Contra Schafft Oasen!

Handys und Laptops gehören nicht in die Hände von Grundschülern.

Von Michael Winterhoff
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Als Kinder- und Jugendpsychiater komme ich täglich mit Kindern aller Altersklassen und den Auswirkungen einer frühen digitalen Erziehung in Berührung. Was ich immer häufiger erlebe ist: Je früher Kinder mit Smartphones, Tablets und Computern konfrontiert werden, desto narzisstischer und egomanischer werden sie. Sie werden nicht nur von Bewegung, unmittelbaren Erfahrungen und direkter Kommunikation abgehalten, sondern auch in ihrem Kleinkind-Weltbild bestätigt: Ich wische, also passiert etwas. Von dieser Vorstellung, jederzeit alles nach Belieben bedienen und alles steuern zu können, kommen viele dann auch später nicht mehr los. Dies gilt ganz besonders für nicht altersgemäß entwickelte Kinder und Jugendliche. Die Vorstellung, dass das Internet oder Apps auf dem Smartphone auch schon kleine Kinder fördern könnte, ist deshalb völlig falsch. Ganz im Gegenteil: Es sorgt für permanente Lustbefriedigung. Gleichzeitig werden die Kinder durch die Reizüberflutung völlig überfordert und driften nicht selten in Parallelwelten ab.

Ich kann deshalb nur nachdrücklich appellieren: Kindergärten und Grundschulen müssen digitalfreie Oasen sein; wir müssen Kinder bis zum zehnten Lebensjahr möglichst umfassend vor Digitalisierung schützen. Natürlich, es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, Computer, Tablets und Co. in Kindergärten und Schulen einzusetzen. Wenn Lehrer Hilfsmittel verwenden, kann das sicherlich sinnvoll sein - man sollte aber gut überlegen, ob es sich um eine zeit- und kostenintensive Spielerei handelt, oder ob sie den Unterricht wirklich bereichern und voranbringen.

Was es allerdings auf jeden Fall zu vermeiden gilt, ist, dass Laptops, Handys oder Tablets in die Hände von Grundschülern gegeben werden. Bereits jetzt ist aus dem lehrerzentrierten vielerorts ein schülerzentrierter Unterricht mit offenen Konzepten und Lernstationen geworden. Der Lehrer darf nicht noch weiter durch den Computer abgelöst werden, das wäre fatal. Auch dann nicht, wenn dadurch die "Medienkompetenz" von Grundschülern oder gar Kindergartenkindern gefördert werden soll. Schließlich setzt man auch keine Grundschüler ans Steuer und lässt sie den Führerschein machen, "damit sie später mal fürs Leben gerüstet sind".

Mit digitalen Medien umgehen zu lernen ist eine Aufgabe, die durchaus in den Unterricht gehört. Sie sollte aber erst dann auf dem Stundenplan stehen, wenn die Jugendlichen wirklich ohne Begleitung der Eltern in den Medien unterwegs sind, also in den weiterführenden Schulen.

Quer durch alle Parteien wird auch immer wieder die Forderung laut, dass Kinder - teilweise schon von der ersten Klasse an - in einem Pflichtfach "Informatik" das Programmieren lernen sollen. Eine völlig absurde Vorstellung! Hier ist die Wirtschaft nicht ganz unbeteiligt. 2018 meldete die IT-Branche 82 000 unbesetzte Stellen. Die Nöte sind groß. Doch der Nachwuchsmangel liegt nicht darin begründet, dass Kinder in der Schule nicht das Programmieren gelernt hätten. Eher darin, dass immer weniger Jugendliche über die Fähigkeiten verfügen, sich in ein neues Tätigkeitsfeld hineindenken zu können. Abgesehen davon wird der Mensch beim Programmieren heute schon zunehmend durch Technik ersetzt. Viel wichtiger ist es deshalb, Ideen zu haben, die dann in digitale Codes und Programme umgesetzt werden. Für diese Kreativität braucht es die entwickelte Psyche. Und die entsteht eben nicht dadurch, dass ein Kind möglichst früh vor einem Bildschirm sitzt.

Ich erlebe leider immer wieder, dass viele Kinder zu Hause nicht basteln, dort keinen Zugang zu Musik haben, nicht wissen, wie Wald riecht oder sich Moos anfühlt. Umso wichtiger ist, dass ihnen diese und viele andere Erfahrungen in Kindergarten und Grundschule angeboten werden. Denn bevor Kinder digitale Medien verwenden, müssen sie erst einmal in der realen Welt ankommen und sie mit Händen und Füßen entdecken, erobern, begreifen.

Wir befinden uns mitten in einem Digitalisierungswahn. Dabei übersehen wir, dass wir unsere Kinder nicht auf ein digitalisiertes Zeitalter vorbereiten müssen. Die Digitalisierung ist nur eine Form von Technik, die vieles möglich macht. Ein Mensch mit entwickelter Psyche kann sich mit jeder Technik auseinandersetzen, für die er sich interessiert. Aber für die entwickelte Psyche braucht es Zeit. Zeit ohne Computer, ohne Tablets, ohne Smartphones. Frühkindliche, spielerische, digitalfreie Zeit.

Michael Winterhoff, 64, ist Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut, Bestsellerautor und Vater von zwei Kindern. Im Mai erschien sein neues Buch "Deutschland verdummt" (Gütersloher Verlagshaus).