, das "Paradox des sinkenden Glücks von Frauen". Es ist eine erschöpfende Untersuchung, die beiden Forscher haben dafür sechs internationale Statistiken ausgewertet, unter anderem den United States General Social Survey seit 1972, das International Social Survey Program und den Eurobarometer seit 1973.

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Frauen werden im Alter unglücklich, Männer zufrieden

Zwar unterschieden sich einzelne Länder in Details, die US-Amerikaner etwa fühlen sich insgesamt etwas weniger glücklich als andere, während im selben Zeitraum das Glücksgefühl in Europa leicht anstieg; doch ein Trend ist überall eindeutig. "Das subjektive Gefühl des Glücklichseins hat sich zu Männern hin und von Frauen weg verlagert", schlossen Stevenson und Wolfers, und "dieser Wandel gilt unabhängig davon, ob der Trend zu Glück für beide Geschlechter insgesamt gleich geblieben ist, ob er steigt oder fällt."

Damit nicht genug. Ein Faktor scheint besonders geeignet zu sein, Frauen noch unglücklicher zu machen: das Altern. Männer hingegen werden mit zunehmenden Jahren immer zufriedener. Das stellte letztes Jahr eine Studie der Wirtschaftsprofessorin Anke Plagnol von der Universität Cambridge fest. Zusammen mit Richard Easterlin von der University of Southern California analysierte sie die Daten von 47.000 Männern und Frauen. Da zeigte sich, dass Frauen ihr Erwachsenenleben zwar glücklicher beginnen als Männer. Aber mit zunehmendem Alter nimmt ihre Zufriedenheit immer mehr ab, während die der Männer konstant steigt.

Mit 39 Jahren sind Männer mit ihrer Ehe bereits glücklicher als Frauen mit der ihren, mit 41 sind sie mit ihrer finanziellen Situation zufriedener und mit 44 Jahren, was ihren Besitz insgesamt betrifft. Bei 48 Jahren haben die Männer die Frauen überholt, die Glückskurve der Männer steigt weiter bis ins hohe Alter, die der Frauen sinkt. Und sinkt. Doppelt so viele Frauen wie Männer leiden laut der Weltgesundheitsorganisation WHO an Depressionen; nicht von ungefähr richten sich zwei Drittel aller Anzeigen der Pharmaziebranche gezielt an Frauen.

Glück definiert sich maßgeblich durch Finanzen und Familie. Wenn diese beiden Indikatoren stimmen, steigt das Glücksgefühl. Es zeichnet einfach die Realität nach. Denn ab einem Alter von 34 Jahren sind Männer öfter verheiratet als Frauen, und diese Schere wird im Alter immer größer. Je älter Männer werden, desto sicherer stehen sie auch finanziell da. Später im Leben, meint Pagnol, "nähern sich Männer der Erfüllung ihrer Erwartungen immer mehr an".

Für Frauen läuft es genau andersherum. Sie verlieren schneller ihre Jobs, ihr Einkommen steigt kaum noch oder gar nicht mehr, die Scheidungen nehmen zu und immer mehr Mütter sind alleinerziehend. Die allgemeine Kluft zwischen Arm und Reich ist in den letzten Jahren immer größer geworden, das Risiko vor dem wirtschaftlichen und sozialen Abstieg steigt. Und damit auch die Angst davor, vor allem für Frauen. Noch vorhandene Glücksgefühle werden dadurch wirklich nicht gestärkt.

Lag Betty Friedan etwa falsch mit ihrer These, Hausarbeit im sicher versorgten Heim mache die Frauen nur unglücklich?

Diese Schlussfolgerung hängt natürlich so verlockend über den statistischen Ergebnissen, dass all jene sie in ein paar einfache Sätze zu fassen brauchten, die sowieso immer schon davon überzeugt waren, dass Frauen den falschen Weg eingeschlagen hatten. Es war eben ein Fehler gewesen, dieser Wunsch, alles zu bekommen, dieses "Having it all". Frauen seien schon rein biologisch betrachtet viel besser dafür geeignet, Kinder nicht nur zu gebären, sondern später auch zu nähren, zu kleiden und zu erziehen; besser jedenfalls, als draußen in der Welt ihren Mann zu stehen. Genau, ihren Mann zu stehen. Es war ein netter Versuch, Mädels, wir haben es euch gestattet, nun müsst ihr eigentlich langsam merken, dass daraus nichts mehr wird. Also kommt endlich heim zu Papa.

Auf der nächsten Seite: Wer zu viele Wahlmöglichkeiten hat, wird unglücklich.

Ein Problem der Statistik

Die meisten, die sich über die Zahlen beugten, machten sich die Sache nicht ganz so einfach. Frauen hätten zwar viel erreicht, konstatierten die Feministinnen, aber eben einfach noch nicht genug: "Die Revolution ist noch nicht vollendet" oder "Wir haben noch einen weiten Weg zu gehen" oder "Erst die Hälfte ist geschafft." Am glücklichsten, meinte eine Kommentatorin zynisch, würden Frauen wohl sein, wenn sie höchstens dreißig Jahre alt und ohne Kinder sterben würden.

Nun ist es natürlich viel einfacher, die Frage nach dem Glückszustand zu stellen, als die Frage nach dem Warum zu beantworten. Denn was genau ist da los? Ausgerechnet die auf der Hand liegenden und oft zitierten Begründungen für diesen Trend erwiesen sich als nicht ausreichend. Doppelbelastung der Frauen durch Beruf und Heim? Die Soziologin Arlie Hochschild hat vor ein paar Jahren den Begriff von der "zweiten Schicht" geprägt. Frauen, so Hochschild, müssten sich nach einem vollen Arbeitstag im Büro auch zu Hause immer noch mehr um die Hausarbeit und die Versorgung der Kinder kümmern als Männer.

Die Geschlechterrevolution, so Hochschild, sei blockiert worden. Tatsächlich ist eine wirklich ausgeglichene Verteilung dieser Arbeit noch lange nicht erreicht, aber der Abstand zwischen männlichem und weiblichem Arbeitsaufwand verringert sich - was doch bedeuten müsste, dass die Zufriedenheit der Frauen wenn auch nicht rapide, so doch wenigstens etwas zunimmt.

Vielleicht liegt eine der Ursachen für das wachsende weibliche Unglück an einer ganz anderen Stelle. Die Hausfrauen der fünfziger und sechziger Jahre waren nach heutigen Maßstäben zwar weniger frei in der Wahl ihrer Möglichkeiten - aber Menschen definieren sich und ihre Gefühlswelt vor allem durch die Gesellschaft, die sie umgibt. Und in der damaligen war das Modell Hausfrau ja völlig in Ordnung für die meisten Frauen, es war - noch - das fast einzig vorstellbare.

Und später, in den Siebzigern, als die Statistiker begannen, die Frauen nach ihrer Zufriedenheit zu befragen, herrschte gerade die Euphorie des feministischen Aufbruchs. Freiheit, Schwestern. Es konnte nur besser werden. Und weil die Frage nach dem Glück immer auch eine Frage nach der Zukunft ist, antworteten die Frauen möglicherweise positiver, als es dem damaligen Ist-Zustand eigentlich entsprochen hätte.

Doch die Jahre wurden lang, der Weg war mühselig und ist es immer noch, und viele der grundsätzlichen Hindernisse sind bis heute nicht beseitigt - etwa die berüchtigte Glasdecke, auf die viele Frauen erst jenseits der dreißig treffen (eine Situation, die selbst der nicht unbedingt als feministisches Kampfblatt auffallende Economist für so bedenklich hielt, dass er - fast - die Frauenquote einforderte). Manche Konflikte werden sich vielleicht niemals zur vollen Zufriedenheit lösen lassen: etwa die Entscheidung zwischen Kindern und Karriere - oder, schwieriger, die jeweilige Gewichtung, die sie jeweils im Leben einer Frau spielen sollen.

Dies ist das "Paradox der Wahl", wie es der Psychologe Barry Schwartz genannt hat. Jeder kennt es, der schon einmal eine tausendseitige chinesische Speisekarte studiert hat: mit oder ohne Ananas, ohne Zwiebeln, dafür Bohnen, Huhn oder Fisch oder Schwein, scharf, mittelscharf, mild... Je mehr Wahlmöglichkeiten man hat, desto weniger glücklich ist man mit seiner einmal getroffenen Entscheidung, unabhängig davon, welche es ist. Wahl bedeutet Stress.

Auf der nächsten Seite: Die Strukturen sind immer noch an Männern orientiert.

Feministinnen tun sich schwerer

Parallel zur zunehmenden Freiheit der Wahl sind aber auch unsere Ansprüche gestiegen. Und auch hier reagieren die Gefühle dem ersten Anschein nach paradox. Beispielsweise stellten Wissenschaftler an der Universität von Virginia in Charlottsville vor ein paar Jahren fest, dass sich Frauen, die feministische Ideale haben, mit dem Glücklichsein in der Ehe schwerer tun als verheiratete traditionellere Frauen. Nicht, weil die Ehen an sich schlechter laufen würden. Sondern weil diese Frauen mehr Ansprüche haben, weil sie viel mehr in Frage stellen (auch sich selbst) und weil sie jeden Rückschlag genau registrieren, den traditionell eingestellte Ehefrauen gar nicht bemerken würden, die an ihrer Rolle an sich nichts auszusetzen haben.

Frauen aus der feministischen Generation sind also vielleicht auch deshalb unglücklicher, weil sie anspruchsvoller geworden sind und weil sie zwischen mehr Möglichkeiten wählen können.

Das ist an sich keinesfalls negativ, es bedeutet nur, dass Freiheit und Glück einander nicht bedingen - und dass ein Recht auf Glück selbst in der besten feministischen Utopie nicht garantiert ist. Aber keinesfalls heißt es, dass man die Zeit zurückdrehen sollte in die ach so zufriedenen fünfziger Jahre (mitsamt der verbreiteten Valiumabhängigkeit unter Frauen) - nur wenige unter ihnen wollten heute allein diese Rolle ausfüllen. Es heißt auch nicht, dass es den täglichen Balanceakt nicht mehr gibt oder die versteckten Diskriminierungen, den schwierigen Wiedereinstieg nach der Babypause oder die oft harte Entscheidung gegen oder für Kinder.

Frauen scheitern immer noch zu oft an Strukturen, die immer noch zu sehr an männlichen Bedürfnissen orientiert sind. Und Frauen sind, das weiß man, härter gegen sich selbst, zweifeln eher an sich - und könnten damit die Abwärtsspirale noch einmal beschleunigen. Die wachsende Zufriedenheit von Männern ist dagegen relativ einfach zu definieren; sie hat vor allem mit wachsendem Wohlstand zu tun. Ihr Rollenverständnis hat sich im Lauf der Geschlechterdiskussion zwar ein wenig geändert - aber es ist bei weitem nicht so erschüttert wie das der Frauen.

"Was um Himmels willen ist da los?", fragte zuletzt auch Arianna Huffington, Gründerin der einflussreichen Internet-Zeitung Huffington Post. Aber sie befasste sich nicht mit Ursachenforschung, sondern packte das Problem pragmatisch von der anderen Seite und beauftragte einen bekannten Motivationstrainer und Coach, verzweifelten Frauen ein paar Tipps zu geben, wie sie sich aus dieser Misere befreien könnten. Konzentriert euch auf positive Momente, nicht auf Pläne oder Träume, empfahl er, akzeptiert, was ihr findet, ohne zu resignieren, und hört auf, ständig den Ausgleich zu suchen.

Vielleicht wird der Anspruch auf Glück schlicht überbewertet. Vielleicht genügt es, einen Sinn zu finden. Jahrhundertelang war Unglücklichsein der Normalzustand. "Glück", meinte der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs, "ist ein Abfallprodukt von Zweck, Sinn und Konflikt; diejenigen, die Glück wegen seiner selbst suchen, suchen einen Sieg ohne Krieg."

Er war allerdings ein Mann.

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Quelle:
SZ vom 10.10.2009/bre
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