Süddeutsche Zeitung

Auto-Disco:"Wir wollen eure Lichthupe sehen!"

Clubs sind immer noch zu, Konzerte abgesagt, Festivals sowieso. Dann also in die Autodisco. Über Parkplatz-Exzesse und Flirts zwischen Audi A1 und VW Golf.

Von Berit Dießelkämper, Heide

Weil es ja gerade nicht anders geht, hockt Mika vor dem heruntergelassenen Fenster des gelben Opel Cabrios. In dem Auto sitzen zwei junge Frauen. Er fragt: "Seid ihr von hier?" Ihre Antwort geht im Beat und Hupen der anderen Autos unter. Mika hastet geduckt die paar Meter zurück zu seinem Auto, greift durch das offene Beifahrerfenster und holt zwei Kurze heraus. Zurück am Cabrio: Anstoßen, Prost, Kopf in Nacken.

Mika will feiern, flirten, einen ausgeben. Deswegen ist er an diesem Abend hier auf dem Parkplatz unter dem Heider Fernsehturm etwa 100 Kilometer nordwestlich von Hamburg. Clubs sind immer noch zu, Konzerte und Festivals immer noch abgesagt, dann eben Autodisco mitten in der norddeutschen Provinz. Klar, das muss man sich ansehen - auch um zu verstehen, wie das funktioniert, im Auto zu feiern. Und ob das eine ernsthafte Alternative sein kann, wenn man eigentlich die ganze Zeit sitzen muss, nicht flirten kann und zumindest als Fahrerin auch nicht trinken.

Zwei Stunden früher: Es ist Viertel vor zehn am Pfingstsamstag. Nach neun Wochen Shutdown in Schleswig-Holstein wird hier in Heide, 20 000 Einwohner, seit Mitte Mai jeden Freitag und Samstag Party gemacht. Gestern war das Motto "Hardstyle Car X-plosion" mit DJ the Flow aka Dr. Druck und Special Guest Hardstyle Henning. Heute legt DJ Diamond auf. Morgen ist die Pfingstfete der Landjugend, der Interessenvertretung junger Menschen auf dem Land.

"Corona-Maske auch für das Auto?"

Die Sonne ist gerade untergegangen, und vor dem Eingang der Autodisco, die sonst ein Autokino ist, hat sich eine kleine Schlange gebildet. In zweiter Reihe hält ein rotes Opel Cabrio. Ein Mann im Rammstein-T-Shirt und eine Frau in weißer Jeans springen rauchend heraus, auf der Rückbank sitzen eine junge Frau und ein kleiner Junge. Am Rückspiegel hängt ein elektrisches Stroboskop, dazu legen sie noch eine LED-Leuchtschrift auf das Armaturenbrett, öffnen die Motorhaube und klemmen ein Banner ein. Aus dem schwarzen Bus daneben, einem Mercedes Viano, guckt ein Kopf aus dem Dachfenster.

"Corona-Maske auch für das Auto?"

"Bisschen ... muss doch auch geschützt sein."

Der Kopf liest, was auf dem Banner steht: "Ihr seid die Geilsten, Autodisco 2020". Dann kleben der Mann und die Frau zusammen mit dem Jungen noch eine LED-Leiste von außen um das Auto herum.

Wenn man sich schon selbst nicht zurechtzumachen braucht, weil man niemanden kennenlernen kann und eh mit den gleichen Menschen nach Hause geht, mit denen man gekommen ist, dann eben ein buntes Auto. Haben sich auch andere gedacht. Der Einlass beginnt, und die Autos fahren auf das Gelände. Einer der Veranstalter weist die Einweiser an, einige Autos noch einmal umzuparken. Für mehr Abstand, falls jemand besoffen die Tür aufschlägt, sagt er. Mittlerweile ist es fast dunkel, und es riecht nach Gras. Also Drogengras, nicht frisch gemähtes Dorfgras.

Pünktlich um halb elf sitzen mehr als 100 Menschen in ihren Autos aufgereiht vor einer Leinwand mit Lichtshow und warten darauf, endlich trinken und feiern zu können. Links von der Leinwand ist eine kleine überdachte Bühne mit DJ-Pult und DJ Diamond. Von dort wird der Sound auf die Autoradios übertragen. DJ Diamond mixt Hardstyle-Beats mit der Stimme von Mark Forster. Unter ihm tobt nicht wie sonst die Menge, er guckt nur auf einen starren Haufen Blech.

Gelegentlich wackelt der Haufen Blech auch hin und her - immer dann, wenn der Moderator die Autos und das beinhaltete Partyvolk zu irgendeiner Reaktion animiert:

"Könnt ihr mich hören?"

Hupen.

"Wir brauchen die Warnblinker!"

Warnblinker blinken.

"Wir wollen eure Lichthupen sehen!"

Lichthupen leuchten.

Und so hupen und blinken sie zusammen auf Mindestabstand und jede Autobesatzung für sich. Sie dürfen ihre Autos nur im Notfall verlassen oder wenn sie zu einem der Dixiklos in den Ecken des Geländes müssen. Aber eine Party wäre keine Party, wenn sich alle an die Regeln halten würden. Exzess in Zeiten von Corona sieht dann so aus: Der weiße Audi A1 ist ganz offensichtlich mit dem schwarzen VW Golf neben ihm befreundet, denn immer wieder gehen die Türen auf, und die Insassen wechseln geduckt vom einen in das andere Auto. Während des Wechselvorgangs tanzen sie auf dem Platz zwischen den Autos Discofox. Bis jemand von den Veranstaltern kommt und sie bittet, wieder in die Autos zu gehen.

Es fühlt sich bedeutend an - und völlig absurd

Vor ein paar Wochen, sagt einer der Veranstalter, gab es eine Beschwerde wegen der Lautstärke, und die Polizei kam vorbei. Seitdem soll vorsorglich ab halb zwölf nicht mehr gehupt werden. Also gibt es um halb zwölf eine kurze Durchsage: "Bitte nicht mehr hupen, sonst werden wir verhaftet." Jemand hupt. Ansonsten halten sich alle an die Vorschriften, vermutlich ist die Angst zu groß, auch das hier könnte wieder verboten werden.

So langsam wird der Unterschied im Alkoholspiegel zwischen Fahrern und dem Rest bemerkbar. Die Nebelmaschine hat den Platz eingeräuchert, der Zigarettenrauch aus den Autofenstern hat dabei geholfen. Zum Abschluss kommt DJ Diamond von seiner Bühne runter, tanzt auf dem Vorplatz und rennt durch die Autoreihen. Dann spielt er "Angels" von Robbie Williams, alle leuchten mit ihren Handytaschenlampen, und man hat irgendwie das Gefühl, das hier ist etwas Bedeutendes, etwas Besonderes, nie da Gewesenes, aber trotzdem völlig absurd.

Dann, nach eineinhalb Stunden, ist Zapfenstreich. Die Menschen steigen aus, rennen um ihre Autos, montieren die Lichter ab, öffnen die Motorhauben, holen Batterien heraus und geben sich selbst Starthilfe. Nach fünf Minuten ist der Platz komplett leer. Sie fahren nüchtern bis betrunken in die Nacht, aber wahrscheinlich doch einfach nur nach Hause. Ein paar bleiben vor dem Gelände zurück, stehen um ihre Autos herum, trinken weiter, dicht an dicht, ohne Mindestabstand, und man fragt sich, was dann der ganze Aufriss eben eigentlich sollte.

DJ Diamond sagt, das sei immerhin etwas, das man den Menschen in dieser Zeit geben kann. Für Kulturschaffende ist das gerade die einzige Möglichkeit, besser als nichts. Morgen dann wieder, nächstes Wochenende auch, einfach so lange, bis alles wieder normal ist - falls es das denn jemals wird.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4927763
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 13.06.2020/olkl
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.