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Das Duell: Öffentliche Trauer:Tränen lügen nicht - oder doch?

Lange nicht mehr wurde bei einer Veranstaltung so ausdauernd geweint wie während der Trauerfeier für den "King of Pop". Obwohl das alles zum Heulen war, verlor ich keine einzige Träne - schon aus Prinzip, sagt Violetta Simon.

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Der Schlagersänger Michael Holm hat mal behauptet: "Tränen lügen nicht." Das war zu einer Zeit, als Gefühle noch für Kontrollverlust standen. Als man im heimischen Wohnzimmer drei Programme empfing und das Fernsehen technisch noch nicht in der Lage war, jeden Vorfall, und sei er noch so privat, in ein öffentliches Ereignis zu verwandeln.

Seit Millionen Zuschauer die Hochzeit von Lady Di und Prinz Charles auf dem Bildschirm verfolgten, bedient die Technik die Sehnsucht des Normalmenschen, große Gefühle live mitzuerleben und stellvertretend für die Betroffenen mitzuempfinden. Heulende Menschen auf dem Bildschirm sind für uns etwas Alltägliches geworden.

Doch wird im Fernsehen wirklich öfter geweint als früher? Aber sicher - weil man dabei öfter gefilmt wird! Sobald die Kamera das Kapital des menschlichen Kontrollverlusts erkannt hatte und draufhielt, kam eine neue Währung ins Spiel des Showbusiness, und die hieß: Rührung. Die Heulsusen spielen mit, denn das ist der Deal. Keine Oscarverleihung, keine Miss-Universum-Veranstaltung, keine Sportlerehrung ohne Tränen.

Und das gilt nicht nur für Prominente: Tag für Tag sehen wir Menschen, die sich selbst entmündigen, damit man ihre Wohnung renoviert, sie aus der Schuldenfalle führt und den Heiratsantrag für sie organisiert. Im Moment der Gegenüberstellung: Musik an, Kamera drauf aufs Gesicht. Angenommen, die Gefühlsregung würde sich im Inneren abspielen, unsichtbar für den lechzenden Betrachter. Angenommen, keine Träne der Rührung würde das Auge verlassen - was hätte das Ganze für einen Sinn? Der Deal wäre geplatzt, der Zuschauer um die zur Schau gestellten Gefühle betrogen.

Sind Tränen echt, wenn sie ein Hartz-IV-Empfänger weint, weil er bei DSDS auf dem ersten Platz landet? Ja, natürlich. Doch hat uns das Fernsehen die Freude an diesen Gefühlen gestohlen, indem es die Herrschaft über den richtigen Zeitpunkt übernommen hat.

Über all dem steht nurmehr ein Wesen: das Kind. Es ist die unberührte Insel im Schlamm der gekauften Gefühle, ist wahrhaft, ehrlich und zu keiner geheuchelten Regung fähig. Deshalb zerriss es uns beinahe das Herz, als die kleine Paris am Ende der Trauerfeier für ihren Vater ans Mikrofon trat. Unter Tränen schluchzte sie, dass sie keinen Menschen jemals so geliebt habe wie ihren Vater. Tante Janet hielt das Mikro - eine bereitwillige Assistentin der PR-Maschinerie.

Mag sein, dass auch ein elfjähriges Mädchen seine Gefühle bewusst zur Schau stellt, mag sein, dass sie ein bisschen nachgeholfen hat, damit die Tränen im richtigen Moment liefen. Vielleicht auch nicht. Die Heuchelei gipfelte nicht im Weinen dieses Kindes, sondern in dessen Vermarktung. Die Familie Jackson wusste um die Wirkung dieser kindlichen Tränen. In ihrer Reinheit verkörperte das Mädchen, dessen Gesicht bislang stets unter einer Maske verborgen blieb, die Trauer glaubwürdiger, als die versteinerte Miene einer LaToya oder eines Joe Jackson es jemals gekonnt hätte. Wir dürfen nicht vergessen: Mit dem "King of Pop" verliert die Familie ihr medienwirksamstes Zugpferd. Und in Paris bleibt dem Publikum ein Teil von ihm.

Letztendlich geht es nicht um die Frage, ob Tränen echt sind. Sie sind echt, sobald sie den Augenwinkel verlassen, über die Wange und in der Rinne der Nasolabialfalte verschwinden. Um sie zu erzeugen, muss der Mensch ein wie auch immer geartetes Gefühl empfinden. Zur Farce verkommen sie erst in dem Moment, wo die Kamera draufhält und aus dem Gefühl ein Allgemeingut macht. Lange Zeit war das Fernsehen "das Fenster zur Welt". Nun will es "das Fenster zur Seele" sein. Fremdscham ist das einzige Gefühl, das der Betrachter dabei empfinden sollte.

Michael Jackson

Bilder der Trauer