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Coronavirus:Die Unsicherheit bei Schwangeren wächst

In guter Hoffnung sein: Das ist in Zeiten der Corona-Krise nicht leicht.

(Foto: Anthony Wallace/AFP)

Noch ist kaum erforscht, wie sich eine Covid-19-Erkrankung auf Schwangere und ihre ungeborenen Kinder auswirkt. Auch für Frauen, die sich nicht infiziert haben, verläuft in der Krise vieles anders als geplant.

Eigentlich, sagt Saghar Wolf, hatte sich ihr Mann für jeden einzelnen Vorsorgetermin extra Urlaub genommen. Er wollte ihr Baby auf dem Ultraschall sehen. Doch wegen Corona-Ansteckungsgefahr muss Wolf nun allein zum Frauenarzt. Ihr Mann wollte überhaupt bei allem dabei sein, natürlich vor allem bei der Geburt. "Aber vielleicht bleiben die Türen verschlossen, und er steht davor", sagt Wolf. Wird sie ihr Kind allein zur Welt bringen müssen? "Eine Geburt muss man doch erleben, das kann man doch hinterher nicht einfach erzählen."

Wolf wohnt in Ludwigsburg, ihr Kind soll Mitte Juni kommen, es ist ihr erstes. Stand jetzt dürfte ihr Mann sie in den Kreißsaal begleiten. Doch die Klinik hat gesagt, dass sich das ändern könnte, um die Ansteckungsgefahr zu senken. Manchmal liegt Wolf deswegen nachts wach. "Man weiß einfach so wenig", sagt die 30-Jährige.

Eine Schwangerschaft ist eine Zeit der Veränderungen. Die Perspektive auf das Leben und, ja, auch den Tod, verändert sich, wenn ein weiteres Leben entsteht. Für die meisten Frauen ist es eine Zeit, in der sich Glück und Angst abwechseln, oft mit einer Intensität, die sie vorher nicht kannten. Das neue Leben tritt von innen, immer und immer wieder, es löst Übelkeit aus, Heißhunger oder Rückenschmerzen. Und dann ist da dieser Bauch, der unermüdlich größer wird, während da draußen ein Virus wütet.

Auf viele Fragen gibt es jetzt keine verlässlichen Antworten

Selbst ohne Coronavirus ist eine Schwangerschaft auch eine Zeit vieler Fragen und Entscheidungen, die eine Zukunft betreffen, die man sich ohnehin kaum vorstellen kann. Nun umso mehr: Ist das ungeborene Leben im Bauch gut geschützt, wenn sich die werdende Mutter infiziert? In welchem Zustand werden die Krankenhäuser sein, wenn das Kind auf die Welt kommt? Wird die Hebamme zum Hausbesuch kommen können? Was passiert mit dem Elterngeld, wenn Mutter und Vater vor der Geburt in Kurzarbeit waren und deshalb weniger verdienten? Auf viele der Fragen gibt es keine verlässlichen Antworten.

Wie sich das Virus selbst auf den Körper von Schwangeren und Ungeborenen auswirkt, ist nicht klar. Schließlich gibt es Covid-19 noch nicht lange, noch sind wenige Babys geboren, deren Mütter sich am Anfang oder in der Mitte der Schwangerschaft infiziert haben. Daten aus China machen zwar Hoffnung, allerdings beruhen sie auf sehr wenig Fällen in der Spätschwangerschaft.

Normalerweise sind ungeborene Babys von der Plazenta vor Krankheiten gut geschützt. Es gibt allerdings drei neue, kleine und nicht vollständig aufschlussreiche Studien, die darauf hinweisen, dass das Virus Föten erreicht hat - jedoch zeigten die Neugeborenen danach keine Symptome. Kinder sind ohnehin nach allen bisherigen Erkenntnissen gegen das Virus besser gewappnet, obwohl in Chicago gerade das erste Baby in den USA an der Krankheit gestorben ist.

Bislang erwartet der deutsche Berufsverband der Frauenärzte jedenfalls, dass die große Mehrheit der schwangeren Frauen nur leichte oder mittelschwere Symptome bekommt, ähnlich einer Erkältung oder Grippe. Was allerdings nur halb beruhigt, da Frauenärzte Schwangeren schon lange raten, die Grippe möglichst zu vermeiden und sich gegen sie impfen zu lassen. Und der Verband warnt: "Da es sich um ein sehr neues Virus handelt, fangen wir gerade erst an, etwas darüber zu lernen." Die US-Gesundheitsbehörde CDC schreibt noch beunruhigender: "Wir wissen zurzeit nicht, ob Covid-19 während der Schwangerschaft Probleme verursacht oder die Gesundheit des Babys nach der Geburt beeinträchtigt."

Werdende Eltern sind von Kurzarbeit besonders betroffen

Saghar Wolf macht sich keine großen Sorgen, dass sie oder ihr Baby sich anstecken. Sie geht nur noch mit dem Hund spazieren, sonst ist sie zu Hause und passt auf sich auf. Einkaufen geht ihr Mann. Die Babyparty ist abgesagt, genauso wie das Schwangerenyoga und der Geburtsvorbereitungskurs. Sie würde gern mal in ein Babysachen-Geschäft gehen, aber die haben ja alle zu. Ihr ist langweilig. Aber sie weiß auch, dass es vielen anderen Schwangeren viel schlechter geht, zum Beispiel denen, die komplizierte Schwangerschaften haben oder in finanziellen Schwierigkeiten stecken.

Werdende Eltern sind zum Beispiel von Einbußen durch Kurzarbeit besonders betroffen. Sie bekommen normalerweise Elterngeld in Höhe von 67 Prozent des durchschnittlichen Nettogehalts der vergangenen zwölf Monate. Das Kurzarbeitergeld zählt aber nicht mit, dadurch sinkt das Elterngeld. Das Bundesfamilienministerium arbeitet an einer Lösung, aber noch ist unklar, ob und wann sie kommt.

Natürlich sind nicht alle Fragen, die sich werdende Mütter im Moment stellen, existenziell. In den Schwangeren-Gruppen bei Facebook oder bei Twitter witzeln auch viele darüber, dass ein Klopapier-Engpass Schwangere besonders hart trifft, die schließlich dauernd aufs Klo müssen. "Sobald Nachschub kommt, ist es auch schon wieder weg", schreibt eine werdende Mutter. Auch ein Renner in den sozialen Medien: Ein Video, in dem eine Frau zeigt, wie man aus einer Windel einen Mundschutz bastelt.

Viele Informationen, die sich im Internet finden, sind allerdings veraltet oder falsch, etwa dass Väter im Moment nicht mit in den Kreißsaal dürfen. Eine kurze Zeit lang mussten sie zum Beispiel in Bonn draußen bleiben, doch eine Petition sammelte fast 70 000 Stimmen für sie. Allerdings müssen sie ihren Mundschutz mancherorts selbst mitbringen und dürfen Mutter und Kind auf der Wochenbettstation nicht besuchen. Der Vater muss also gleich nach der Geburt schon wieder Abschied nehmen.

Auch Hebammen sollten jetzt eigentlich Abstand halten

Und wie die Lage im Juni ist, wenn Wolf ihr Kind zur Welt bringen soll, weiß im Moment niemand. Werden die Kliniken überfüllt sein? Werden Ärzte und Ärztinnen aus der Geburtshilfe, die ohnehin schon lange Stunden im Schichtdienst und oft in Unterbesetzung arbeiten, in die Intensivmedizin abgezogen?

"Ich bitte alle Schwangeren, sich keine Sorgen zu machen", sagt Christoph Scholz, Chefarzt der Geburtskliniken in Harlaching und Neuperlach in München. Keine Sorgen machen - nicht die größte Stärke vieler Schwangerer. "Wir arbeiten in getrennten Dienstteams, um eine Ansteckungsgefahr zu minimieren", versichert Scholz. "So können wir auch gegebenenfalls krankheits- oder quarantänebedingte Ausfälle kompensieren."

Wolf hat wie viele Schwangere überlegt, ob sie ihr Kind lieber zu Hause statt im Krankenhaus zur Welt bringen soll. Ihre Hebamme riet ab: zu gefährlich. Wenn etwas schiefgeht und sie und ihr Kind ins Krankenhaus müssen, könnten das Krankenhaus oder die Rettungssanitäter überlastet sein. Außerdem sind die meisten Hebammen, die Hausgeburten betreuen, Monate im Voraus ausgebucht.

Hebammen haben es sowieso nicht leicht im Moment. Auch sie müssen eigentlich versuchen, Abstand von anderen Menschen zu halten, und beraten deshalb verstärkt per Videotelefonie. Das erste Mal das Baby zu baden oder den Nabel unter Anleitung der Hebamme per Skype zu pflegen - nicht gerade verlockend.

Saghar Wolf versucht, nicht zu viel zu grübeln. Die meisten Dinge liegen ohnehin außerhalb ihrer Kontrolle. "Immer wenn ich eine Bewegung im Bauch spüre, habe ich im Kopf, dass ich das jetzt auch irgendwie genießen muss", sagt sie. Sie hat sich hübsche Umstandsklamotten bestellt, die sie auch zu Hause trägt, wenn niemand sie sieht. Sie richtet das Kinderzimmer ein mit Möbeln, die sie im Internet ordert. Sie will sich freuen dürfen. "Das ist jetzt nun einmal meine Schwangerschaft", sagt sie. "Wenn ich später daran zurückdenke, habe ich ja nur diese Erinnerungen."

© SZ/nas/marli

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