Das Rätsel Ikea:Wir können nur Billy

"Democratic Design": Die Neue Sammlung in München ehrt den schwedischen Möbelhersteller Ikea in einer Ausstellung.

Gerhard Matzig

Ikea in Zahlen, das sind 261 Einrichtungshäuser in 24 Ländern. Das sind, zuletzt, 21,2 Milliarden Euro Jahresumsatz und 128.000 Mitarbeiter weltweit. Das sind 583 Millionen Kunden, die im vergangenen Jahr irgendeine der in aller Welt postierten gelbblauen Wellblechanlagen besucht haben. Und es sind 198 Millionen Kataloge, die jährlich ausgegeben werden.

billy regal ikea democratic design

Billy, das berühmte Simpel-Regal, ist keine Ikea-Erfindung. Der Architekt Bruno Paul hat bereits 1900 das Systemmöbel kreiert.

(Foto: Foto: oh)

Es gibt Menschen, die erwarten diesen Weltbestseller aus dem Selbstschraube-Reich der Regale und Schlafsofas mit einer Sehnsucht, die sonst nur dem Frühling, den Ferien oder einem überfälligen Liebesbrief gilt. Die Zahlen erklären die Wirtschaftsmacht des von Ingvar Kamprad auf Elmtaryd in Agunnaryd (daher der Name: I-K-E-A) gegründeten Unternehmens, das in Schweden vor 66 Jahren noch Schreibwaren und Nylonstrümpfe verkaufte. Die Wirkmacht dagegen, den Mythos, erklären die Zahlen nicht. Aber die Namen.

Ikea in Namen, das sind Billy und Ivar und Klippan. Mit den Namen dieser alten Freunde, die in jeder Nachkriegsbiographie auftauchen können, kommt man dem Rätsel etwas näher. Dem Rätsel, warum an jedem Samstag viele Millionen Träume und Lebensentwürfe in niedrigen Abhollagern, die neben Autobahnen liegen, ihre formale Interpretation erfahren.

Dem Rätsel, warum sich bei Ikea die Liebenden treffen, samt niedlicher Kinder, die mit Bullerbü-Augen artig im Bollerwagen sitzen - auf der Suche nach Duschvorhängen und einem Sack Teelichter. Das geschieht in derartigen Glücksmassen, dass sensiblen Singles oder reizbaren Kinderlosen der Besuch der örtlichen Ikea-Niederlassung zumindest am Samstag dringend untersagt werden muss.

Bin ich eine Gewürzmühle?

Das Rätsel: 9500 verschiedene Produkte offeriert die durchschnittliche Ikea-Welt, in der es Dinge gibt, die - mitunter preiswerter - auch andere Möbelabhollager auszeichnen. Aber bei Ikea kauft man kein Geschirrtuch, sondern "Admette", und keine Gardine, sondern "Wilma". Von A bis Z werden auf der Ikea-Homepage zwar auch Produkte angeboten, zunächst aber die Namen - wobei Z nur Zamioculcas Zamiifolia ist, eine Zimmerpflanze, die mit dem Vermerk "sparsam gießen" zu 6,99 das Stück geführt wird.

Es sind die Namen, die aus unbelebten Dingen vitale Charaktere machen sollen. Und umgekehrt. Schon lange besteht ein beliebtes Gesellschaftsspiel darin, sich vorzustellen, was man denn so wäre bei Ikea: Kinderhochstuhl oder Gewürzmühle? Gilbert ist zum Beispiel ein Stuhlkissen. Barack könnte ein Federholzrahmen und Guttenberg ein wichtiges Büro-Utensil sein.

Seit jeher werden Schemel, Bettvorleger und Klemmleuchten bei Ikea mit einem Namen wie mit einer Identität ausgestattet. Aus neutralen Möbeln werden Personen und Geschichten. Das hat so gut funktioniert, dass die gesamte Branche irgendwann nachzog. Aber nicht immer erfolgreich. Der Rauchglas-Couchtisch "Aphrodite", der bei "Möbelix" oder im "dänischen Bettenparadies" leben mag, ist die Nachbildung einer Meerjungfrau, die mit nackten, güldenen Brüsten das Rauchglas und den darauf abgestellten Drink dem Hausherrn entgegenstemmt.

Aphrodite aber wird es niemals mit Skirö aufnehmen können. Nicht einmal mit Klingsbo. Das liegt aber gerade nicht am Zuviel von güldenen Brüsten, sondern am Zuwenig von Signifikanz. Und genau an diesem Punkt erklärt sich das System Ikea vollends. Ikea: Das ist der erfolgreiche Versuch, die Dingwelt mit Identitäten auszustatten und dieses Einzelhafte zugleich massenhaft wirksam und massenhaft zur Form seiner selbst werden zu lassen. Und darüber hinaus zum allseits akzeptierten Lebensentwurf. Das Mittel dazu ist das Design. Nicht als Ästhetik der Demokratie, sondern, fast im Gegenteil, als herrschende, absolute Lehre.

Schönheit für alle

Deshalb ist der Titel der soeben eröffneten Ausstellung "Democratic Design"einerseits ein Widerspruch. Design ist von elitärer, nicht auf die Masse zielender Natur. Und andererseits steckt dahinter ein immer noch gültiges Versprechen der gesamten Moderne. Denn der auch von Ikea bemühte Begriff der "Schönheit für alle" stammt aus dem Jahr 1899 - und von Ellen Key, der schwedischen Reformpädagogin und Schriftstellerin. Die Schönheit für jedermann war ein Echo der Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts. Beschäftigt aber hat sich das gesamte 20. Jahrhundert damit.

Das bessere Leben durch bessere Gestaltung: Möglich machen wollten dies unter anderem Bauhaus, Werkbund, De Stijl - bis hin zur Ulmer Hochschule für Gestaltung. Eingelöst wurde dieses Versprechen aber nie. Die sogenannte Bauhaus-Leuchte etwa, entwickelt von Karl Jucker, vollendet 1924 von Wilhelm Wagenfeld, sollte zu einer Zeit, da ein Dollar vier Billionen Papiermark kostete, möglichst billig sein. Das war die Tischleuchte aber schon damals nicht. Und heute kostet die Wagenfeld-Leuchte als "Ikone" einige hundert Euro. Ähnliches gilt für die meisten Bauhaus-Möbel: gedacht als Schönheit für alle, wurde daraus meist der "moderne Klassiker" für Leute, die nichts falsch machen wollen in ihrer Wohnung und sich das auch leisten können.

Insofern ist die Versuchsanordnung, die sich Florian Hufnagl als Sammlungsdirektor ausgedacht hat - und die Ikea erstmals in seiner Geschichte ins Museum führt -, ungemein interessant. Wenn nämlich das, was nun in München aus Ikea-Kartons stammt, was anregend präsentiert wird im räumlichen Wechselspiel mit den Exponaten der ständigen Sammlung, wenn also Gunghult, Moment oder Ögla sich behaupten gegen den Freischwinger von Breuer und all die Bugholz-Thonets, dann wäre der Beweis erbracht: Ikea, denkbar billig, denkbar massenhaft, denkbar stilprägend, wäre dann gelungen, was vom Bauhaus bis zur "guten Form" Max Bills noch keinem geglückt ist. Ikea wäre dann der Demokrat unter den Absolutisten.

Doch so ist es nicht. Es gehört zum Wesen der Münchner Ausstellung, den Demokratie-Anspruch jener Möbel, die aus Holz und Plastik, kaum aber aus Gesinnung und Politikwissenschaft bestehen, eher zu diskutieren als zu bestätigen. Das demokratische Design - was wäre denn ein autokratisches? - verdankt sich übrigens einem Zitat der Ikea-Produktlinie "PS" aus dem Jahr 1995. Damals wollte Ikea der Möbelbranche auf der Messe in Mailand beweisen, dass die Schönheit der Form nicht teuer sein muss. Nur hatte das auch niemand als Theorie in Frage gestellt - in der Praxis glückt es leider nur selten. Aber das gilt auch für Ikea.

Lieben, kaufen, wegwerfen

Schon bei Billy ist das augenfällig. Billy ist das Weltregal, millionenfach produziert. Nachdem es einmal aus dem Ikea-Angebot genommen wurde, gab es Proteste der demokratischen Massen. Die Ikea-Manager mussten das Regal wieder an die Macht bringen wie einen vom Volk geliebten König. Zu den Kulturleistungen der Zivilisation gehört Billy fraglos. Manche Menschen erzählen nicht, welche und wieviele Bücher sie besitzen, sondern nur, wieviele Billys ("mit Aufsatz!") sie haben. Billy ist ein Urmeter der Wohnkultur.

Übrigens, nur nebenbei, wäre es schön, wenn man ihn wieder im 60-Zentimeter-Format haben könnte. Billy ist dennoch nicht besonders schön, besonders demokratisch - oder besonders "Design". Vielleicht hat er sich gerade deshalb durchgesetzt. Billy ist nicht Revolution, sondern Evolution. Wenn es an ihm Design gibt, dann liegt dies in der Gestaltung logistischer, ökonomischer und leider un-ökologischer (nämlich mit Folie beklebter) Interessen.

Dennoch bildet das Regal zu Recht den Auftakt zum Ikea-Rundgang der Pinakothek - auch wenn der viel inspirierender gerät als der gute Billy selbst. Thematisiert wird nicht nur die Ikea-Historie, sondern auch das Problem Original-und-Fälschung - oder die Frage, was so schwedisch ist an Möbeln, die in Schweden seltener verkauft werden. Gezeigt wird, wie klug Ikea das Arsenal der Moderne plündert, wie innovativ die Produkte sind - und warum man Ikea lieben, kaufen, wegwerfen, als Sehschule der Nation rühmen, aber nicht als Demokratie verehren kann.

"Democratic Design - Ikea" bis 12. Juli, Pinakothek der Moderne in München. Infos unter www.die-neue-sammlung.de.

© SZ vom 03.04.2009
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