Das Duell: Auswärts Frühstücken:Zwischen Müsli und Krabbensalat

Lesezeit: 5 min

Wenn es ein Synonym für Hölle gäbe, es lautete "Frühstückscafé". Oder ist es nur ein anderes Wort für Himmel? Ein Pro und Contra.

Violetta Simon und Anna-Lena-Roth

Wenn es ein Synonym für Hölle gäbe, es lautete "Frühstückscafé" - findet Violetta Simon.

Frühstück; Duell; Brunch;

Ohne Gedränge, ganz für sich in Ruhe frühstücken - einfach himmlisch.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Frühstücken gehen bedeutet: Ein Schlag in die gähnend leere Magengrube. Dazu fremde Gesichter, stickige Luft und ein Geräuschpegel, der stetig steigt, weil der Barkeeper seinen Gästen Easy-Listening-Musik verordnet, während die Frühstücker mit geschwollener Halsader versuchen, das Gejaule zu überschreien.

Warum tun sich Menschen sowas an? Sie könnten ausschlafen, gemütlich im Pyjama an einem Brötchen knabbern, Zeitung lesen oder klassischer Musik lauschen, an den Kühlschrank gehen und sich holen, was sie brauchen - und wann sie es brauchen. Statt sich mit hungrig und müde in ein Sonntags-Outfit zu zwängen und ins Getümmel zu stürzen. Unter Menschen, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte. Schon gar nicht im grellen Tageslicht.

Die Nacht im Nacken, im Mund den Hauch des Todes

Es hat gute Gründe, warum Raubtiere erst nach der Fütterung in die Manege dürfen - ist besser für die Stimmung. Leider konnte sich diese Weisheit im Großstadtdschungel nicht durchsetzen. Und so sitzen morgenmuffelige Wesen penetrant gut gelaunten Spaßmachern gegenüber, die durchzechte Nacht im Nacken und im Mund den Hauch des Todes. In den Augen Gier und Ungeduld, taxieren sie die Bedienung wie ein Rudel Löwen die Gazelle.

Darf der Gast dann endlich bestellen, soll er aus Gründen der Logistik alles aufzählen, was am Ende in seinem Magen landen soll: gemischte Wurst- und Käseplatten, deren minderwertige Qualität durch die Beigabe von Weintrauben, Salatblatt und Tomatenspalten kaschiert wird. Zuvor Müsli aus der Großpackung mit vorgeschnittenem Obst, das sich bereits bräunlich verfärbt. Dazwischen Rührei und Croissant. Zum Milchkaffe ein O-Saft, frisch gepresst (damals, vor zwei Stunden war er es zumindest), den der Kellner kurz mit dem Löffel umrührt, damit sich das träge Fruchtfleisch aufschwingt und mit dem wässrigen Rest vermischt.

Kein Zucker am Tisch, zu wenig Milch im Kaffee? Kein Problem, Bedienung kommt gleich! Nachdem sie die Bestellung an Tisch 4 aufgenommen, die quengeligen Gäste an Tisch 13 umgesetzt, den verschütteten Pfirsichsaft an Tisch 8 aufgewischt hat. Und dann, endlich, ... zu dumm, dass der Gast inzwischen nicht mehr weiß, was eigentlich gefehlt hat. Wenigstens könnte die Kellnerin abräumen. Wo ist die denn nur wieder?

Während 90 Prozent der Anwesenden davon überzeugt sind, dass die Bedienung "total unfähig" ist und ihre Gäste mutwillig ignoriert, bewegt diese sich stets am Limit, versucht, Wünsche zu erfüllen und dabei zu vermeiden, dass die Welle über ihr zusammenschlägt. Diese Gleichung kann nicht aufgehen. Ein Frühstück ist - anders als ein Mittag- oder Abendessen - aus unzähligen Komponenten zusammengesetzt. Deshalb hat ein geschäftstüchtiger Wirt Mitte der Achtziger den Brunch erfunden. Sollen sich die nervigen Gäste ihr Zeug doch selbst holen.

Brunch - der Vorhof zur Hölle

Wenn Frühstückscafés ein Synonym für Hölle sind, dann ist der Vorhof dazu ein Buffet, an dem sich Bananenquark neben Schweinebauch tummelt, Meeresfrüchtesalat neben Birchermüsli in halb ausgekratzen Schüsseln vor sich hindämmert. Dennoch konnte sich das Trend-Gelage zum Dauerbrenner etablieren. Im schlimmsten Fall hat sich der Brunch vom Diktat der Tageszeit befreit und lockt mit "All you can eat"-Angeboten - kollektives Vollstopfen gegen Pauschale, ungegessene Reste inklusive.

Und während der Neuankömmling noch selig Obst und Croissants auf seinen Teller hievt, schöpft der Nachbar bereits schwer atmend Chili con Carne in seine Schüssel. Es wird gedrängelt, getürmt, gehortet. Hier vereinen sich alle Nachteile eines Pauschalurlaubes zu einem einzigen Albtraum. Erst am Spätnachmittag kehrt Ruhe ein. Was bleibt, ist ein Schlachtfeld. Die unzähligen Reste landen im Müll. Oder auf der Abendkarte - die ersten Gäste sind schon da, pünktlich zur "Happy Hour".

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum auswärts Frühstücken die reine Freude ist ...

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