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Corona-Warn-App:Gesundheitsschutz darf kein Elitenprojekt sein

Corona-App im Kampf gegen das Coronavirus

Die Corona-Warn-App im Kampf gegen das Coronavirus läuft nicht auf jedem Handy.

(Foto: MiS/imago images)

Bei der Corona-Warn-App zeigt sich, was schon zu Beginn der Pandemie sichtbar wurde: In Zeiten der Digitalisierung sind diejenigen abgehängt, die sich die schöne neue Technikwelt nicht leisten können.

Kommentar von Christian Mayer

Die neue Warn-App ist nur mit neuen Handys kompatibel. Das grenzt erhebliche Teile der Bevölkerung aus, für die Gesundheitsschutz genau so wichtig ist, wie für alle anderen. In der Pandemie verstärkt sich die digitale und die soziale Spaltung zwischen alt und jung, wohlhabend und arm. Es wird Zeit, etwas dagegen zu tun. Seit dieser Woche kennen viele Smartphone-Nutzer in Deutschland das schale Gefühl, abgehängt zu sein. Dafür braucht man nur ein etwas älteres Handy, schon mit einem iPhone 6, das nur sechs Jahre alt ist, bleibt man frustriert zurück: Denn die Corona-Warn-App funktioniert mit dem veralteten Betriebssystem einfach nicht. Was umso ärgerlicher ist, weil sich alle anderen knallbunten Apps, die man zum Leben nun wirklich nicht braucht, problemlos herunterladen lassen. Nur diese eine, hochseriöse Anwendung zum Schutz der Gesundheit eben nicht.

Das Versprechen des Robert-Koch-Instituts, dass man mit viel gutem Willen nun "gemeinsam Corona bekämpfen" könne, klingt für viele daher wie ein Witz. Corona-Depp statt Corona-App: So fühlt man sich jedenfalls, wenn man darauf gehofft hatte, freiwillig seinen Teil zur Risiko-Begrenzung in Zeiten der Pandemie beizutragen. Da kann die App noch so anwenderfreundlich sein und Datenschutzerfordernisse erfüllen, was an sich lobenswert ist: Sie grenzt erhebliche Teile der Gesellschaft aus, nicht nur jene, die sich jetzt sehr ärgern, weil der am Profit orientierte Tech-Gigant Apple ältere iPhone-Modelle nicht mehr mit aktueller Software nachrüstet. Warum sollte sich jemand, der mit seinem alten Gerät zufrieden ist, weil es seinen Bedürfnissen vollkommen genügt, auf diese Weise gezwungen werden, sich ein neues Modell anzuschaffen? Außerdem gibt es vor allem in den sogenannten Risikogruppen viele Menschen in Deutschland, die überhaupt kein Smartphone besitzen oder es schlicht nicht bedienen können.

Als die Pandemie die Schulen und Bildungseinrichtungen lahmlegte, wurde die Spaltungstendenz in Sachen Hardware schnell sichtbar: Es gab die technisch gut ausgerüsteten Familien und diejenigen, die nicht mal über die notwendigen Geräte verfügen; wer keinen Drucker hat, kann sich auch nicht die Arbeitsblätter der Schule ausdrucken. In vielen Familien gab es eine Phase der digitalen Überforderung, es holperte und ruckelte gewaltig, bis man sich selbst ein Update verpasst hatte und alle Geräte halbwegs auf dem neusten Stand waren. Man will ja funktionstüchtig bleiben.

Für viele läuft es technisch insgesamt ganz gut. Die Krise wirkt vielfach wie eine Verjüngungsspritze, weil auf einmal selbst Technikverweigerer gezwungen sind, sich in der schönen neuen Welt der Videokonferenzen, Kommunikationskanäle und Home-Office-Applikationen zurechtfinden. Aber es gibt eben auch jede Menge Abgehängte. Menschen, an denen die Digitalisierung komplett vorbeigeht, weil sie vor längerer Zeit den Anschluss verpasst haben, sind jetzt eben noch ein wenig mehr außen vor. Mit jedem Tag, mit jedem Update wird der Abstand zwischen Gewinnern und Verlierern größer.

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Das Dilemma lässt sich nicht einfach auflösen. Es kann nicht staatliche Aufgabe sein, die gesamte Bevölkerung mit den richtigen Geräten auszustatten. Aber man sollte bei aller Euphorie über die neue Corona-Warn-App auf deren größte Schwäche hinweisen: Datenschutz und Benutzerfreundlichkeit ist eben nicht alles, wenn es um eine derart wichtige, staatlich finanzierte Anwendung geht; es zählt auch die Frage der Gerechtigkeit. Gesundheitsschutz darf kein Elitenprojekt werden. Die Menschen am digitalen Rand der Gesellschaft brauchen jetzt dringend Hilfe und Unterstützung bei der notwendigen Aufrüstung und beim digitalen Lernen, so etwas kann auch im Rahmen von Patenschaften und Nachbarschaftshilfen passieren. Die Starken müssen die Schwachen mitnehmen - nur so wird auch ein sinnvolles Instrument wie die Corona-Warn-App ein breiter Erfolg.

© SZ.de/bix
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