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Pandemie:Wie Corona unsere Sprache beeinflusst

Illustration Panorama, Corona Wortschatz, ET 6.5.2020
(Foto: Alper Özer)

Jede Krise gebiert ihr Vokabular. Seit dem Ausbruch der Pandemie haben Wortschatzforscher viele typische Begriffe identifiziert - von "Abstrichzentrum" über "Immunitätsausweis" bis "Öffnungsdiskussionsorgien".

Von Alexander Menden

Wer sehnt sich nicht in die Zeiten zurück, in denen nur die wenigsten medizinischen Laien wussten, was "Triage" oder "Übersterblichkeit" bedeutete und in denen Begriffe wie "Spuckschutzscheibe" oder "Distanzschlange" noch gar nicht erfunden waren? Sie liegen nur gut zwei Monate zurück, auch wenn es vielen weit länger vorkommen mag. Nie in jüngerer Vergangenheit hat ein einzelnes Thema unser Vokabular so dominiert wie die Corona-Krise.

Allein das Wort "Corona" selbst hat uns binnen Kurzem eine Flut neuer zusammengesetzter Hauptwörter beschert: Von "Corona-Hysterie" sprechen jene, die die Gegenmaßnahmen für überzogen halten. Ein möglicher Anstieg der Geburtenrate neun Monate nach Beginn des "Lockdowns" (noch so ein Corona-Wort) könnte eine Generation von "Corona-Babys" hervorbringen. Während in der EU über "Corona-Bonds" gestritten wird, bereiten sich deutsche Gymnasiasten aufs "Corona-Abitur" vor.

"Solche Wörter sind unser Brot- und-Buttergeschäft", sagt Henning Lobin, Leiter des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS). "Mindestens genauso interessant sind aber Begriffe wie 'Coronoia' und 'Coronials' - Parallelbildungen zu 'Paranoia' und 'Millennials', die bestehende Bildungsmuster auf die gegenwärtige Situation anwenden."

Das Institut mit Sitz in Mannheim dokumentiert sprachliche Entwicklungen des Deutschen. Unter anderem sammelt das IDS sogenannte Neologismen und erfasst, wann welche dieser neuen Wörter besonders häufig benutzt werden. Daran könne man "regelrechte Mentalitätszyklen ablesen", sagt Lobin.

Neue Wörter entstehen - und gleichzeitig schrumpft das Vokabular

Immer wieder prägen außergewöhnliche Ereignisse kurzfristig unser Vokabular. Beispiele sind die Anschläge vom 11. September 2001, die der Welt Sprachbilder wie "Ground Zero" oder "Die Achse des Bösen" bescherten, oder der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull vor zehn Jahren, als das Wort "Aschepartikel" Hochkonjunktur hatte. Was Corona einzigartig mache, sagt Henning Lobin, sei der ausschließliche und vergleichsweise lang anhaltende Einfluss, den das Thema auf die Sprache von Medien, Politik und Wirtschaft habe. Seit Beginn der Krise machten die Wortschatzforscher des IDS die Beobachtung, dass das Vokabular schrumpfte, zumindest in den deutschsprachigen Online-Medien: Während normalerweise die 100 am häufigsten verwendeten Wörter von Tag zu Tag sehr variieren, setzten sich im Laufe von 18 beobachteten Wochen "Coronavirus" und "Corona-Krise" ziemlich unangefochten an die Spitze, gefolgt von "Deutschland" und "Menschen".

Das Mannheimer Institut führt eine stetig überprüfte und ergänzte Liste von Wörtern, die im Umfeld der Pandemie entstanden oder gebräuchlich wurden, von "Abstrichzentrum" bis "zoomen". Hinzu kommen bereits bestehende Begriffe, die neu besetzt wurden, wobei manche eher beschönigend, andere verstärkend wirken. Die viel beschworene "Öffnung" der Gesellschaft etwa hält Henning Lobin für einen Euphemismus: "Es ist ja viel mehr geschehen, als dass etwas geschlossen wurde - es wurden Grundrechte beschnitten", sagt er. "Die allmähliche Rücknahme dieses komplexen Ad-hoc-Kataloges gesetzlicher Maßnahmen ist mit 'Öffnung' sehr unvollkommen beschrieben." Das Wort "Epizentrum", auf den Ausbruch nach einer Karnevalsfeier in Heinsberg angewandt, empfindet er hingegen als "Dramatisierung, die unterstreicht, wie wichtig das im epidemischen Prozess war".

Einige der Neubildungen bezeichnen eher kurzlebige Phänomene: Die "Corona-Partys" etwa wurden nach wenigen Tagen unterbunden, der "Gabenzaun" - laut IDS-Definition ein Zaun, "an den Tüten mit (Lebensmittel)-Spenden für Bedürftige gehängt werden" - wird die akuten Ausgangsbeschränkungen womöglich auch nicht überdauern. Manche, wie der gerade heiß diskutierte "Immunitätsausweis", sind so neu, dass sie in der Liste noch gar nicht auftauchen. Wieder andere entstehen spontan, wie Angela Merkels "Öffnungsdiskussionsorgien". Die Kanzlerin spitzte damit eine Meinung zu und entfachte eine Debatte über ihre Wortwahl. Die Bemerkung fiel in einer nicht öffentlichen Diskussion über die "Exit-Strategie", ein Thema, das für viele Menschen existenziell ist. Das habe den Eindruck vermittelt, "dass sozusagen die Ehrfurcht vor dem Gegenstand fehlt", erklärt Henning Lobin.

"Home Office" heißt in Großbritannien das Innenministerium

Eine eigene Gruppe innerhalb des Corona-Vokabulars bilden aus dem Englischen übernommene Begriffe wie "Social Distancing" sowie "denglische" Wörter, von denen das "Home Office" eines der prominentesten sein dürfte. Diesen Begriff gibt es in Großbritannien auch, dort bezeichnet er allerdings nicht den Schreibtisch daheim, sondern das Innenministerium. Durch die Verwendung des Englischen werde das deutsche Wort "Heimarbeit" aufgewertet. "Diese Pseudoanglizismen sind aber nicht einfach schlechtes Englisch", erläutert der IDS-Direktor. "Sie bezeichnen im Gegenteil sehr differenziert etwas, das offenkundig einen Bezeichnungsbedarf besitzt."

Die jüngsten Erhebungen des IDS zeigen allerdings, dass die Frequenz der Corona-Wörter im Verhältnis zu anderen Vokabeln bereits langsam wieder abnimmt - einhergehend mit der langsamen Öffnung - und früher, als die Linguisten erwartet hatten. Insgesamt geht man am IDS davon aus, dass sich dieses Verhältnis nach einer "Normalisierungsperiode" wieder da einpendeln wird, wo es vor der Pandemie war.

Welche Wörter aus dem Corona-Pool sich halten werden, ist derzeit schwer zu prognostizieren. Der epidemiologische Wortschatz mit seinen "Partikeldurchmessern" und "Reproduktionszahlen" jedenfalls wird vermutlich wieder aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Kandidaten für eine Verankerung im Alltag seien vor allem solche Wörter, die auch eine konkrete Veränderung in der Welt beschreiben, glaubt Lobin. So könnte es sein, dass wir am Ende mit dieser Zeit vor allem einen Begriff verbinden, das schon lange gebräuchlich ist, nun aber permanent völlig neu besetzt ist: das Wort "Maske".

© SZ/nas
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