Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:"Das eiserne Prinzip: nie im Pyjama vor den Laptop!"

Lesezeit: 6 min

Israel war das erste Land, in dem eingereiste Ausländer in häusliche Quarantäne mussten. Auch unsere Korrespondentin. Wie es ihr dabei erging und wie man die Zeit am besten übersteht.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Zeit haben! Das wünscht sich jeder. Um all die Bücher, die sich seit Monaten stapeln, zu lesen. Damit man endlich all den Kram erledigen kann, den man vor sich herschiebt mit dem Argument, anderes sei wichtiger: Abrechnungen machen, all das ausmisten, was sich so im Laufe der Jahre angesammelt hat in den Kästen und Ecken und Schubladen der Wohnung.

Das Zeitgefühl verändert sich, Wichtiges schrumpft zu Bedeutungslosem, wenn klar wird: Häusliche Quarantäne, das trifft auch mich. Es vergingen fast 24 Stunden bis zu einer E-Mail des für Korrespondenten zuständigen Government Press Office, in dem steht: So wie die Israelis müssen auch alle permanent hier lebenden Ausländer rückwirkend ab dem Zeitpunkt der Einreise zwei Wochen zu Hause in Isolation, während ausländische Touristen weiter herumspazieren dürfen - vorerst. Das bedeutete: eine Woche Quarantäne.

Das ist eine Diagnose, auch ohne Krankheit. Es ist ein Urteil, das es hinzunehmen gilt, auch wenn sich der Kopf dagegen sträubt: Zu Hause bleibt man doch nur, wenn man krank ist. Wann war ich eigentlich das letzte Mal eine Woche ununterbrochen in den eigenen vier Wänden? Ah, die Grippe vor zwei Jahren. Aber warum zu Hause bleiben, wenn man sich völlig gesund fühlt? Das ist schwierig für jemanden, der gewohnt ist, Dinge anzustoßen und auch schnell abzuarbeiten. Plötzlich zum Stillstand verdammt zu sein. Ja, verdammt!

Die Unklarheit, ob nun hier lebende Ausländer zu den Israelis oder zu den Touristen gezählt werden, verschaffte immerhin Zeit, noch Einkaufen zu gehen. Bestandsaufnahme im Kühlschrank: eine Flasche Wein, eine Flasche Sekt und eine angebrochene Flasche Aperol. Das reicht für zwei Mal Rausch, aber nicht für eine Woche allein daheim, oder? In den Schubladen sieht es nicht viel besser aus: Knäckebrot, Müsliriegel und Suppen, immerhin.

Aufforderung an Ausländer, nicht ins Land zu kommen

Was braucht eine Person unbedingt an Lebensmitteln für eine Woche? Milch, Brot, Mineralwasser. Dann noch Obst, Käse und Joghurt, das müsste reichen. Zwei Mal zum Supermarkt, dann ist alles vorhanden von dem, von dem man annimmt, dass man damit sieben Tage über die Runden kommen müsste. Im Aufzug hängen Zettel, in denen alle, die in den vergangenen zwei Wochen im Ausland waren, aufgefordert werden, sich an die Vorschriften zu halten. Und der Satz: "Ausländer werden aufgefordert, nicht ins Land zu kommen." Nachbarn sollten außerdem melden, wenn sie den Verdacht hätten, es gäbe einen Fall.

Dann noch ein Gang zum Supermarkt für eine Kollegin, die von der Schule des Sohnes die Aufforderung bekommen hatte, dass die ganze Familie ab sofort in Quarantäne muss. Deren Kühlschrank ist immer besser gefüllt als meiner, zum Glück in Zeiten wie diesen. Auch meine Mutter in der Heimat ist rehabilitiert: Seit Jahren besteht sie darauf, dass die Speisekammer gut bestückt ist, denn es könnte ja wieder einmal ein Winter kommen, in dem man eingeschneit wird, oder es könnte sich sonst eine Katastrophe á la Tschernobyl ereignen. Jahrelang haben wir uns darüber lustig gemacht, dass sie Nudeln und andere haltbare Lebensmittel hortet. Jetzt nicht mehr.

Wenn man dann zurück im eigenen Zuhause auf sich selbst zurückgeworfen ist, stellt sich die Zeit plötzlich als etwas Großes, Leeres dar. Was tun? Es trudeln am Anfang noch vereinzelt Mails ein: Die Absagen des Konzerts der israelischen Philharmoniker mit dem Schlagzeuger Martin Grubinger, Informationen über stornierte Flüge. Das ist rasch abgearbeitet, dann werden auch die Emails weniger.

Die Entdeckung der TV-Programme

Plötzlich die Entdeckung, dass es nicht nur den Nachrichtensender gibt, den man immer einschaltet, sondern sich mit der Fernbedienung durch mehr als hundert Kanäle zappen kann. Darunter sind neben Deutsche Welle und 3sat auch zwei deutsche Privatsender, die während des Tages fast nur Anwälte, Ärzte und Polizisten in nachgespielten Szenen zeigen - auch eine Erkenntnis. Welch eine Freude, dann im englischen Original die Hollywood-Produktion "Lost in Translation" zu sehen: verloren zwischen den Zeiten, so fühle ich mich auch.

Struktur bringt ein regelmäßiger Tagesablauf: Aufstehen, duschen, anziehen, Kaffee machen und den Computer einschalten. Wie immer. Home-Office ist nichts Neues für mich. Was aber jetzt schwerer fällt, da man nicht außer Haus muss oder vielmehr darf, das eiserne Prinzip einhalten: nie im Pyjama vor den Laptop! Denn wenn Zeit keine Rolle mehr spielt, ist die Gefahr groß, sich gehen zu lassen. Der Weg zum Sofa ist nur ein paar Schritte - acht, um genau zu sein.

Die Schritte in der Wohnung zählen

Und mit der Zeit zählt man dann auch wirklich seine Schritte: Siebzehn sind es ins Bad, elf bis auf den Balkon. Rauszugehen, Luft zu schnappen - das ist die kleine Freiheit, die so unglaublich wichtig wird. Regelmäßig aufstehen, sich Runden in der Wohnung suchen, um sich zu bewegen, das muss man sich immer häufiger vornehmen, je mehr Zeit vergeht. Es gibt einen Drang sich einzurichten in diesem zeitlosen Zustand, der wohl auch Entschleunigung heißt.

"Das Nichts nichtet", hat schon der Philosoph Martin Heidegger erkannt. Für ihn gehört das Verschließen und sich der Welt Verweigern zu den Grunderfahrungen, die zum Menschsein gehören. Aber wenn "Sein und Zeit" aus dem gewohnten strengen Korsett fallen und das Dasein auf einmal nicht mehr in die Zukunft gerichtet ist, sondern schlicht heißt, wie bringe ich diesen Tag über die Runden, dann ist man plötzlich sehr auf sich selbst zurückgeworfen. Eine Art verordnete Egozentrik: Ich bin selbstbestimmte Herrscherin über meine Zeit.

Die Zeit gilt es zu strukturieren, jeden Tag ein Projekt: an einem Tag die Kleiderschränke ausmisten. Am nächsten die Schubladen im Arbeitszimmer. Am übernächsten Tag dann das Sortieren der Rechnungen, um am überüberübernächsten Tag die Abrechnungen machen zu können. Und am allerletzten Tag dann Anrufe, um die nächste Woche zu strukturieren und Termine zu vereinbaren. So wachsen wieder Projekte nach den Papierbergen, mit denen eine neue Ordnung in dieser Woche in die Wohnung eingezogen ist.

Die Bücher sind auf eine andere Weise gestapelt: Hier jene, die bereits gelesen sind und dort jene, die sich zur Lektüre aufdrängen. Jeden Tag ein Buch, wie wunderbar! Die Reiseliteratur, Landkarten und Informationsbroschüren sind endlich ordentlich sortiert und warten auf den nächsten Andrang an Besuchern, die sich für dieses Frühjahr angekündigt haben. Wenn sie denn kommen können.

Es ist eine Freude, Stimmen zu hören, reden zu können. Überhaupt, jeder Anruf ist ein Ereignis! Und das ist das Schöne daran, dass sich so viele melden - auch solche, mit denen man monatelang keinen Kontakt hatte. Die Maßnahmen in Israel sind eine Nachricht, ich trage ja auch mit meinen Berichten dazu bei. Ein Tag, an dem man viel zu schreiben hat, ist ein guter Tag - weil ein durchstrukturierter Tag, an dem man mehr als ein Projekt hat. Es melden sich Dutzende: Mit einer Whatsapp, einer aufmunternden Botschaft. In Israel lebende Freunde bieten an, Lebensmittelpakete vor die Tür zu stellen oder einen DVD-Player vorbeizubringen. Und alle stellen die gleiche Frage: Wie geht es Dir?

Das Stadium der permanenten Selbstüberprüfung

Gut! Aber ist da nicht ein Kratzen im Hals? Warum der Hustenreiz? Und die besorgte Anmerkung der Mutter, ob nicht meine Stimme belegt sei? Dabei war wieder einmal nur die Verbindung schlecht. Die Zeit in der Quarantäne ist ein Stadium der permanenten Selbstüberprüfung, man ist zurückgeworfen auf sich selbst, auch das ist ein Effekt des Zeithabens. Was ist mit meinem Körper? Jedes Ziehen löst einen offenbar eingebauten Autoprüfungsmechanismus aus. Das Phänomen der Angst hat auch Heidegger beschrieben: Die Welt verliert ihre Bedeutsamkeit.

Das Tor zur Welt sind die Medien: Es gibt ohnehin nur noch ein Thema, wenn man seinen Twitteraccount öffnet, auf die üblicherweise genutzten Websites geht oder den Fernseher einschaltet. Selbst für Newsjunkies gilt: Feste Zeiten zum Nachschauen fixieren, nicht ständig online sein. Loslassen! Die Welt dreht sich weiter, man muss nicht jede Minute auf dem aktuellen Stand sein.

Auf dem israelischen Nachrichtensender i24 werden die Kollegen mehr, die aus ihrem Zuhause zugeschaltet werden, weil sie in Quarantäne sind. In Israel gibt es fast keine Kritik an den Maßnahmen, in diesem Land ist man gewöhnt, mit Krisensituationen umzugehen. Und auch in Europa verbreitet sich das, was in Israel früh angeordnet wurde und damals überzogen schien, rasch: Immer mehr Länder machen dicht und schotten sich ab.

Das Leben draußen vibriert

Nach einer Woche ist die ersehnte Freiheit da: endlich wieder raus! Der erste Gang zum Supermarkt, wo alle Regale gut gefüllt sind - nur beim Mineralwasser herrscht Engpass. Aber das kommt auch in den Sommermonaten häufiger vor. Das Leben draußen vibriert, der Strand ist unendlich weit und lang, der Kaffee an der Bar mit Blick aufs Meer schmeckt besser als beim letzten Mal, die Luft ist salzgetränkt.

Die Zeit hat einen anderen Wert bekommen, das Gefühl der Langsamkeit steckt noch fest, nicht nur in den Gliedern. Und es tun sich nun theoretisch wieder unendlich viele Möglichkeiten auf, aber praktisch schließen sie sich: Fast alle Termine werden abgesagt mit Blick auf die aktuelle Situation, Gesprächspartner wollen sich "schützen". Pressekonferenzen und selbst die Regierungssitzung werden nur noch live gestreamt. Das schafft wieder ein neues Zeitgefühl, ein anderes. Was bleibt, ist das Bewusstsein, dass nicht alles so wichtig ist, wie es vor einer Woche noch schien.

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