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Umgang mit Krankheiten:Häuser der Heilung

Coronavirus - Kinder in Ägypten

Während arabische Staaten wie Ägypten im Mittelalter in der Seuchenbekämpfung ganz vorne standen, ist das heutige Gesundheitssystem anfälliger für Fehler.

(Foto: dpa)

Corona hebt weltweit das Leben aus den Fugen. Im Mittelalter lebten die Menschen hingegen ständig mit Seuchen. Die besten und berühmtesten Mediziner wirkten in der islamischen Welt.

Von Dunja Ramadan

Der irakische Universalgelehrte Abd al-Latif al-Baghdadi durchschaute die drei jungen Männer ziemlich schnell. Er traf sie im Nuri-Krankenhaus in Damaskus, junge Perser, die Schmerzen vortäuschten, um einige Tage in dem Krankenhaus mit der nischenförmigen Kuppel und dem begrünten Innenhof verbringen zu können. Der behandelnde Arzt, so schrieb al-Baghdadi in seinem Reisebericht, ließ sich nichts anmerken. Erst am vierten Tag konfrontierte er die Patienten und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: "Die traditionelle arabische Gastfreundschaft dauert drei Tage: Bitte gehen Sie jetzt nach Hause!"

Dies trug sich im 13. Jahrhundert zu, im inzwischen ältesten erhaltenen Hospital Syriens. Nur ad-Din Zengi aus der Dynastie der türkischen Zengiden ließ es im Jahr 1154 erbauen. Das heutige Museum für Arabische Medizin und Wissenschaft zog vor Beginn des Syrienkrieges 2011 zahlreiche Besucher und Touristen an. Warum die Männer freiwillig drei Tage in einem Krankenhaus verbracht haben, leuchtet einem auch ein paar Jahrhunderte später nicht ein - und schon gar nicht im Corona-Zeitalter. Bilder von überfüllten Behandlungszimmern, von Patienten, die auf Beatmungsplätze hoffen müssen, von Leichen, die in Kühllastern aus Krankenhäusern wegtransportiert werden, gehen seit der Corona-Krise um den Globus. Das Krankenhaus gilt vielen in diesen Tagen als Ort des Schreckens, zu dem man am besten gar nicht erst hingeht - außer man bekommt keine Luft mehr.

Umso mehr lohnt es sich, über das Krankenhaus als Institution nachzudenken. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, welche Vorstellungen unterschiedliche Völker zu jener Zeit hatten. Während Kranke im europäischen Mittelalter in sogenannte Siechenhäuser vor die Stadttore verbannt wurden, in denen Kranke von der Gesellschaft isoliert und meistens von der Gnade wohlhabender Spender abhängig waren, pflegte man im islamischen Kulturraum einen anderen Umgang mit Patienten. Liest man Reisebeschreibungen arabischer und persischer Geografen, Mediziner und Gelehrter über jene Einrichtungen, erinnern diese zuweilen eher an schicke Rehakliniken oder spirituelle Wohlfühloasen als an mittelalterliche Krankenlager.

Ibn Dschubair, der Begründer der sogenannten Rihla-Literatur (arabisch für Reise), verglich das al-Muqtadiri-Krankenhaus am Ufer des Tigris im 12. Jahrhundert mit einem "Königspalast, in dem alle Bequemlichkeiten geboten werden". Diese Beschreibungen gewähren Einblicke in eine Zeit, in der jene Krankenhäuser in den großen muslimischen Metropolen Damaskus, Kairo, Córdoba und Bagdad ihre Blüte erleben. Al-Baghdadi, der im Alter von 26 Jahren auf Reisen nach Syrien, Palästina, Ägypten, Armenien und in die Türkei ging, löst das Rätsel der drei jungen Perser einige Zeilen später auf: Es seien das "exzellente Essen und der exzellente Service im Krankenhaus" gewesen, der die Männer angelockt hatte.

Tatsächlich fanden Patienten in den frühislamischen Bimaristan eine kostenlose medizinische Behandlung, saubere Räumlichkeiten und kostenlose - und offenbar auch schmackhafte - Verpflegung vor. Der Name Bimaristan stammt aus dem Persischen und lässt sich mit "Haus der Kranken" übersetzen. Unter dem aus den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht berühmten Abbasidenkalif Harun ar-Raschid (763 - 809) soll es in Bagdad bereits einige Hundert Krankenhäuser gegeben haben. Heute gelten sie als Vorläufer der modernen Krankenhäuser, denn Bimaristan wiesen hohe ethische Standards aus. Sie wurden säkular geführt, Ärzte behandelten Menschen aller Hautfarben und Religionszugehörigkeiten. Es war ihnen gesetzlich verboten, mittellose oder reisende Patienten abzuweisen. Neben muslimischen Ärzten arbeiteten dort auch jüdische und christliche Mediziner.

In der Grundsatzerklärung des Qalawun-Krankenhauses, das im 13. Jahrhundert vom Mamelukensultan Saif ad-Din Qalawun al-Alfi al-Mansur in Kairo erbaut wurde, steht, dass das Krankenhaus alle Patienten, Männer und Frauen behalte, bis sie vollständig genesen sind. "Alle Kosten sind vom Krankenhaus zu tragen, unabhängig davon, ob die Menschen aus der Ferne oder aus der Nähe kommen, ob sie Einwohner oder Ausländer sind, stark oder schwach, von hohem oder niedrigem Status, reich oder arm, erwerbstätig oder arbeitslos, blind oder sehbehindert, körperlich oder geistig krank, gebildet oder Analphabet. Es gibt keine Bedingungen für Gegenleistung und Zahlung; keiner wird beanstandet oder sogar indirekt auf Nichtzahlung hingewiesen. Der gesamte Gottesdienst erfolgt durch die Großzügigkeit Gottes, des Großzügigen." Das Qalawun-Krankenhaus, das noch 400 Jahre weiter bis ins 19. Jahrhundert bestand, ist bis heute in der islamischen Altstadt von Kairo zu finden. Seit 1979 gehört die Al-Muizz-Straße zum Unesco-Weltkulturerbe.

Das heutige Konzept von Privatpatienten, denen häufig eine Chefarztbehandlung vorbehalten ist, wäre damals wohl verpönt gewesen. So schreibt der spanische Professor für Geisteswissenschaften Víctor Pallejà de Bustinza im National Geographic History Magazin, auch Bettler in Bagdad hätten von medizinischen Größen wie dem persischen Arzt Abu Bakr Mohammed ibn Zakariya ar-Razi operiert werden können. Möglich war diese fast schon utopisch klingende Behandlung aufgrund der Waqf-Struktur in den islamischen Gesellschaften, den Stiftungen.

Die Almosensteuer zu entrichten ist Muslimen eine religiöse Pflicht und gilt als eine der fünf Säulen des Islam. Öffentliche Krankenhäuser wurden somit vor allem durch Spenden wohlhabender Muslime finanziert. Auch ein Ausspruch des Propheten Mohammed galt vielen Medizinern in der frühislamischen Zeit als besonderes Leitbild. So sagte er: "Allah hat keine Krankheit herabkommen lassen, ohne dass er für sie zugleich ein Heilmittel herabkommen ließ."

In Pandemiezeiten sind sicher auch Bimaristan an ihre Grenzen gekommen. Muslimische Gelehrte wie Ibn Abi al-Dunya aus dem 9. Jahrhundert oder Ibn Hajar al-Asqalani aus dem 15. Jahrhundert warnten in ihren Werken vor Menschenansammlungen während ansteckender Seuchen und rieten von Gemeinschaftsgebeten dringend ab. Im Dezember 1429, so schrieb al-Asqalani, habe die Pest an einem einzigen Tag zu 40 Todesfällen in Kairo geführt. Als die Menschen einen Monat später für ein Ende der Pest gebetet hatten, stieg die Sterblichkeitsrate auf mehr als 1000 pro Tag. Inwieweit an diesen Tagen der Seuche die frühislamischen Mediziner in den Bimaristan an ihren hehren Prinzipien festhalten konnten, ist nicht bekannt. Gegen solche Seuchen fanden selbst fortschrittliche Ärzte der Epoche kein Mittel.

Ärzte als "Hüter von Seelen und Körpern"

Jahrhunderte später müssen Ärzte in New York oder Bergamo während der Corona-Pandemie Entscheidungen über Leben und Tod treffen. Im Schnellverfahren müssen sie beschließen, wessen Überlebenschance größer ist. Sie stoßen damit an die Grenzen der medizinischen Ethik. In Europa ist in dieser Hinsicht vor allem der Eid des griechischen Arztes Hippokrates (4. Jahrhundert v. Chr.) bekannt. In der frühislamischen Zeit entwickelten arabische Mediziner das antike Wissen weiter.

Das erste Buch zur medizinischen Ethik schrieb der arabische Arzt Ishaq ibn Ali al-Ruhawi mit dem Titel "Adab al-Tabib" ("Das Verhalten eines Arztes") im 9. Jahrhundert. Er bezeichnete Ärzte als "Hüter von Seelen und Körpern". In zwanzig Kapiteln führt er aus, warum das Zusammenspiel der geistigen und körperlichen Kräfte entscheidend ist. Er resümiert, dass die geistige Gesundheit besonders wichtig ist und dass ihre Verletzung auch zu körperlichen Erkrankungen führen kann - heute spricht man von psychosomatischen Krankheiten. Auch der persische Arzt ar-Razi warb in seinem Buch "Kitabul-Tibb al-Rawhani" (Das Buch der geistigen Medizin) für einen ganzheitlichen Ansatz der Heilung.

Die damaligen Ärzte legten großen Wert auf die psychische Gesundheit der Patienten. Das spiegelte sich auch in der vielfach beschriebenen Atmosphäre der Bimaristan, die man bis heute in Damaskus oder Kairo besichtigen kann, wider: Der Springbrunnen im begrünten Innenhof, das Plätschern des Wassers und die warmen Sonnenstrahlen sollten beruhigend auf die Patienten einwirken. Musiker ließen die Klänge der Oud, einer orientalischen Laute, sowie der Nay, einer Flöte, durch die Hallen der Bimaristan ertönen. Auch der Duft von Jasminblüten wird neben dem Spielen von Musik in mehreren Reiseberichten erwähnt.

Die Ärzte folgten damit der griechischen Tradition der Musiktherapie. Auch sie waren überzeugt, dass Körper und Geist für die Heilung in Einklang sein müssen, vor allem bei Patienten mit psychischen Erkrankungen. Sufisten, islamische Mystiker, betonten stets den spirituellen Aspekt der Musik. So waren sie der Meinung, dass Musik die Menschen näher zu Gott bringen würde - was Patienten in Krisensituationen helfen könnte.

Ar-Razi war es auch, der die erste psychiatrische Abteilung in einem Krankenhaus in Bagdad einrichten ließ. Zu einer Zeit, "als man in der christlichen Welt glaubte, geistig erkrankte Menschen seien vom Teufel besessen", wie der britisch-irakische Wissenschaftshistoriker Jim Al-Khalili in seinem Buch "Im Haus der Weisheit" schreibt, war dies ein enormer wissenschaftlicher Fortschritt.

In den Bimaristan kamen diese Patienten auf eine eigene Station. So waren die Krankenhäuser in einzelne Stationen unterteilt, wie etwa die für ansteckende und nicht-ansteckende Krankheiten, Augenkrankheiten, chirurgische und nicht-chirurgische Fälle. Männer und Frauen wurden getrennt voneinander untergebracht und von gleichgeschlechtlichem Personal betreut. Meist lagen die Krankenhäuser in unmittelbarer Nähe zu Hochschulen, wo Studenten und ihre Lehrmeister die großen Werke der Antike in arabischer Sprache lasen, kommentierten, interpretierten und selbständig weiterentwickelten. Medizinstudenten begleiteten Ärzte auf ihren Visiten und führten Krankenakten.

Diese Mediziner besaßen bereits Grundvorstellungen der Hygiene. Vor dem Bau eines neuen Krankenhauses in Bagdad bat der Abbasidenkalif al-Muktafi (875 - 908) den Arzt ar-Razi, den perfekten Standort dafür zu finden. Also ließ ar-Razi in verschiedenen Bezirken Bagdads frische Fleischstücke aufhängen. Wenige Tage später überprüfte er den Verwesungsgrad der Stücke. Dort wo er am geringsten ausfiel, war die Luft am reinsten - und somit geeignet für ein neues Bimaristan.

Als 1258 die Mongolen das Abbasiden-kalifat in Bagdad und die berühmte Stadt selber vollends zerstörten und ihre Einwohner ermordeten, endete auch eine historische Blütezeit der Wissenschaften, nicht nur der medizinischen. Zwei Jahrhunderte später wurden die arabischen Muslime aus Spanien im Zuge der sogenannten Reconquista vertrieben. Mit Granada, so schreibt Islamwissenschaftler Fuat Sezgin in seinem Buch "Wissenschaft und Technik im Islam", verloren die Araber im Jahr 1492 nicht nur die letzte Bastion ihrer achthundertjährigen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel, der Verlust markiert gleichzeitig den Anfang vom endgültigen Ende der arabisch-islamischen Weltmacht. Auch die Kreuzzüge (1096 - 1291) hatten die islamische Welt geschwächt, schreibt Sezgin. Das sind allerdings nur einige Gründe für den Beginn des Stillstandes und das Ende der Kreativität. Blickt man heute auf die Region, rücken die Erzählungen über die Bimaristan zumindest vielerorts in ungeahnte Ferne.

Heute ist die Gesundheitsversorgung in vielen arabischen Ländern marode und teuer

Mittlerweile ist die Gesundheitsversorgung in den meisten arabischen Ländern - abgesehen von den ölreichen Golfstaaten - marode und teuer. Vor allem Menschen aus der Mittel- und Unterschicht, die oft auf engem Raum zusammenleben, sind dem Coronavirus hilflos ausgeliefert. Öffentliche Krankenhäuser sind häufig in desaströsem Zustand, teure Privatkliniken können sich die meisten Bürger gar nicht erst leisten.

Auch in den überfüllten Gefängnissen im Nahen Osten herrschen miserable hygienische Zustände. Menschenrechtsorganisationen warnen in Coronazeiten vor Massensterben in den Gefängnissen. Länder wie Ägypten und Syrien, in denen Zehntausende Menschen vor allem aus politischen Gründen einsitzen, weigern sich, Schutzmaßnahmen für die Häftlinge zu ergreifen. Iran ordnete Ende März für 100 000 Insassen Haftverschonung an. Tunesien, Algerien, Marokko, Jordanien und Bahrain folgten dem Beispiel und öffneten einige ihrer Gefängnisse.

Über den Umgang mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, wurde auch zu Coronazeiten viel diskutiert. Wie können sich Obdachlose vor dem Virus schützen? Wie geht es Flüchtlingen, psychisch Kranken oder Häftlingen?

Mehr als tausend Jahre zuvor beschäftigte sich der Abbasiden-Wesir Ali ibn Isa ibn al-Jarrah (859 - 946) mit dieser Frage. Da während seiner Herrschaft besonders viele Krankheiten ausbrachen, schrieb er in einem Brief an den Arzt Sinan ibn Thabit, er mache sich "große Sorgen um die Gefangenen". Ihre große Anzahl und der Zustand in den Gefängnissen könnten dazu führen, dass sich die Krankheit schnell verbreite. Daher sei er der Meinung, dass sie ihre eigenen Ärzte haben müssen, die sie jeden Tag untersuchen und ihnen bei Bedarf Medikamente verabreichen sollten. Kurze Zeit später wurde mithilfe von Spendengeldern ein separates Krankenhaus für Häftlinge gebaut.

© SZ vom 11.07.2020/mpu
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