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Das Unglück der Frauen:Ein Problem der Statistik

Die meisten, die sich über die Zahlen beugten, machten sich die Sache nicht ganz so einfach. Frauen hätten zwar viel erreicht, konstatierten die Feministinnen, aber eben einfach noch nicht genug: "Die Revolution ist noch nicht vollendet" oder "Wir haben noch einen weiten Weg zu gehen" oder "Erst die Hälfte ist geschafft." Am glücklichsten, meinte eine Kommentatorin zynisch, würden Frauen wohl sein, wenn sie höchstens dreißig Jahre alt und ohne Kinder sterben würden.

Nun ist es natürlich viel einfacher, die Frage nach dem Glückszustand zu stellen, als die Frage nach dem Warum zu beantworten. Denn was genau ist da los? Ausgerechnet die auf der Hand liegenden und oft zitierten Begründungen für diesen Trend erwiesen sich als nicht ausreichend. Doppelbelastung der Frauen durch Beruf und Heim? Die Soziologin Arlie Hochschild hat vor ein paar Jahren den Begriff von der "zweiten Schicht" geprägt. Frauen, so Hochschild, müssten sich nach einem vollen Arbeitstag im Büro auch zu Hause immer noch mehr um die Hausarbeit und die Versorgung der Kinder kümmern als Männer.

Die Geschlechterrevolution, so Hochschild, sei blockiert worden. Tatsächlich ist eine wirklich ausgeglichene Verteilung dieser Arbeit noch lange nicht erreicht, aber der Abstand zwischen männlichem und weiblichem Arbeitsaufwand verringert sich - was doch bedeuten müsste, dass die Zufriedenheit der Frauen wenn auch nicht rapide, so doch wenigstens etwas zunimmt.

Vielleicht liegt eine der Ursachen für das wachsende weibliche Unglück an einer ganz anderen Stelle. Die Hausfrauen der fünfziger und sechziger Jahre waren nach heutigen Maßstäben zwar weniger frei in der Wahl ihrer Möglichkeiten - aber Menschen definieren sich und ihre Gefühlswelt vor allem durch die Gesellschaft, die sie umgibt. Und in der damaligen war das Modell Hausfrau ja völlig in Ordnung für die meisten Frauen, es war - noch - das fast einzig vorstellbare.

Und später, in den Siebzigern, als die Statistiker begannen, die Frauen nach ihrer Zufriedenheit zu befragen, herrschte gerade die Euphorie des feministischen Aufbruchs. Freiheit, Schwestern. Es konnte nur besser werden. Und weil die Frage nach dem Glück immer auch eine Frage nach der Zukunft ist, antworteten die Frauen möglicherweise positiver, als es dem damaligen Ist-Zustand eigentlich entsprochen hätte.

Doch die Jahre wurden lang, der Weg war mühselig und ist es immer noch, und viele der grundsätzlichen Hindernisse sind bis heute nicht beseitigt - etwa die berüchtigte Glasdecke, auf die viele Frauen erst jenseits der dreißig treffen (eine Situation, die selbst der nicht unbedingt als feministisches Kampfblatt auffallende Economist für so bedenklich hielt, dass er - fast - die Frauenquote einforderte). Manche Konflikte werden sich vielleicht niemals zur vollen Zufriedenheit lösen lassen: etwa die Entscheidung zwischen Kindern und Karriere - oder, schwieriger, die jeweilige Gewichtung, die sie jeweils im Leben einer Frau spielen sollen.

Dies ist das "Paradox der Wahl", wie es der Psychologe Barry Schwartz genannt hat. Jeder kennt es, der schon einmal eine tausendseitige chinesische Speisekarte studiert hat: mit oder ohne Ananas, ohne Zwiebeln, dafür Bohnen, Huhn oder Fisch oder Schwein, scharf, mittelscharf, mild... Je mehr Wahlmöglichkeiten man hat, desto weniger glücklich ist man mit seiner einmal getroffenen Entscheidung, unabhängig davon, welche es ist. Wahl bedeutet Stress.

Auf der nächsten Seite: Die Strukturen sind immer noch an Männern orientiert.

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