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Coming-out:"Ich würde es trotzdem niemandem auf die Nase binden"

Meine erste Freundin hatte ich mit 17. Ich hab' sie über das Diversity-Jugendzentrum in München kennen gelernt, wo sich junge Lesben und Schwule regelmäßig treffen. Wir sind sogar am selben Tag geboren und waren ein Jahr zusammen. Am Anfang wollte sie in der Öffentlichkeit nicht Händchen halten, weil sie vermeiden wollte, dass es gleich alle Mitschüler wissen. Schließlich trafen wir uns immer in der Münchner Innenstadt, wo sie zur Schule ging. Eines Tages hat sie aber beschlossen, dass es ihr jetzt egal ist.

An meiner Schule hat es sich irgendwann auch herumgesprochen. Sogar einige meiner Lehrer wussten Bescheid. Zum Glück hatte niemand Probleme damit - ich war einfach an einem sehr toleranten Gymnasium. In der Öffentlichkeit habe ich ebenfalls keine negativen Erfahrungen gemacht. Manche gucken zwar ein bisschen komisch, wenn zwei Frauen Händchen halten, aber es ist noch nie jemand aggressiv geworden.

Frauen haben es aber einfacher als Männer. Mädels sind sowieso immer enger beisammen, da sind die Grenzen zwischen Freundschaft und Beziehung vom Verhalten her fließend. Bei Jungs wird es schneller klar. Und Jungs sind dem eigenen Geschlecht gegenüber weniger tolerant. Ich glaube, die haben einfach Angst davor, dass ein Schwuler auf sie stehen könnte.

"Dann haben die Kleinen eben zwei Mamas, warum nicht?"

Als letztes haben die Mädels in meinem Tennisclub von meiner Homosexualität erfahren. Ich wollte am Anfang mit denen nicht drüber reden. Erstens sind sie keine engen Freunde, und zweitens haben sie manchmal Bemerkungen gemacht wie "Die sieht aus wie 'ne Lesbe". Das hat mir nicht gepasst. Eines Tages, da war ich 18, haben sie dann über ihre Freunde geredet und mich gefragt, ob ich auch einen habe. "Ich hab' ne Freundin", habe ich gesagt. Da war die Antwort erst mal nur "Aha." Dann haben sie ein bisschen getuschelt und später nochmal nachgefragt. Aber zum Glück haben sie sich nicht dran gestört.

Ich würde trotzdem niemandem einfach so auf die Nase binden, dass ich lesbisch bin. Sobald man enger befreundet ist, kommt das Thema sowieso zur Sprache. Heute gehe ich immer noch zu den Diversity-Treffen und bin inzwischen sogar im Leitungsteam der lesbischen Jugendgruppe. Dort bekomme ich natürlich mit, wie bei anderen das Coming-out abläuft. Bei vielen gibt es ähnlich wenig Probleme wie bei mir, aber es kommt sehr darauf an, in welche Schule man geht und mit wem man zu tun hat. Für Migranten ist es sicherlich besonders schwierig.

Generell finde ich aber, dass die Akzeptanz für Homosexuelle in der Gesellschaft so groß ist wie noch nie. Mit dem Internet ist es außerdem einfacher, sich zu informieren und andere Homosexuelle kennenzulernen. Ich selbst hatte zum Beispiel eine lesbische Brieffreundin. Auch zu den Treffen der Vereine traut man sich eher, wenn man gemeinsam mit einer Internetbekanntschaft hingeht.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Lesben und Schwule den Heterosexuellen vollkommen gleichgestellt werden. Ich finde die eingetragene Lebenspartnerschaft super, aber warum können Homosexuelle nicht heiraten wie jeder andere auch? Außerdem sollten Homosexuelle Kinder adoptieren können. Ich selbst will später auf jeden Fall Kinder. Dann haben die Kleinen eben zwei Mamas, warum nicht?

Wenn heute ein zwölfjähriges Mädchen meinen Rat suchen würde, weil sie glaubt, lesbisch zu sein, dann würde ich ihr Mut machen und ihr sagen, sie soll es locker angehen. Vieles beim Coming-out ergibt sich einfach, zumindest war das bei mir so. Trotzdem glaube ich, dass es Coming-outs noch lange geben wird. Bis jemand fragt: "Hast du eigentlich einen Freund oder eine Freundin?" wird es noch eine Weile dauern.