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Dem Geheimnis auf der Spur:Captain Defoe

Blackbeard ist einer der Piraten aus "A General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pyrates" aus dem Jahr 1724.

(Foto: mauritius images / Science Sourc)

Vor knapp 300 Jahren soll "Robinson Crusoe"-Autor Daniel Defoe die wichtigste Quelle für Piratenhistorien unter Pseudonym verfasst haben. Doch es regen sich Zweifel an seiner Urheberschaft. 

Von Carolin Werthmann

Piratenkapitän Blackbeard kann in seinem schwarzen, dichten, langen Bart Feuerlunten verstecken, und das allein ist ein Grund, um seiner Geschichte zu folgen - auch wenn das Buch, in dem man sie findet, nur mit Mühe lesbar ist. "A General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pyrates" aus dem Jahr 1724 ist keine angenehme Lektüre. Der chronistische Erzählanspruch übertüncht jeglichen Hauch literarischer Ambition: Erst segelt Blackbeard über das Meer, dann stiehlt er dies, dann passiert das, dann trifft er den einen, dann den anderen, und so weiter.

Aber das Werk ist die wohl wichtigste Quelle der Geschichten, die man sich bis heute über Piratinnen und Piraten erzählt und die zu zahlreichen Filmen und Abenteuerromanen inspirierten. Blackbeard mit den brennenden Lunten unterm Hut ist einer dieser Piraten, und seine Biografie füllt in der "General History" ein ganzes Kapitel. Ihn soll es wirklich gegeben haben, wie auch all die Figuren auf den übrigen Seiten. Der Schöpfer dahinter ist ein gewisser Captain Charles Johnson, und dass er sich selbst als Kapitän betitelte, soll wohl zu verstehen geben, dass er sein Werk nicht als Schriftsteller, sondern als Zeitgenosse des Goldenen Zeitalters der Piraterie verfasste und vielmehr ein Logbuch darin sah als Unterhaltung. Das Problem ist nur: Captain Charles Johnson ist sehr wahrscheinlich eine erfundene Figur. Und in diesem Sinne der eigentliche Protagonist der Geschichte.

Die Frage, wer der wahre Autor der "General History" ist und den Piratenkult um Figuren wie Blackbeard, Henry Every, Anne Bonny und Mary Read bis heute befeuert, beschäftigt Historiker und Literaturwissenschaftler seit mehr als einem Jahrhundert. Aufsehen erregte vor allem die These des Amerikaners John Robert Moore Anfang der Dreißigerjahre. Er behauptete, Daniel Defoe, der Autor des Welterfolgs "Robinson Crusoe" aus dem Jahr 1719, habe hinter dem Pseudonym Charles Johnson gesteckt. Weil Moore als Defoe-Experte galt, seine Forschung fast ausschließlich dem Werk des englischen Autors widmete und recht überzeugend schildern konnte, was ihn in seiner Behauptung so sicher machte, schrieben Verlage, Bibliotheken und Kollegen von diesem Zeitpunkt an die "General History" Daniel Defoe zu. Sie tun das bis heute.

Robert Moore sagte, Stil, Sprache und Inhalt erinnerten stark an Defoes Romane "Kapitän Singleton", "Robinson Crusoe" und "The King of Pirates" sowie an seine früheren journalistischen Arbeiten. Doch es regte sich Widerspruch. Der Historiker Arne Bialuschewski brachte den englischen Buchdrucker und Journalisten Nathaniel Mist ins Gespräch. Dieser lebte zur entsprechenden Zeit in der Nähe der Londoner Druckerei, die die ersten Kopien der "General History" anfertigte. Endgültig beweisen lässt sich nichts davon. Es bleiben nur Spekulationen, Argumentationen und die Frage, was es ändern würde, wenn einer der bedeutendsten englischen Autoren die Grundlage für ein Phänomen geschaffen hätte, an dem er sich selbst für seinen Jahrhundertroman "Crusoe" bediente.

Nächstes Rätsel: Gab es die Piratenrepublik "Libertalia"?

An der Erstausgabe von "Robinson Crusoe" wird allerdings auch sichtbar, dass Defoe dem Spiel aus Fiktion und Realität nicht ganz abgeneigt war. "Written by himself" stand damals unter dem Titel. Damit gab er vor, die Romanfigur Crusoe, 28 Jahre lang Verschollener auf einer karibischen Insel, habe die Geschichte selbst aufgeschrieben, und das, was die Leser in ihren Händen hielten, entspräche wahren Begebenheiten. In gewisser Weise stimmte das auch. Defoe arbeitete zu dieser Zeit als Journalist und war auf einen Bericht über den gestrandeten Seemann Alexander Selkirk aufmerksam geworden. Vier Jahre hatte dieser ausgesetzt auf einer chilenischen Insel verbringen müssen.

Defoe nutzte diesen Tatsachenbericht und zwirbelte daraus die Handlungsstränge für "Robinson Crusoe". Das Mysterium um den "Written by himself"-Zusatz der Erstausgabe klärte Defoe erst etwas später auf. Seiner Beliebtheit schadete das nicht, im Gegenteil, das Buch wurde allein im ersten Jahr nach Erscheinen dreimal nachgedruckt. Defoe war allerdings fast 60 Jahre alt, als er den Roman veröffentlichte. "A General History" hätte eine Aufwärmübung sein können, ein Testballon für Erzählungen über Sozialrebellen und Radikaldemokraten, als welche Piraten gelegentlich interpretiert wurden - entgegen der Lesart, es handelte sich ausschließlich um Anarchos, die plünderten, vergewaltigten und mordeten.

Mit dem Rätsel um die Urheberschaft der "General History" setzte sich zuletzt der Soziologe und Philosoph Helge Meves in einem Nachwort der 2014 erschienenen deutschen Neuauflage der "General History" auseinander. Der Verlag Matthes & Seitz publizierte den Auszug des zweiten Bands unter dem Titel "Libertalia. Die utopische Piratenrepublik". Als Autor wird Defoe aufgeführt, der Kontext zur Entstehung und Rezeption folgt auf den letzten hundert Seiten. Und als sei das nicht alles schon rätselhaft genug, diskutiert Meves in seinem Kommentar weiter über den Wahrheitsgehalt jener Piratenrepublik "Libertalia" auf Madagaskar. Auch dieser sagenhafte Ort ist Anlass für immer neue Spekulationen, ob es die Piratenrepublik nun gab oder nicht, und wenn ja, welche Rolle der große Erzähler Daniel Defoe dabei spielte. Immer wieder Defoe. Zumindest eines lässt sich festhalten: Die besten Geschichten erfindet die Realität.

© SZ
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