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Psychologie:Ganz Ohr

Einfach nur ein offenes Ohr: Harald Hüttmann und Marianne Rätzsch vor ihrem Zuhör-Kiosk in Berlin Kreuzberg.

(Foto: Saskia Reis)

Zuhören und reden - nicht trotz, sondern wegen Corona. Zwei pensionierte Lehrer haben in Berlin-Kreuzberg einen Zuhör-Kiosk eröffnet.

Von Saskia Reis

Soll sie nun den ersten Schritt machen oder nicht? Zwei, drei Sekunden bleiben Marianne Rätzsch jedes Mal, um sich zu entscheiden. Die Februarsonne hat auch die letzten Schneereste weggeschmolzen, auf einer matschigen Grünfläche am U-Bahnhof Südstern in Kreuzberg steht die 70-Jährige in Wintermantel und Trekkingschuhen und beobachtet die Passanten. Die meisten Menschen laufen ohne sie zu beachten an ihr vorbei. Doch ab und an blickt jemand interessiert auf das Plakat, das hinter ihr an einem blau-weißen selbstgebauten Häuschen klebt. "Wir hören zu, kommen Sie rein", steht da um ein großes Ohr auf gelbem Grund geschrieben. Meistens entscheidet sich Marianne Rätzsch dann für den ersten Schritt. "Wenn Sie ein bisschen reden wollen, setzen Sie sich, wir hören Ihnen zu", sagt sie und spricht extra ein wenig lauter, damit man sie trotz Maske versteht.

Zuhören. Das ist ihr Rezept gegen die Einsamkeit, eine der wohl am häufigsten thematisierten Nebenwirkungen dieser Pandemie. Wobei Nebenwirkung es nicht so ganz trifft, denn anders als es das Wort suggeriert, ist Einsamkeit längst keine seltene Corona-Begleiterscheinung mehr. Eher eine Volkskrankheit. Seit Beginn der Pandemie sind deutlich mehr Menschen in der zweiten Lebenshälfte einsam, als in den Jahren davor, das hat gerade erst wieder eine Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen gezeigt. 2020 lag die Einsamkeitsrate von Menschen zwischen 46 und 90 Jahren bei etwa 14 Prozent - unabhängig von Geschlecht und Bildungsstand. Eineinhalbmal höher als in den Jahren zuvor.

Als Marianne Rätzsch in der App "Good News" über einen Zuhör-Kiosk in Hamburg las, der allerdings wegen Corona geschlossen hatte, da wusste die pensionierte Lehrerin sofort: So etwas wollte sie in Berlin auch machen. Aber nicht trotz, sondern wegen Corona. Mit Menschen, egal welchen Alters, egal welcher Herkunft ins Gespräch kommen, gemeinsam wieder aktiv werden, einfach da sein, wenn jemand reden will.

Einen idealer Platz war schnell gefunden: eine kleine Fläche zwischen Gräfe- und Bergmannkiez, sieben Straßen laufen sternförmig aufeinander zu. Hier haben die Mitglieder des Vereins "Bürgergenossenschaft Südstern" vor fünf Jahren einen Kiez-Kiosk errichtet. Vor Corona tranken Passanten und Nachbarn vor dem blauen Häuschen jeden Freitagnachmittag Kaffee. Seit Anfang Januar stehen Marianne Rätzsch und ihr Co-Zuhörer Harald Hüttmann zwei Mal die Woche hier, immer montags und dienstags ab 15 Uhr. Mehr als ein paar Stühle im Freien, wärmende Decken und offene Ohren braucht es für den Zuhör-Kiosk nicht. Der Anspruch sei nicht, ein Therapieangebot zu schaffen, sagt Rätzsch. Es gehe einfach nur darum, Trost zu spenden, Anteilnahme zu schenken. Den Rest schaffe der gesunde Menschenverstand: "Ich frage: Wollen Sie, dass ich dazu etwas sage oder soll ich den Mund halten?" Das funktioniere gut. Die Menschen, die kommen, seien ja ohnehin gesprächsbereit.

So wie der Mann, der gleich am ersten Tag kam und seine Habe auf einem kleinen Wägelchen hinter sich herzog. Mit den Worten "Au ja, genau so was brauche ich jetzt, einfach mal mit jemandem reden", setzte er sich auf einen der Stühle gegenüber von Marianne Rätzsch. Dann erzählte er ihr seine Lebensgeschichte. Wie er innerhalb von zweieinhalb Jahren seine gesamte Existenz verlor. Und Frau und Kind.

Und was sagt man so jemandem dann? "Gar nicht so viel. Durch das Erzählen kann man sich oft ein Stück von dem entfernen, was man erlebt hat, allein das kann schon helfen", sagt Rätzsch. Als Lehrerin hat sie an einer Grundschule in Nord-Neukölln unterrichtet, Armut, Elend und Verwahrlosung sind ihr deshalb nicht fremd. Trotzdem sagt sie: "Es macht einfach einen Unterschied, ob man solche Lebensgeschichten in der Zeitung liest, oder ob es jemand ausspricht und dir dabei in die Augen schaut." Ihrem ersten "Kunden" konnte sie nach dem Gespräch noch einen Schlafsack mitgeben - aus dem Spendenvorrat des Kiez-Vereins.

Auf dem Stuhl gegenüber von Harald Hüttmann nimmt jetzt eine ältere Frau Platz. Sie ist bereits zum dritten Mal zu Besuch. Wegen eines Problems mit ihrem Vermieter musste sie ausziehen. Hüttmann hatte sie mit Tipps und Telefonnummern versorgt. Jetzt berichtet sie freudig, dass sie wieder in ihre alte Wohnung zurückdarf.

Für den 69-Jährigen geht es darum, das zu tun, was er früher als Lehrer auch gemacht hat: Beziehungen aufzubauen. Mittlerweile gibt es ein paar Menschen, die immer wieder kommen. Die meisten wollen einfach ein bisschen Gesellschaft. Mit einem jungen drogensüchtigen Obdachlosen hier vom Platz pflegt Hüttmann inzwischen eine Freundschaft: "Er war der Erste, der mich nicht um Geld angeschnorrt hat, sondern er wollte Werkzeug, um an seinem Bollerwagen zu werkeln." Schließlich half er ihm dabei. "Unsere Aktivität erdet mich", sagt Hüttman.

Und wo liegen die Grenzen dessen, was sie gewillt sind, sich anzuhören? "Wenn mich jemand mit Verschwörungstheorien zumüllt, muss er gehen", sagt Marianne Rätzsch. Das sei aber zum Glück noch nicht passiert. Sie hofft, dass sie den Zuhör-Kiosk bald fest etablieren können, am besten sieben Tage die Woche. Und dass sich die Idee schnell weiterverbreitet. Sie hat schon von einem Paar in Fürstenberg gehört, die einen Wohnwagen umgebaut haben sollen und dorthin Leute einladen zum Teetrinken und Reden. "Am schönsten wäre, wenn noch viel mehr Menschen die Idee aufgreifen, sich einander zuwenden und miteinander von Angesicht zu Angesicht ins Gespräch kommen."

© SZ/ake
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