Corona und Alltag:Wir neuen Fenster-Menschen

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Corona und Kontaktverbot - Warum so viele Menschen am Fenster stehen

"Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch Lockerungen für Kinder geben muss": Die Kleinsten haben unter dem Lockdown besonders gelitten.

(Foto: Oliver Dietze/dpa)

Plötzlich ist das Fenster wieder überall: auf Fotos, Videos, Zeichnungen - und damit mitten in unserem Leben. Über die Sehnsucht nach tröstlicher Banalität.

Von Hannes Vollmuth

Wie unglaublich groß diese Krise ist, kann man schon daran ablesen, dass bereits drei Bilder darum streiten, sich für immer und ewig in unsere Gehirne einzubrennen (und das wahrscheinlich auch tun werden): Da ist die 3D-Visualisierung des Virus selbst, rund, bunt und stachlig; da ist der Mensch mit einer Maske vor dem Mund, Bote einer Bedrohung, Träger einer potenziellen Gefahr; da ist aber auch: das Fenster.

Wohin man jetzt schaut: Überall stehen Menschen am Fenster und nach blicken nach draußen. Man entdeckt sie bei langen Spaziergängen in den Wohnvierteln. Man sieht sie auf den Bildern der Nachrichtenwebseiten, in den Zeitungen und Blogs, man begegnet ihnen auf Instagram und Twitter. Als hätten sich alle verabredet, dort zu stehen und zu schauen, Kerzen anzuzünden, Regenbögen an die Scheibe zu malen und Zettel aller Art anzubringen, die Trost spenden sollen und das auch tun.

Es gibt Fenster-Konzerte, Fensterblick-Initiativen, Fenster-Dates, bei denen sich Menschen verabreden und zuwinken. Es gibt Robby Hunke, einen ARD-Sportmoderator, der den stillstehenden Alltag von seinem Kölner Fenster aus betrachtet, filmt und wie eine Sport-Reportage kommentiert: "Wenig los im Moment, kaum Fans da, mal gucken, ob die Spieler wenigstens gut eingreifen hier ..." - und dann einen Ball nach unten auf die Straße wirft.

Corona und Kontaktverbot - Warum so viele Menschen am Fenster stehen

Das Fenster als Anti-Screen - wie in Catonsville, Maryland, USA.

(Foto: Carolyn Kaster/AP)

Auch Begriffe wie "Window Talking" sind plötzlich in den Hauptnachrichten. So geschehen in Cleveland, Ohio, beim US-Fernsehsender "News 5". Auch hier Menschen, die durch geschlossene Fenster winken, gestikulieren, küssen, über Glasflächen streichen, um den Enkelkindern hinter der Scheibe zu sagen, wir lieben euch.

In Stuttgart, wo man auf einen Trend aus Wien reagiert hat, das wiederum von Paris abkupferte, floriert der Instagram-Hashtag #Stuttgartfrommywindow (Stuttgart von meinem Fenster aus besehen). Stadtansichten versammeln sich dort, die es in normalen Zeiten nicht mal auf den internen Speicher eines Smartphones geschafft hätten - geschweige denn ins Internet: Hinterhöfe, leere Straßen mit parkenden Autos, viele Hausdächer mit rötlichem oder blauem Himmel darüber.

Stinknormale Banalitäten, die man schrecklich vermisst und dringend herbeisehnt.

Corona und Kontaktverbot - Warum so viele Menschen am Fenster stehen

Großelternliebe auf Distanz in Düsseldorf.

(Foto: dpa)

Kurzer Ausflug in die Kunstgeschichte, wo das Fenster als bedeutungsschwangere Schnittstelle zwischen drinnen und draußen schon häufiger Thema war: am Beginn des letzten Jahrhunderts bei Henri Matisse und René Magritte, später dann bei Edward Hopper und Jeff Wall, in jüngster Zeit schließlich bei David Hockney, der gleich so dermaßen viele Fensterbilder fabriziert hat, dass ein soeben erschienener Band fast nicht ausgereicht hätte, sie alle zu fassen.

Aus dem Corona-Jahr 2020 betrachtet, was viele Dinge in neuem Licht erscheinen lässt, ging es bei den oben Genannten aber nie um das Fenster selbst - oder um den tatsächlichen Blick nach draußen. Fenster in der Kunstgeschichte und der Blick durch sie hindurch sind Metaphern, zumindest meistens. Wer auf einer Leinwand durch ein Fenster nach draußen blickt, blickt in sich selbst hinein: in Ängste, Hoffnungen und Seelenzustände.

Metaphern? Seelenzustände? Ich-Bespiegelung? Man wird das Gefühl nicht los, dass sich die Bedeutung der Fensterkultur aktuell ins Gegenteil verkehrt. Man schaut nämlich - erstens - gerade wirklich ernsthaft nach draußen. Und - zweitens - hat der Blick aus dem Fenster noch selten für so viel Beruhigung gesorgt wie jetzt. Wer sich ans Fenster stellt, der merkt: Die Welt ist immer noch da, die Sonne scheint und am Himmel fliegen die Wolken. Eine schlichte, aber nicht unerhebliche Botschaft.

Corona und Kontaktverbot - Warum so viele Menschen am Fenster stehen

Einfach nur rausschauen - hier in Dubai.

(Foto: Karim Sahib/AFP)

Noch einmal zurück in die Geschichte, zu Alfred Hitchcocks Film "Das Fenster zum Hof". Jeff, ein Fotograf, sitzt da mit eingegipstem Bein und im Rollstuhl am Fenster seiner New Yorker Wohnung und langweilt sich zu Tode. Da beobachtet er durch jenes titelgebende Fenster zum Hof einen Mord, scheinbar: Auftrieb und Abwechslung für Jeff - Thrill und Suspense.

Was es alles vom Fenster aus zu erleben gibt - darum ging es bei Hitchcock. Lange her. Jetzt sind die Gründe, nach draußen zu blicken, Äste, die sich im Wind wiegen, Rotkehlchen, die auf Futtersuche sind, Nachbarn, die das Altglas wegbringen (und vielleicht winken), Sonnenstrahlen, die Schatten werfen, die wiederum an Hauswänden entlangwandern.

Auf Twitter war vor Kurzem zu sehen, wie sich eine Frau aus Leeds, Nordengland, so sehr für die Katze am Fenster gegenüber interessierte, dass sie zu Stift und Zettel griff. Sie schrieb: "What is the black + white cat called?", wie die schwarz-weiße Katze heiße? Worauf wenig später, am Fenster gegenüber, ebenfalls ein Zettel erschien: "Walter".

Andere Menschen musizieren am Fenster - für sich und die Nachbarn, klopfen an die Scheibe, um auf sich aufmerksam zu machen, hängen dort Bilder auf oder stehen einfach nur da.

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Musizieren am Fenster in Erfurt.

(Foto: Jens Meyer/AP)

Ein Stadtmagazin in Los Angeles hat Motive dieser Art jetzt sogar zusammengetragen. Zuerst, so zitiert das Magazin die Fotografen, seien sie nur verzweifelt gewesen: Wie Menschen fotografieren, denen man nicht nahekommen darf? Die Antwort, die sie mit ihren Bildern gefunden haben, kommentiert das Magazin jetzt folgendermaßen: "It's turned into something of a mini-trend", es hat sich zu einem Mini-Trend entwickelt.

Und ist es nicht auch so? Man erlebt den Platz am Fenster und das Nach-Draußen-Schauen auch deshalb als tröstlich, weil man den Rest des Tages mit einer ganz anderen Art von Fenstern verbringt? In ganz andere "Windows" schaut: in Screens mit Nachrichten, die auf Laptops, Tablets, Smartphones und Fernsehern aufleuchten - und die uns ständig den Grund in Erinnerung rufen, warum wir hinter dem Fenster und nicht davor.

Das Fenster als wohltuendes Anti-Internet. Und mehr gibt es zur neuen Fenster-Faszination auch schon gar nicht zu sagen.

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